Frau Eggler, Hand aufs Herz, haben Sie einen Smartphone-Nacken?
Eggler Nee, so masochistisch bin ich nicht. Ich bin Herdplattenanfasser, ich glaube keiner Studie, die ich nicht am eigenen Leib erlebt habe. Damit will ich sagen, ich fasse auf eine Herdplatte, um zu erfahren, ob sie heiß ist und wenn ja, wie heiß sie ist und wo meine persönliche Schmerzgrenze liegt. Im Digitalen heißt das, ich gehe bis zur Überdosis, aber wenn mir ernsthaft was wehtut, und ich stelle mir vor, dass so ein Handynacken wehtut, dann würde ich das feststellen und würde sofort was ändern. Ich war fast 15 Jahre Managerin von Internet-Firmen, es hat manchmal wehgetan, aber einen Handynacken hatte ich nie.
Sie nennt sich Digitaltherapeutin und hat eine klare Meinung zum Medienkonsum: Weniger ist mehr, sagt die Autorin und Vortragsrednerin Anitra Eggler (44).
In ihrem Buch „Mail halten!“ verrät sie unter anderem, wie man Handy-Terror, E-Mail-Wahn und digitaler Dauerablenkung entkommen kann.
Woran merken wir denn, dass es Zeit für eine Veränderung ist?
Eggler Wenn wir nicht mehr loslassen können von digitalen Medien und immer Angst davor haben, etwas zu verpassen. Das Tückische ist, dass wir permanent durch die Aufmerksamkeitsseite und Sofortbelohnungen unserer Handys angefixt werden. Beispiel: Ich fühle mich einsam, ich schreibe daher in einen Gruppenchat „Hallo“ und 20 Leute antworten in Nanosekunden „Hallo“. Da fühlen sich sogar normale Menschen wie Sie und ich geliebt und weniger einsam. Den Zustand der Handynacken – auch Generation Facedown genannt – haben wir zurzeit. Das wird allerdings von den Älteren auch vorgelebt. Es ist eine Art von sozialer Verarmung, wenn Leute an Bushaltestellen oder in Zügen nur noch auf ihr dämliches Display starren, sich qua Wetter-App versichern müssen, dass sie nass werden, weil es regnet oder ohne Navi-App nicht mehr nach Hause finden. Was noch viel schlimmer ist: Das alles geht zulasten unserer Konzentrationsfähigkeit. Wir sind auf Dauerablenkung konditioniert. Es gibt inzwischen zig Studien zum Thema Suchtfaktor Handy, aber man muss doch nur auf Spielplätze gehen und schauen, wen Eltern mehr beachten: ihre Kinder oder ihre Smartphones – daran erkennt man, wie süchtig Handys machen.
Kann eine digitale Auszeit dabei helfen, wieder klar zu denken?
Eggler Das ist genauso wie mit dem Fasten oder mit Diäten. Ein Digital-Detox-Urlaub zeigt einfach mal, dass es auch ohne geht. Ich gewinne Lebensqualität und entwickle ein Bewusstsein für analoge und digitale Qualität. Dieser Fasten-Charakter muss fix ins Leben implementiert werden, dann ist alles in Balance.
Was können wir noch tun?
Eggler Am besten beginnt der Tag mit einer Offline-Stunde, und erst danach öffne ich alle meine Kanäle. Hilfreich sind auch klare Regeln: keine Handys im Bett und am Esstisch, die Mittagspause ohne Smartphone verbringen und das Essen nicht am Schreibtisch genießen, sich diese Zeit für sich selbst gönnen. Generell gilt: Wir brauchen einen gesunden Umgang mit digitalen Medien. Wir nutzen unser Smartphone und haben nicht die geringste Ahnung davon, was dieses Gerät an Daten absaugt und was das für Kollateralschäden für die persönliche Freiheit haben kann. Wir müssen lernen, welche Konsequenzen dieses Handeln haben kann. Wir müssen konfigurieren!
Im Berufsleben sieht es meist aber anders aus. Wie sollte man hier entschleunigen?
