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nordwest-zeitung

Prothese Ersetzt Wadenbein „Jetzt kommt Bewegung in mein Leben“

Friedeburg - Die Schritte werden schneller, die Haare wehen im Wind, der Atem wird schwer, alles rast an einem vorbei, bis man völlig aus der Puste ist. „Ich weiß ja nicht, wie sich das für Sie anfühlt zu rennen“, sagt Sven-Philipp Glomme. „Aber für mich war es bisher immer nur Schmerz im Knie und reine Energievernichtung.“ Der Friedeburger ist 39 Jahre alt. Jetzt weiß er endlich, wie es ist, so schnell zu rennen wie er kann. Denn jetzt hat er das richtige Bein dafür gefunden. „Damit zu rennen war für mich das Erlebnis meines Lebens.“

Sven-Philipp Glomme ist mit einer seltenen Behinderung zur Welt gekommen: Er hat kein Wadenbein, der Fuß, der nicht so aussieht wie die Füße der meisten Leute, ist direkt an das Knie gewachsen. Auch im Knie und im Oberschenkel ist nicht alles genau dort, wo es hingehört. Fibulaaplasie heißt das in der Fachsprache.

Ein Mann ist nur so schnell wie sein Bein

Das hindert ihn natürlich nicht, ein normales Leben zu führen. Sven-Philipp Glomme ist verheiratet, Vater dreier Kinder und wohnt mit seiner Familie, Hunden und Katze im eigenen Haus in Friedeburg. Er ist Lehrer für den Fachbereich Naturwissenschaften an der Integrierten Gesamtschule in Zetel und hat jede Menge Hobbys – fotografieren, segeln, seit neustem auch Longboard-Fahren.

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Aber was er kann und was nicht, was ihm Schmerzen bereitet und was nicht, ist immer abhängig von der Orthoprothese, die er trägt. „Sie ist wie ein Schuh, den man zehn bis zwölf Stunden am Tag anhat. Und das 365 Tage im Jahr, jahrelang. Die muss richtig gut passen“, sagt Glomme. Sie muss passen: zum eigenen Körper und zu den Anforderungen, die man an die Prothese und an sein Leben stellt.

Der Weg zur richtigen Prothese war für Sven-Philipp Glomme ein langer. Er möchte jetzt anderen Menschen helfen, diesen Weg zu gehen, und gründet in Friedeburg eine Selbsthilfegruppe.

Eine Orthoprothese ist eine Maßanfertigung, eine Meisterleistung der Orthopädiekunst, aber sie bleibt immer ein künstliches Hilfsmittel. Wer sie trägt, ist immer nur so schnell wie sein Bein. Die Prothese bestimmt die Schrittgeschwindigkeit im Leben von Sven-Philipp Glomme und die meiste Zeit war die eher gemächlich. Denn bis zum Jahr 2009 hat der Friedeburger fast nur kosmetische Prothesen getragen, lackiert in Hautfarbe. „Damit fällt es gar nicht groß auf, dass man eine Prothese hat. Aber nach und nach habe ich gemerkt, dass ich das gar nicht verstecken will. Ich will damit offen umgehen“, sagt Glomme.

Wer einen Fuß hat, kann noch lange nicht laufen

„Und mir wurde immer klarer, dass mir die Funktion wichtiger ist als das Aussehen.“ Immer sportlicher wurden die Orthoprothesen, die der Friedeburger trägt. Und sie sehen immer weniger aus wie ein echtes Bein. Aber wen interessiert das schon? „Jetzt kommt Bewegung in mein Leben“, sagt Glomme. Seine neuste Errungenschaft ist das Laufbein extra für den Sport. Mit der kompletten Maßanfertigung geht der Preis schnell in den oberen vierstelligen Bereich. Die Krankenkasse werde das Laufbein wohl nicht übernehmen, vermutet Glomme. Aber das Geld wird er wohl zusammenkratzen. „Schon als ich das Bein das erste Mal anhatte, war mir klar, dass ich es nicht wieder hergebe.“

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Klar ist aber auch: „Nur weil ich einen Fuß habe, kann ich noch lange nicht laufen. Es dauert, bis man sich an ein neues Bein gewöhnt hat und es macht einen nicht automatisch sportlich.“

Sven-Philipp Glomme hat jetzt Lust auf Sport. Weil in Friedeburg das Sportabzeichen für Behinderte nicht geprüft werden konnte, hat er das normale Sportabzeichen gemacht – auf Anhieb in Silber. Gerade lässt er sich selbst zum Prüfer für das Sportabzeichen für Menschen mit Behinderung ausbilden. Dass er selbst noch Karriere als Leichtathlet machen kann, bezweifelt er. „Aber vielleicht kann ich andere Menschen mit Behinderung motivieren und Kinder unterstützen.“

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Friedeburger will seine Erfahrungen weitergeben

Eine Selbsthilfegruppe für Träger von Prothesen und Orthoprothesen gründet der Friedeburger Sven-Philipp Glomme. Das erste Treffen soll am 8. November in den Räumen des „Just bi’t Bad“, Schützenweg 23 in Friedeburg, stattfinden. Beginn ist um 19 Uhr. Anmeldungen sind erbeten bei der Selbsthilfekontaktstelle, Tel. 04462/942536 (di. bis do. 9 bis 12 Uhr oder AB), unter Tel. 04465/9769797 oder per Mail an seko-glomme@t-online.de oder protheseinbewegung@gmx.de.

Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales
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