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Unterhaltung In Edewecht Er brachte die Disco ins Rollen

Ingo Schmidt

Edewecht - 5000 Feten hat Erwin Hauptmann in seinem Leben geschmissen. Im Ammerland kannte und kennt man den ehemaligen Disc-Jockey (DJ) genauso wie in den Landkreisen Oldenburg und Wesermarsch. Von den 60er bis in die 90er beschallte der seit heute 71-Jährige als „Disco mit Erwin“, „Trust-Top-Disco“ oder „Compact Disco“ Landjugendfeste und andere Tanzveranstaltungen in der ganzen Region.

Zu seinen besten Zeiten hatte Hauptmann sechs Meter Plattenkisten dabei, 6000 Tonträger aus Vinyl, alphabetisch geordnet, wenn er ausrückte, um die Tanzwilligen etwa im „Oberlether Krug“, „Zum Goldenen Anker“ in Jeddeloh II oder im „Spohler Krug“ musikalisch zu bespaßen. Auch auf Landjugend-, Schützen- oder Open-Air-Partys sorgte der Edewechter stets für den richtigen Beat.

Seemann gegen Polizei

„Disco, so etwas gab es damals gar nicht“, beschreibt Erwin Hauptmann seine Anfangszeit als DJ in den Jahren 1966/67, „nur Tanzkapellen mit alteingesessenen Mitgliedern“. Und so begann für ihn ein Drahtseilakt zwischen den „Stones“, die gerade aufkamen, und populärer Tanzmusik – denn das Publikum war nicht überall gleich. „Samstags in Oberlethe war es immer etwas rockiger“, nennt er ein Beispiel.

„Meine Frau und ich waren damals in der Landjugend und ich wollte immer mal ’ne Landjugendparty machen“, führt der gelernte Fernmeldetechniker aus, „und so hat das alles dann Fahrt aufgenommen“. Nicht ganz freiwillig, denn eigentlich hatte die Landjugend in Littel, deren Vorsitzender Hauptmann 1968 war, eine Tanzkapelle gebucht. „14 Tage vorher habe ich dann irgendwo gelesen, dass die zwar spielt, aber nicht bei uns“, erinnert er sich und lacht. Also beschloss Hauptmann kurzerhand, dass er selbst auflegen würde.

Seemann auf Landurlaub

Ab 1971, nach absolviertem Wehrdienst, begann Erwin Hauptmann dann richtig mit dem Musikauflegen. Es war eine Zeit, die in seiner Erinnerung noch immer sehr lebendig ist. Besonders eine Geschichte, die sich im Sommer 1972 bei „Dannemann“ in Hundsmühlen zugetragen hat: „Ein Seemann auf Landurlaub kam mit seinem neuen roten BMW vorgefahren, eine tolle Karre“, erzählt Hauptmann. „Er hat den Wagen neben dem Gebäude geparkt und sich am Tresen so richtig die Kante gegeben.“ Derweil seien Hunderte Leute auf Mopeds gekommen, die ihre Zweiräder vor Dannemanns Eingangstür geparkt hätten, schildert der Edewechter weiter.

„Der Typ kam also nicht mehr weg und war so sauer, dass er vorwärts und rückwärts reihenweise Mopeds umfuhr.“ Die seien natürlich kaputt gewesen. „Und dann kam die Polizei mit einem Bulli und zwei Streifenwagen und wollte den in Gewahrsam nehmen.“ Der Mann allerdings habe sich gewehrt, angestachelt von 300 johlenden Gästen, und als er schon im Bulli saß, habe er sich dennoch wieder befreien können. Dann sei alles wieder von vorne losgegangen. „Der war drahtig“, staunt der Ex-DJ, „obwohl er so besoffen war“.

Musik aus Groningen

Neue Musik organisierte sich Erwin Hauptmann damals in Groningen in den Niederlanden. „Alle 14 Tage fuhr ich dahin, um neue Platten zu kaufen“, rekapituliert er, „da waren die Niederländer zeitweise schon weiter“. Und teuer sei es gewesen. Die Gäste kamen nämlich nicht nur, um zu bekannter Musik zu tanzen, sondern auch, um Neues kennenzulernen. „Ich habe viel Zeit investiert, um auf dem Laufenden zu bleiben.“

Als die CD in den 80ern das Vinyl ablöste, war Hauptmann einer der Ersten, die komplett umstellten. „Mit 30 CDs habe ich angefangen“, blickt er zurück, „da waren aber auch viel mehr Lieder drauf“. Das Problem, in der dunklen Disco die richtige Rille zu finden, bestand nun nicht mehr. Dafür begannen die 1200 Mark teuren CD-Spieler, nach ein bis zwei Jahren herumzuspinnen. „Hätte ich doch nur gewusst, dass es am Nikotin lag, das sich auf dem Laserkopf abgesetzt hatte, hätte ich den einfach mit ’nem Q-Tip sauber gemacht.“

Wichtig sei ihm immer gewesen, als DJ im Hintergrund zu bleiben und die Musik in den Fokus zu rücken. „Ich habe von Anfang an nicht das getan, was heute vielfach gemacht wird“, sagt Hauptmann und meint damit den übertriebenen Show-Aspekt, den DJs bisweilen zelebrieren. „Das sind Animateure, die das irgendwo im Urlaub gesehen und sich abgeguckt haben“, vermutet er.

Sohn Bernd macht weiter

Bis 1990 stand der Pensionär mehrmals pro Woche selbst hinter den beiden Plattentellern: Schweinerampenparty in Herborn, Schützenfest Wiefelstede, Erdbeerbowlenparty in Bokel – die Liste ließe sich beliebig erweitern. „Ab 40 wird es mit dem langen Stehen aber schwerer“, begründet Hauptmann seinen langsamen Ausstieg aus dem DJ-Business ab 1990, „und ein DJ, der will, dass die Gäste tanzen, der aber selber sitzt, wie sieht das denn aus?“

Nach 1990 aber trat Hauptmann weiter in den Hintergrund, kümmerte sich um die Technik und ließ andere die Musik spielen. Am Schönsten für Erwin Hauptmann aber ist: „Auf den Partys haben sich viele Menschen kennengelernt, die heute noch verheiratet sind.“

2008 übernahm Sohn Bernd das Geschäft. Als „Compact Disco“ ist der 39-Jährige noch heute in der Region unterwegs.

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