Elsfleth/Cloppenburg - Sie sind zweieiige Zwillinge. Anspielungen auf den Spielfilm „Twins“ langweilen sie deshalb wohl schon, seitdem sie das Wort „Handball“ sagen können. Jede Wette. Zumal Kevin und Chris Danielzik weitaus mehr Gemeinsamkeiten haben als Arnold Schwarzenegger und Danny DeVito in der Komödie aus dem Jahr 1988. Außerdem waren sie noch gar nicht auf der Welt, als der Film in die Kinos kam. Sie sind schließlich erst 29 Jahre alt, und inzwischen gibt es wohl auch schon viel bessere Filme zum Thema Zwillinge. Aber weil irgendein Witzbold Chris irgendwann mal den Spitznamen Arni verpasst hat, ist der Verweis auf die Hollywood-Klamotte zwingend. „Ich weiß auch nicht, warum ihn alle Arni nennen“, sagt Kevin. „Ich nenne ihn Arnold“, sagt er und lacht.
Wer sich mit den beiden unterhält, spürt schnell, dass unzählige Dinge sie zusammenschweißen. Dazu gehört auch der Handballsport. Beide spielen in der Oberliga, der vierthöchsten deutschen Spielklasse. Kevin steht im Tor, Chris ist Kreisläufer. Aber sie frönen dem Kontaktsport in verschiedenen Teams. An diesem Samstagabend treffen die beiden Elsflether in der Cloppenburger Sporthalle an der Schulstraße von 19.30 Uhr an erstmals in einem Pflichtspiel aufeinander. Kevin wird im Trikot des Elsflether TB auflaufen. So wie er das immer getan hat. Chris wird sich für den TV Cloppenburg in die Zweikämpfe mit seinen alten Freunden und Mannschaftskollegen werfen. Er ist zur Saison 2017/2018 vom ETB zum TVC gewechselt.
Geplatzte Duelle
Das erste Duell der Zwillinge ist schon zweimal geplatzt. Im Hinspiel der Saison 2017/2018 fehlte Chris verletzt. Im Rückspiel weilte Kevin im Urlaub war. „Das Spiel habe ich bei meinen Urlaubsplanungen übersehen. Im Nachhinein habe ich mich tierisch geärgert“, sagt er. Im Jahr darauf stiegen die Elsflether in die Verbandsliga ab. Erneut fiel das Duell in die Soeste – oder die Hunte, je nachdem.
Aber die Mannschaft aus der Wesermarsch ist zurück in der Oberliga. Die Zeit ist reif. In einem Testspiel standen sich die Brüder ja auch schon einmal gegenüber. Und zwar Auge in Auge. High Noon mit Backe an den Händen. Schließlich wirft Chris beim TVC die Siebenmeter. Darüber wundert sich Kevin zwar ein wenig. „Bei uns war er ja nie der Siebenmeterschütze.“ Aber dass sein Bruder auch die eine oder andere Variante im Halfter hat, bekam er dann selbst zu spüren. „Den ersten Siebenmeter habe ich noch gehalten“, sagt Kevin. „Aber beim zweiten hat Chris mich verladen. Da lag ich schon auf dem Boden, bevor er geworfen hatte. Das durfte ich mir danach natürlich immer wieder anhören“, sagt Kevin. Frotzeleien gehören dazu, wenn die Familie zusammensitzt. „Jeder weiß ja, wie es gemeint ist“, sagt Kevin.
Er ist älter als Chris. „Nur ein bisschen. Eine Minute. Oder zwei Minuten“, sagt Chris und lacht. Dafür bin ich früher mit dem Handballspielen angefangen“, erzählt er. „Ich habe Kevin in der D-Jugend immer wieder mit zum Training geschleift. Es hat nicht lange gedauert, bis er voll dabei war.“
Zuvor haben beide Fußball gespielt. Und wie das Leben so spielt, stand Chris damals noch im Tor. „Kevin hat im Sturm gespielt. Warum sich das beim Handball geändert hat, weiß ich gar nicht mehr.“ Kevin grübelt, kann sich aber auch nicht mehr erinnern. Er vermutet, dass er nach einem Jahrgangswechsel ins Tor gegangen sei, weil es in seiner Mannschaft keine Torhüter mehr gegeben habe. „Aber genau kann ich das auch nicht sagen.“ Wenn die Brüder übereinander sprechen, wird schnell klar, dass zwischen beiden kein Stück Papier passt – nicht mal das dünnste. „Wir verstehen uns super“, sagt Chris. Punkt.
