Cloppenburg - Eine weitere kontroverse Diskussion um die erste Fahrradstraße Cloppenburgs ist am Mittwoch im städtischen Bau- und Verkehrsausschuss entbrannt. Die Menschen – egal ob Radler oder Autofahrer – seien mit den derzeitigen Zuständen an der Kirchhofstraße nicht zufrieden, begründete SPD-Ausschussmitglied Stefan Riesenbeck einen Antrag seiner Fraktion: Dieser sieht vor, alle Einbahnstraßen in Cloppenburg für Radfahrer in beide Richtungen freizugeben. Darüber hinaus solle die Geschwindigkeit in der Kirchhofstraße von 30 auf 20 km/h herabgesetzt und diese morgens während der Stoßzeiten an Schule und Kindergarten als temporäre Einbahnstraße laufen. Zudem solle die Beschränkung „Anlieger frei“ aufgehoben werden. Einstimmig wurde beschlossen, den Antrag in die Fraktionen zurückzuverweisen. Darüber hinaus soll die Stadtverwaltung die Umsetzbarkeit der Maßnahmen bis zur übernächsten Sitzung des Bau- und Verkehrsausschusses prüfen.
Warum empfinden Radler und Autofahrer den Ist-Zustand als schlecht?
Seit einigen Monaten ist die Kirchhofstraße Cloppenburgs erste Fahrradstraße – und keiner ist so richtig zufrieden: Radfahrer beklagen durchfahrende Autos, die dort nichts zu suchen haben. Autofahrer, die sich an die Regeln halten und die Kirchhofstraße umfahren, sind genervt von Dauerstaus am Prozessionsweg und an der Bergstraße. Die Anlieger wundern sich morgens über Autoschlangen an der Kirchhofstraße, auf der eigentlich der Radfahrer Vorrang haben sollte. Zudem – so viele Ortsunkundige – könne man erst sehr spät anhand der Beschilderung erkennen, dass man verbotenerweise in eine Fahrradstraße fahre.
Wie reagiert die Stadtverwaltung auf die Beschwerden?
Bauamtsleiter Armin Nöh legte das Ergebnis einer Verkehrszählung vor, mit dem er seine Behörde auf dem richtigen Weg sieht. Bei einer Verkehrszählung am 1. Juni 2017 – also vor dem Umbau zur Fahrradstraße – hätten in 24 Stunden 6990 Kraftfahrzeuge die Kirchhofstraße genutzt. Bei einer weiteren Zählung am 16. Januar 2020 – also einige Monate nach der Eröffnung der Fahrradstraße, seien lediglich noch 3711 Fahrzeuge auf der Kirchhofstraße unterwegs gewesen; davon allerdings 2375 (64 %) verbotenerweise im Durchgangsverkehr. 85 Prozent hätten die Geschwindigkeit von 34 km/h nicht überschritten, die Durchschnittsgeschwindigkeit habe sich bei 26 km/h eingependelt. „Sehr gute Werte“, freute sich Nöh.
Was meint der ADFC zu den Ergebnissen?
„Grundsätzlich sind wir für Fahrradstraßen“, sagte der Kreisvorsitzende des Allgemeinen Deutschen-Fahrradclubs, Michael Bertschik, am Donnerstag auf NWZ-Nachfrage. Im Falle der Kirchhofstraße seien die Ergebnisse jedoch enttäuschend, weil zum Beispiel immer noch 2375 Kfz täglich verbotenerweise durch die Kirchhofstraße führen. Zudem seien die Kfz-Verkehre lediglich auf andere Straßen verdrängt worden, die Bergstraße sei nun völlig überlastet. Demnach stiegen nur wenige Menschen vom Auto aufs Rad um. „Da hat man den Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben“, so Bertschik.
Und was sagt die Politik?
Ausschussmitglied Professor Dr. Lucien Olivier (CDU) hält die Einrichtung der Fahrradstraße im Nachhinein für einen Fehler: „Dabei haben wir uns vom Aktionismus anstecken lassen.“ Bei weitem nicht jeder der rund 3000 Fahrzeugführer, die jetzt nicht mehr auf der Kirchhofstraße führen, sei aufs Rad umgestiegen. Der motorisierte Verkehr sei lediglich verdrängt worden, mit dem Ergebnis, dass es jetzt täglich zu langen, chaotischen Staus auf der Bergstraße und am Prozessionsweg käme. Stehende Autos, die noch mehr Abgase in die Luft bliesen: Das könne noch keiner wollen.
Olivier machte sich in diesem Zusammenhang noch einmal nachdrücklich für die Südtangente stark. Diese helfe entscheidend dabei mit, Durchgangsverkehre aus der Stadt herauszuhalten.
