Emden - Die Frage nach der Heimat mag heute komplizierter sein als in weniger mobilen und politisch einfacheren Zeiten. Doch Aribert Reimann findet seine persönliche Antwort: „Der Schreibtisch, das ist meine Heimat.“ Für einen Komponisten, der aufregende Vielfalt schätzt, lässt sich das als Ausschluss-Antwort interpretieren: Der 83 Jahre alte Berliner entwirft seine Musik nie am Klavier, dem Universalwerkzeug von Komponisten.
„Wenn ich für Orchester schreibe, dann höre ich die Instrumente im Kopf“, verrät Reimann in der Emder Kunsthalle. Dort, eingekreist von Werken der Otto-Ausstellung, steht er im traditionellen Komponistenporträt der Gezeitenkonzerte Rede und Antwort. Bei diesem anspruchsvollen Format mit neugierigen Zuhörern hat schon ein Großteil der arrivierten Avantgarde gastiert, etwa Jörg Widmann, Peter Ruzicka, Helmut Lachenmann, Wolfgang Rihm oder Manfred Trojahn.
An seiner Oper „Lear“ hat Reimann zweieinhalb Jahre gearbeitet, und das „nie am Klavier.“ Sie brachte dem avantgardistischen Traditionalisten 1978 den großen Durchbruch. Bis dahin hatte Reimann einen Ruf als Liedbegleiter erworben, geschätzt von Dietrich Fischer-Dieskau, Catherine Gayer, Brigitte Fassbender. Dass die menschliche Stimme das von ihm besonders geliebte Instrument ist, kommt nicht von ungefähr.
Also führt in Emden die Sopranistin Sarah Maria Sun die Hörer auch an Reimanns Musik heran. Für Stimme solo hat er 2006 unter dem Titel „Ollea“ Gedichte von Heinrich Heine vertont. Die weltweit gefeierte Sun bezwingt in zweien davon mit ihrer für Neue Musik prädestinierten Stimme. Emotionen baut sie nicht über Vibrato-Varianten auf. Davon ist ihr Sopran frei. Sie spielt mit der weiten Skala der Dynamik. Damit hält sie diese Musik in einer aufregenden Schwebe zwischen betonter Strenge und unterschwelliger Emotionalität.
Da findet sie sich auf einer Ebene mit dem famosen Kuss-Quartett (Jana Kuss und Oliver Wille/Violine, William Coleman/Viola und Mikayel Hakhnazaryan/Cello). Die gemeinsame Deutung von Reimanns „Sechs Liedern von Theodor Kirchner nach Heine, verbunden mit sieben Bagatellen für Streichquartett“ von 2017 dürfte ebenso exemplarisch sein wie die von Arnold Schönbergs zweitem Streichquartett fis-Moll mit Sopran von 1907/08. Die Verbindung der romantischen Lieder von Kirchner mit den Bagatellen glückt dabei ebenso logisch wie die kontrollierte Polarisierung im Schönberg-Werk, das mit dem radikalen Bruch zwischen Tonalität und Atonalität das Tor zur Avantgarde öffnete.
Natürlich, in Reimanns Wirken kann nur ein Schnellkurs einführen. Aber ein bisschen mehr Hintergrund mit diesem erinnerungsreichen Meister hätten wohl alle genossen. Der Bogen schließt sich doch so schön: Als Reimann 1956 das erste Mal in Darmstadt auftauchte, dem Mekka der Avantgarde, war das für ihn eine negative Erfahrung: „So zu schreiben, das wäre nicht Ich!“
Irgendwie ist er der negativen Auslese treu geblieben: „Den Ollea-Zyklus für Sopran und Klavier zu schreiben, das wäre mir zu konventionell gewesen“, sagt er. Schön, dass Reimann Reimann geworden und geblieben ist – mit einer Musik, die nicht beißt, aber nach der man auch nicht ruhig schläft, wenn man sich auf sie eingelassen hat.