Eggler Überall und immer aktiv zu sein, hat mit smart sein nichts zu tun. Wer in Nanosekunden auf alles antwortet, zeigt doch nur, dass er unterbeschäftigt und digital versklavt ist. Das ist blinder Aktionismus, der in vielen Unternehmen herrscht, weil die Digitalisierung so rasant gegangen ist, dass niemand sich die Zeit genommen hat, irgendwas zu konfigurieren oder kritisch zu hinterfragen. Meistens heißt es: Wir sind zu spät dran, jetzt müssen wir alle unbedingt auf Facebook, Twitter und anderen Kanälen aktiv sein. Individuelles Informationsmanagement und Recherche wären aber der bessere Weg. Soziale Medien sind mitunter geniale Tools dafür, aber wir brauchen einen Filter. Denn Informationen rauschen auf allen Kanälen an uns vorbei. Das führt zu immer mehr Quantität, aber wir brauchen Qualität. Social Media sind das Junkfood der Informationswelt. Für das Konfigurieren der Tools hat leider niemand mehr Zeit, weil wir alle in diesem digitalen Hamsterrad der Dauerablenkung und Informationsflut dahinstraucheln. Wir haben ständig das Gefühl, im Zeitminus zu sein, nicht mehr hinterherzukommen. Die Wahrheit ist aber, dass wir so erst recht nichts erledigt bekommen. Es ist erwiesen, dass wir mit klaren Linien bei der digitalen Nutzung produktiver arbeiten.
Wo wir beim Stichwort Mail halten wären. Was bringen feste E-Mail-Zeiten?
Eggler Wenn etwas wichtig und dringend ist, wirkt ein Anruf Wunder. Man muss nicht im Minutentakt auf jede dümmstanzunehmende E-Mail reagieren. Es zeigt sich, dass es viel produktiver ist, feste E-Mail-Zeiten am Tag einzurichten. Nur: Dieser Schritt muss gegangen werden. Formulieren Sie eine Abwesenheitsnotiz mit Ihren Öffnungszeiten, erklären Sie, dass sie gern mal wieder ungestört und konzentriert arbeiten möchten, dafür die Mails aber auch in einem Block abarbeiten. Und nicht den Hinweis vergessen, dass man für wirklich wichtige Dinge telefonisch erreichbar ist – aber auch nur, wenn sonst die Welt untergeht. Smarte Unternehmen beginnen, E-Mails nur noch dreimal am Tag auszuliefern – um die Mitarbeiter vor der Dauerablenkung zu schützen und die „Mail dich hoch“-Mentalität zu killen.
Alkohol-, Nikotin-, Drogen- oder Smartphonesucht – was ist am schlimmsten?
Eggler Jegliche Art von Abhängigkeit ist eigentlich eine Bankrotterklärung an das, wofür die Menschheit Jahrtausende lang gekämpft hat – nämlich die persönliche Freiheit. Wir verschenken unsere Freiheit für Gratis-Apps. Freiheit heißt für mich, dass ich entscheide, wann ich Zeit für etwas habe. Noch schlimmer ist, dass ich meinen Datenkörper verschenke. Der digitale Markt ist unwiderruflich monopolisiert durch Google, Apple, Amazon, Facebook und Microsoft. Wir reden hier von Marktanteilen von mehr als 90 Prozent. Da hat die Politik völlig versagt.
Inwiefern?
Eggler Während wir noch über Datenschutzbestimmungen diskutieren, sind diese Unternehmen schon drei Schritte weiter und verkaufen unseren Datenkörper an den Meistbietenden. Und wir als Konsumenten sind alternativlos. Stimme ich etwa den Apple-Nutzungsbedingungen nicht zu, kann ich die Produkte nicht nutzen. Wir leben zwar in demokratischen Systemen, aber auch in einer digitalen Diktatur. Unter Evolution habe ich etwas anderes verstanden.
Sie tragen gern ein provokantes Shirt mit dem Aufdruck „Go fuck your selfie“. Wann haben Sie zuletzt ein Selfie gemacht?
Eggler Ich war vor Kurzem als Wildtierpflegerin in Namibia unterwegs. Als mir ein Affe auf die Schulter gesprungen ist, habe ich davon ein Selfie gemacht, und der Affe fand das extrem lustig. Ich habe gar nichts gegen Selfies, aber wenn jemand jeden Tag Hunderte Bilder von sich macht, um sich zu vergewissern, dass er noch da ist und seinem bildbearbeiteten geschönten Filter-Ich ähnlicher werden will als sich selbst, dann wird die digitale Revolution das Wertvollste ruinieren: unsere Menschlichkeit.
