Butjadingen - Freitag vor Pfingsten, 15 Uhr, Strandallee Tossens: Man denkt, man ist auf einer Hauptstraße in Berlin mitten im Feierabendverkehr. Unzählige Autos, Wohnmobile oder Vans mit Anhängern und Booten strömen Richtung Deich. Urlaub, endlich mal wieder Urlaub, so denken wohl die meisten der coronageplagten Touristen.
Lange Schlangen
Vor dem Einlass zum Knaus Campingpark am Friesenstrand bildet sich eine 80 Meter lange Autoschlange. Es stockt, weil bei einem Riesenreisemobil die Formalitäten wohl länger dauern. „So ein Gerät kostet um die 400 000 Euro, mehr als ein normales Haus. Lohnt sich nur, wenn man Rentner ist, die Kohle hat und ständig damit rumfahren kann“, sagt ein ebenfalls in der Schlange wartender Experte aus Herford.
Am Friesenstrand findet dieses Jahr kein Drachenfest statt, trotzdem gibt es zusätzlich zur vorhandenen Gastronomie noch einen Bierwagen und einen Lebkuchenstand. Auf der Flaniermeile, also die 300 Meter vom Kreisverkehr bis zum Deich, ist es rappelvoll. Ob Imbiss, Bäcker oder Restaurants, alle haben die Coronaregeln irgendwie umgesetzt und interpretiert, die Gäste halten sich größtenteils daran. Man sieht aber auch immer wieder Konstellationen, die nicht aus nur zwei Haushalten stammen können.
In Mels Vinoffee in Langwarden kann man bei Kaffee und Kuchen noch etwas Ruhe genießen, sowohl vorne Richtung Straße als auch hinten im Garten. Sehr angetan vom Ambiente ist das Ehepaar Zipp aus Ulm. Beide wollten, wie so viele andere auch, wieder einfach mal Urlaub machen. Da in Baden-Württemberg alles noch viel strenger gehandhabt wird als hier und ihre sonstigen Standardziele wie etwa Italien dicht sind, entschlossen sich die beiden, im Norden etwas zu mieten. Gelandet sind sie im Kreis Diepholz. Ein Tagesausflug führte sie spontan nach Langwarden. Vorher waren beide erstmals in ihrem Leben vor Eckwarderhörne im Watt. „Herrlich“, fanden sie.
Auch die Wega 2 fährt wieder. Mit gebührendem Abstand an Bord und beim Warten auf den Ein- oder Ausstieg läuft dort alles rund. Die dreijährige Lilly aus Burhave zeigt stolz ihr „echtes“ Goldstück, das sie bei der Piratenfahrt aus dem Schatz ergattert hat. Der Hafen ist voller Menschen, ob beim Fischimbiss oder am Bierwagen. Als wäre alles wieder wie früher...
Kaum weniger Gäste
Robert Kowitz von der TSB betont, dass es dieses Jahr kaum einen Unterschied zu den vergangenen Jahren gibt, was die Gästezahlen betrifft. Die Hotels dürften zwar nur 60 Prozent der Zimmer belegen, aber die Ferienwohnungen seien komplett vermietet.
Birgit Nöckel von der Nordseeklause in Tossens freut sich, dass es wieder losgeht. Ihr Restaurant liefert zwar mittags anders als früher nur außer Haus, aber abends sind alle vorhandenen Tische belegt. Ein durchdachtes Einbahnstraßensystem regelt die Wege der Gäste. Von ihren 22 Zimmern sind über Pfingsten 13 belegt, mehr darf sie nicht. Alle Zimmer werden peinlichst genau desinfiziert.
Stephan Rasper vom Klettergarten hat zwar ein gutes Pfingstgeschäft, aber er schätzt, dass er dieses Jahr nur auf 50 Prozent des normalen Umsatzes kommen wird. Nachbarin Sabine Ruppel vom Café Glück hat auch genügend zu tun, sie freut sich darüber, dass das neue Team gut funktioniert. Auf Hof Iggewarden wird mittags und abends gegrillt. Und heute, am Dienstag, wird Reinhard Evers das „Café Abstand“ eröffnen. Im großen Festsaal werden wenige Gäste an den riesengroßen Tischen mit reichlich Abstand sitzen können und kontaktlos sich selbst bedienen.
Mark Schuur, Manager des Center Parcs in Tossens, hat über Pfingsten 1053 Gäste. Die Hygienemaßnahmen werden von den Leuten gut angenommen. Das Personal ist vorher per E-Learning intensiv geschult worden. Da das Bad noch geschlossen ist, erhalten alle Gäste im Vorfeld als Ausgleich Ermäßigungsgutscheine. Servicekraft Britt Herter vom Caterer Areas findet es toll, dass Center Parcs und auch Areas das Kurzarbeitergeld freiwillig auf 90 Prozent aufgestockt haben.
Auch die anderen touristischen Hotspots wie Spielscheune, Nordseelagune und sogar das Museum Fedderwardersiel sind bei bestem Wetter gut besucht. Alles fast wie früher.
Nachdenklich macht allerdings die Beobachtung von Anja Thieling vom Markant-Markt in Tossens. „Himmelfahrt waren alle meine Kunden achtsam und rücksichtsvoll. Pfingsten waren sie hektisch und hielten sich zum Teil nicht an die Gebote, etwa nicht in Gruppen zu gehen.“