Ähnliche Charaktere
Er beschreibt seinen Bruder und sich als eher ruhig, locker und spontan. „Wir sind uns charakterlich ziemlich ähnlich“, meint er. Kevin stimmt der Beschreibung zu, findet aber noch klitzekleine Unterschiede. „Chris ist insgesamt sogar noch ruhiger, allerdings quatscht er mehr als ich“, sagt er und lacht.
Äußerlich sind die Unterschiede schon größer. „Auf den ersten Blick glauben viele nicht, dass wir Zwillinge sind“, sagt Chris. „Kevin ist ja auch einen halben Kopf größer als ich. Aber wenn man genauer hinschaut, kann man schon ganz gut erkennen, dass wir Brüder sind“, sagt Chris. Die sportlichen Merkmale des anderen kennen sie in- und auswendig. „Ich glaube, dass Chris zu den besseren Kreisläufern der Oberliga gehört“, sagt Kevin. „Er hat mit Ole Harms einen echten Brocken als Teamkollegen neben sich.“ Maik Niehaus vom Teammanagement des TV Cloppenburg sprach Anfang dieses Jahres sogar vom besten Kreisläuferduo der Liga. Der Konkurrenzkampf ist also groß. „Aber das pusht mich und hat mich auch nach vorne gebracht. Wir wollen schließlich oben mitspielen und trainieren dafür hart“, sagt Chris.
Kevin weiß, was ihn erwarten wird, wenn sein Bruder den Ball in der Hand hat. „Chris springt flach über den Boden und macht sich dann extrem lang. Da muss ich mich als Torwart schon komplett in die Ecke schmeißen, um den Ball zu halten.“
Chris beobachtet die Entwicklung seines Bruders im Elsflether Tor genau. Sein Stellungsspiel sei immer besser geworden, sagt er. „Außerdem wundere ich mich immer wieder darüber, wo er seine Reaktionsschnelligkeit her hat. Er kann gerade oben Bälle halten, bei denen ich mich frage, wie er das jetzt wieder geschafft hat.“
Übrigens: Kevin sagt auch, dass sein Bruder mehr Biss hat. „Chris ist mit noch mehr Herz bei der Sache, noch engagierter. Sein Fleiß ist auch ein bisschen größer.“ Doch wer sich auf Oberliga-Niveau die Bälle um die Ohren werfen lässt, dürfte ebenfalls mit einer gesunden Portion Ehrgeiz zum Training fahren.
Gesunde Rivalität
Dass das auch zur einer gesunden Rivalität führt, sei ganz normal sagt Chris. „Die gehört doch dazu. Natürlich möchte ich Kevin welche einschenken.“ Sein Bruder nimmt den Fehdehandschuh gerne auf. „Das werden wir noch sehen“, sagt er.
Aber er ist Realist. Die Cloppenburger seien schon haushoher Favorit, sagt er. Seine Prognose speist sich aus eigenen Erfahrungen und dem Tabellenstand. „Ich glaube, dass wir in Cloppenburg noch nie gewonnen haben.“ Der TVC führt die Tabelle mit vier Siegen aus vier Spielen an, Elsfleth liegt mit 4:6-Punkten auf Rang zehn.
Kevin meint, dass der ETB versuchen müsse, das Spiel in der Abwehr zu gewinnen. Einfache Tore seien ein Mittel. „Aber das hört sich so leicht an. Die Cloppenburger rennen ja auch ziemlich schnell zurück.“
Chris bringt die Elsflether Stärken auf den Punkt. „Wenn sie mit allem kämpfen, was sie haben, werden sie unberechenbar“, sagt er. „Ich gehe davon aus, dass wir Elsfleth schlagen können, wenn wir taktisch klug und clever spielen.“ Aber an der Cloppenburger Schulstraße können die Emotionen auch schon mal hochkochen. Und dann wird sich zeigen, wer die besseren Nerven hat. Vielleicht auch im direkten Duell zwischen Chris und Kevin.
