Elsfleth - Nach den Worten von Cornelius Bockermann ist die Außenhaut des Segelschiffes repariert worden. Weitere Arbeiten seien an dem Dreimaster allerdings noch erforderlich. Fest steht für den 60-Jährigen nach einer umfangreichen Inspektion, dass die Substanz vorhanden ist, um die „Anny von Hamburg“ wieder in Fahrt zu nehmen.

Die Liegezeit auf der Elsflether Werft ist dem Dreimaster gut bekommen. „An den Arbeiten ist nichts zu beanstanden“, sagt der Eigner und Kapitän, der das Schiff, das der Milliardär Hans Georg Näder im September 2018 kaufte, für Timbercoast übernommen hat. Und doch ist noch eine Menge zu tun. Im Raum steht nämlich noch die Frage, ob die „Anny von Hamburg“ zu einem Frachtsegler zurückgebaut oder als Passagierschiff genutzt werden soll. Eine weitere Möglichkeit: Der Dreimaster bekommt einen kleineren Laderaum, damit noch Platz bleibt für zwei Gästekabinen mit Doppelstock-Betten.

Die Entscheidung trifft Timbercoast jedoch nicht allein. „Wir managen das Schiff“, sagt Cornelius Bockermann. Anteilseigner ist Hans Georg Näder, Geschäftsführender Gesellschafter der Otto-Bock-Firmengruppe mit Sitz in Duderstadt, mit dem jetzt ein Konzept ausarbeitet werden soll. „Wir werden das gemeinsam machen. Ich gehe davon aus, dass die Finanzierung gesichert ist“, betont Cornelius Bockermann.

Das Unternehmen „Timbercoast – Cargo under Sail“ betreibt bereits den 1920 in den Niederlanden gebauten Gaffelschoner „Avontuur“. Das 44 Meter lange Schiff wurde im Herbst 2014 das Fundament der Timbercoast-Idee. 160 Freiwillige waren von November 2014 bis Juli 2016 auf der Elsflether Werft zusammengekommen, um den Zweimaster wieder fit zu machen für den Seehandel.

Dem Firmen-Konzept liegen zwei Ansätze zugrunde: Zum einen wird laut Cornelius Bockermann gezeigt, dass man emissionsfrei über die See fahren kann. Der Grundgedanke dabei: Fracht per Windkraft gesegelt zu transportieren. Zum anderen werde eine Verbindung zwischen den nachhaltigen Produzenten und den Verbrauchern geschaffen. „Wir setzen damit Beispiele“, merkt Cornelius Bockermann an. Der Kapitän will aber mehr als das: „Ich möchte aktiv in den Seetransport mit Frachtseglern einsteigen.“ Das ist seine Vision. Es gebe genügend fertigte Planungen für Frachtschiffe unter Segel. „Die Technik ist da. Wir wollen das machen.“ Angedacht sind nach seinen Worten acht bis zehn Schiffe in der Größe der Flying-P-Liner, den bis zu 120 Meter langen Windjammern der Hamburger Reederei F. Laeisz, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fuhren.

Schoner mit wechselvoller Geschichte

Im Jahr 1914 wurde der Dreimastgaffelschoner „Anny von Hamburg“ von der Werft C. Lühring als Frachtsegler aus Stahl gebaut. Bis 1938 entstanden 20 dieser Frachtschoner. Zwei davon segeln heute noch, die „Eye of the Wind“ und die „Anny von Hamburg“. Das dritte erhaltene, die ehemalige „Meta“, heute „Brigantes“, wird zurzeit in Sizilien zum Frachtsegler zurückgebaut.

Die Jungfernfahrt der „Anny von Hamburg“ führte 1914 nach St. Petersburg, wo die Besatzung vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht und das Schiff beschlagnahmt wurde. 1918 gab Russland die „Anny“ zurück nach Hamburg, wo sie bis 1925 auflag.

Von 1925 bis 1957 fuhr der Dreimaster unter wechselnden Namen von Hamburg aus über Nord- und Ostsee, bevor er nach Skandinavien verkauft wurde. 1981 kam das Schiff nach Hamburg zurück und wurde aufwendig restauriert. Salon und Gästekabinen entstanden im ehemaligen Frachtraum. Als Passagierschiff fuhr es im Nordatlantik, im Mittelmeer und in der Karibik. 1999 wurde die „Anny“ nochmals generalüberholt.

Neun Jahre lang lag sie dann ungenutzt im Hafen von Leer, bevor Timbercoast sie 2018 übernahm. Die „Anny von Hamburg“ ist 38 Meter lang und sieben Meter breit, die Segelfläche beträgt 520 Quadratmeter.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Den ersten Törn nach der Werftliegezeit unternimmt die „Anny von Hamburg“ nun zum Seestadtfest in Bremerhaven. Der Gaffelschoner macht dort vom 23. bis zum 26. Mai fest. Open Ship heißt es dann am Freitag und Samstag jeweils von 11 bis 18 Uhr sowie am Sonntag von 11 bis 15 Uhr.

Danach gibt es noch viel Arbeit. Auf der Elsflether Werft wird die „Anny“ noch einmal für die Schwimmfähigkeitsbescheinigung geslippt. Unter anderem wird das Wellenlager geprüft. Unklar ist laut Cornelius Bockermann noch, ob die „Anny von Hamburg“ für die weiteren Arbeiten auf der Elsflether Werft verbleibt. Man müsse sich beispielsweise noch um die Segel und die Takelage kümmern. „Wir wollen die Masten ziehen, sie sollen neue Kragen bekommen“, sagt der Kapitän. „Wir werden ein Leistungspaket aufstellen und die Arbeiten ausschreiben. Wir bevorzugen die Elsflether Werft.“

Zum 100. Geburtstag der „Avontuur“ im nächsten Jahr soll die „Anny von Hamburg“, 1914 auf der Werft C. Lühring in Kirchhammelwarden gebaut, so weit sein. „Das soll groß gefeiert werden bei der Hanse-Sail und in Bremerhaven. Da will ich mit der ,Anny’ dabei sein.“ Die „Anny von Hamburg“ wird dann noch umweltschonender unterwegs sein. „Wir wollen den Dieselantrieb herausnehmen und durch einen Elektroantrieb ersetzen.“

Ulrich Schlüter
Ulrich Schlüter Redaktion Brake