Elsfleth - Es ist ein Historienspiel. Sie bewegen sich in Gewändern nach mittelalterlichen Vorlagen, bauen an den Wochenenden ihre Zeltstadt auf und treffen sich mit Gleichgesinnten einmal im Jahr auf einer dänischen Burg. Die Rede ist von „Regnorum Aquilonis“. Und es ist mehr als das: Die Mitglieder der Gruppe möchten einen Blick in die Zeitgeschichte ermöglichen, wie es hätte sein können. Und sie wollen die Menschen wachrütteln.

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Einer von ihnen ist der Elsflether Jörg Thielen. Der 48-Jährige ist seit gut zehn Jahren dabei. In Bremen geboren und in Berne aufgewachsen, hat er sich diesem außergewöhnlichen Hobby verschrieben. Auch seine Frau Peggy zählt zu den 20 aktiven Mitgliedern der Gruppe „Regnorum Aquilonis“, die sich nicht vor der Öffentlichkeit verschließen. „Wir sind oft belächelt worden“, erzählt Jörg Thielen. Doch mittlerweile würden sie immer mehr – und ernst genommen.

Das Ideal der Ritterlichkeit und die Ritterorden haben bis heute kulturelle und soziale Bedeutung. Der Begriff Ritter beinhaltet nach den Worten von Jörg Thielen Wertvorstellungen wie Demut, Würde, Tapferkeit und Treue. „Es geht um Normen und Werte aus der Zeit“, sagt Jörg Thielen. Dazu zähle unter anderem, sein Wort zu halten und Schwächere zu beschützen. Es gebe so viel Unrecht in der Welt. Der Mensch sollte wieder lernen, seinem Gegenüber die Hand zu reichen.

Die Gruppe „Regnorum Aquilonis“ bewegt sich zwar in mittelalterlicher Zeit. Sie will dem Menschen aber eine Botschaft vermitteln: besinne dich und kehre um. Im Wesen habe sich der Mensch seit dem Mittelalter gar nicht groß verändert, merkt Jörg Thielen an. Die aktuelle Integrations-Debatte würde doch die Zeiten widerspiegeln.

Viel Arbeit steckt in diesem Hobby. „Wir haben mittlerweile zehn Zelte“, erzählt Jörg Thielen. Allein sein Lager habe einen Platzbedarf von 600 Quadratmetern. Am Samstag, 8. Dezember, tauscht er jedoch Zelt gegen Gotteshaus. Dann nämlich wird zu einem öffentlichen Gottesdienst mit anschließendem historischen Ritterschlag eingeladen. Beginn ist um 15 Uhr in der St.-Nicolai-Kirche zu Elsfleth. Jörg Thielens Dank gilt der evangelischen Kirchengemeinde und Pastor Hans-Christof Rösner. Wer dem Gottesdienst beiwohnt, wird auch Vertreter aus Dänemark sowie Johann und Mechthild von Oldenburg sehen, die im 14. Jahrhundert lebten. „Wir lehnen uns an die Zeit an“, so der 48-Jährige. Graf Johann III. von Oldenburg ist urkundlich erwähnt. Er lebte von 1302 bis 1342 und war mit Mechthild, deren Herkunft unbekannt ist, vermählt.

Die Bezüge zu ihren Verwandlungen findet „Regnorum Aquilonis“ in der Geschichte. „Wir wollen realitätsnah sein“, sagt Jörg Thielen. Und die Wertigkeit der Menschen aufzeigen, „die hier unsere Umwelt geprägt haben“. Er verkörpert beispielsweise Gerhard III. (um 1293 bis 1340) aus der Rendsburger Linie des Hauses Schauenburg, der den Beiname „de Groote Gert“ trug. In der dänischen Geschichtsschreibung sei er hingegen als der kahlköpfige Graf bekannt, so Jörg Thielen. „Das ist auch ein Teil unserer Heimatgeschichte“, betont der 48-Jährige.

Die Figuren, die spielerisch dargestellt werden, seien in der Hansegeschichte erwähnt, so Jörg Thielen. Der Meister für Lagerwirtschaft und Logistik, beschäftigt bei einem Braker Unternehmen, achtet auf Details. „Ich habe Kontakt zu Museen und setze mich ernsthaft mit dem Thema auseinander“, erzählt der Elsflether. Er kommuniziere mit Stadt- und Landesarchiven sowie Kirchen. Ein 700 Jahre altes Siegel, die Vorlage stammt aus einem Museum, sei beispielsweise originalgetreu hergestellt worden. Man habe bis an den Vatikan geschrieben, ob es auch benutzt werden dürfte – und eine Zusage bekommen.

Wer Jörg Thielen und sein Gefolge einmal leibhaftig erleben möchte, der sollte sich das Wochenende vom 30. Mai bis zum 2.Juni 2019 vormerken. Dann lädt „Regnorum Aquilonis“ zu den „Landtagen Weser“ nach Moorriem ein. Die Zelte werden bei der Reithalle in Eckfleth aufgeschlagen. Worauf sich Jörg Thielen am meisten freut: „Kinderaugen zum Leuchten bringen.“

Ulrich Schlüter
Ulrich Schlüter Redaktion Brake