Burhave - Um herauszufinden, wie viel Regen im Januar 1944 in Butjadingen gefallen ist, braucht Heinrich-Wilhelm Francksen eine knappe Minute. So lange dauert es, bis er ins Zimmer nebenan gegangen ist, zielsicher eine braune Kladde aus dem Regal gefischt hat, zurück im Wintergarten ist und in eben dieser Kladde die erste Seite aufgeschlagen hat. Es waren 88,2 Liter pro Quadratmeter. Darf’s noch die Regenmenge des gesamten Jahres sein? Bitteschön: 772,82 Liter. Das ergibt eine durchschnittliche Monatsmenge von 64,4 Litern.
Die braune Kladde, in der all das steht, ist schon ein bisschen zerfleddert. Das darf sie auch sein. Denn das Buch ist fast 74 Jahre alt, war über drei Generationen im ständigen Gebrauch. Heinrich-Wilhelm Francksens Großvater Heinrich Francksen hat es angelegt.
Er war der erste der Francksens, der – damals noch in Ruhwarden – als ehrenamtlicher Wetterbeobachter in Butjadingen tätig wurde. 1953 erbte Heinrichs Sohn Wilhelm Francksen den Job. 1988 folgte dessen Sohn, Heinrich-Wilhelm Francksen. Der ist inzwischen 82 Jahre alt und will nur noch bis zum Spätherbst weitermachen. Der Deutsche Wetterdienst sucht nun einen Nachfolger für den Bereich Burhave.
Morgendliches Ritual
Seit 30 Jahren beginnt bei Heinrich-Wilhelm Francksen jeder Morgen gleich. Der frühere Landwirt steht auf, zieht sich an, geht in den Garten. Dort steht ein silbern-glänzender Zylinder – das wichtigste Werkzeug des Wetterbeobachters. Heinrich-Wilhelm Francksen öffnet den Zylinder, nimmt ein trichterförmiges Gefäß heraus. Darin hat sich, wenn es denn Niederschlag gegeben hat, der Regen gesammelt. Der Burhaver füllt das Wasser in einen Messbecher um, liest an dessen Skala die Niederschlagsmenge ab und setzt sich an seinen PC. Den oder sein Smartphone nutzt der 82-Jährige seit einigen Jahren anstelle der braunen Kladde, um die Daten festzuhalten und dem Wetterdienst zu melden.
Der Ursprung der Niederschlagsmessung in Butjadingen liegt in Tossens. Ab dem 1. Mai 1903 wurden dort durch den Auktionator Wehlau Wetterdaten gemessen und beobachtet. So steht’s in Band III des Deutschen Meteorologischen Jahrbuchs für das Jahr 1903.
Von 1923 bis 1927 wurden regelmäßig Messungen in Düke vorgenommen. Die Messungen und Beobachtungen in Ruhwarden begannen am 1. März 1927. Als Beobachter war hier Theodor Töllner im Einsatz.
Die Familie Francksen übernahm am 1. April 1944 die Messungen und Beobachtungen. Im Jahr 1953 wurde die Station von Ruhwarden in den Bereich Burhave verlegt.
Seit 74 Jahren liegt die Arbeit, die wertvolle Daten und Erkenntnisse liefert, nun ununterbrochen in den Händen der Familien Francksen. Heinrich-Wilhelm Francksen erhielt im Jahr 2013 für 25 Jahre ehrenamtliche Tätigkeit für den Deutschen Wetterdienst die Wetterdienstplakette. Er betreut seit November 1988 die Station Burhave.
Ist Schnee gefallen, muss Heinrich-Wilhelm Francksen die Höhe der Schneedecke ermitteln; gegebenenfalls aufgesplittet nach Alt- und Neuschnee. Diese Daten gehen ebenfalls an den Deutschen Wetterdienst. Früher erfasste der Beobachter auch noch die exakten Niederschlagszeiten, gab die Bodenbeschaffenheit durch und machte Meldung von besonderen meteorologischen Ereignissen wie Gewitter, Hagel und Nebel. Das erledigt heute moderne Technik mit Satelliten-Unterstützung.
Schludern ist nicht
Doch die Erfassung des Niederschlags ist noch immer „Handarbeit“, und dabei ist Schludern nicht erlaubt. Die Messung muss im Sommer um 6.50 Uhr und im Winter um 7.50 Uhr erfolgen; maximal sind zehn Minuten Toleranz erlaubt. Spätestens um 8.15 Uhr beziehungsweise um 9.15 Uhr müssen die Daten an den Deutschen Wetterdienst übermittelt sein. Von dieser Regelung gibt es keine Ausnahme. Ist der Butjadinger im Urlaub oder krank, springt verabredungsgemäß Nachbar Erich Plümer ein.
Aber das ist nicht allzu oft nötig. Und die Gefahr, dass Heinrich-Wilhelm Francksen mal verschläft, besteht auch nicht. Ab einer bestimmten Zeit tickt morgens die innere Uhr, und die geht nach 30 Jahren im Einsatz für den Wetterdienst mit schweizerischer Genauigkeit. Nur einmal gab es in all den Jahren ein Problem. „Da streikte der Computer“, berichtet Heinrich-Wilhelm Francksen. Und ergänzt dann schnell: „Aber nicht meiner, sondern der vom Wetterdienst.“
Bis Oktober will Heinrich-Wilhelm Francksen nun noch weitermachen. Dann soll mit Wetterbeobachtungen für ihn Schluss sein. Den morgendliche Weg zum Messzylinder möchte er sich im nächsten Winter, wenn die Gehwegplatten in seinem Garten wieder spiegelglatt sind, nicht mehr antun. Ob er das allmorgendliche Ritual in Sachen Meteorologie vermissen wird, kann der Burhaver noch nicht sagen. Die innere Uhr indes wird ihn wohl auch künftig früh morgens aus den Federn holen.
