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nordwest-zeitung

Analphabet Aus Friesoythe Berichtet „Man lebt als Mensch zweiter Klasse“

Nina Janssen

Friesoythe - „Ich habe meine Brille vergessen.“ Das ist eine Ausrede, die Klaus häufig benutzt, wenn er etwas nicht lesen kann. Dann fragt schließlich keiner weiter nach. Formulare, die er bei der Arbeit bekommt, nimmt er mit nach Hause. Beim Einkaufen verlässt er sich auf Farben und Symbole. Der 58-Jährige ist funktionaler Analphabet. Das heißt, er kann nicht richtig lesen und schreiben. Nur seine Familie weiß davon, deshalb verraten wir seinen richtigen Namen nicht.

Rund 7,5 Millionen Menschen sind nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung betroffen, der Anteil bei Erwerbstätigen liegt bei 14 Prozent. Funktionale Analphabeten können zwar einzelne Wörter schreiben. Zusammenhängende Wörter oder gar ganze Sätze jedoch verstehen sie nicht. Ursachen können laut Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung individuelle, familiäre oder schulische Faktoren sein.

In Friesoythe bietet das Bildungswerk in der Lese- und Rechtschreibwerkstatt Betroffenen Hilfe an. Hier kommt auch Klaus einmal die Woche hin.

Die Lese- und Rechtschreibwerkstatt:

Wer kann kommen? Alle Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Anfänger und Fortgeschrittene sind willkommen. Es wird in kleinen Schritten und ohne Stress gelernt.

Wann und wo? Die kostenlose Lese- und Rechtschreibwerkstatt ist donnerstags von 20 bis 22.15 Uhr im Bildungswerk Friesoythe, Lange Straße 1a.

Und die Anmeldung? Anmelden kann man sich beim Bildungswerk unter t  04491/93300. Es ist aber auch möglich, einfach vorbeizukommen und gleich mitzumachen.

Hinweis geben: Das Bildungswerk bittet Freunde, Nachbarn, Verwandte und Bekannte, Betroffene auf das Angebot aufmerksam zu machen.

Ein Riesenproblem

Mal eben etwas aufschreiben, nach einer Straße suchen, Arbeitsaufträge entgegennehmen. Was für andere ganz normal ist, ist für Menschen wie Klaus ein Riesenproblem. „Wenn man irgendwo ist – auch in der Firma – und versteht nicht was da steht, dann hat man schlechte Karten.“ Das ist nicht nur in bestimmten Situationen unangenehm und eine große Herausforderung, sondern schließt auch aus – gesellschaftlich. Zum Beispiel beim Zeitunglesen. „Man kriegt ja nichts mit“, erklärt Klaus und schaut auf seinen Arbeitszettel, der vor ihm auf dem Tisch liegt. „Man lebt als Mensch zweiter Klasse.“

Um ihre Lese- und Rechtschreibschwäche zu verbergen, behalten Betroffene sich viel im Gedächtnis, erklärt er. „Man muss sich alles merken, zum Beispiel einen Weg genau einprägen.“ Beim Einkaufen orientiere man sich an Farben und Symbole. Zu groß ist die Angst davor, abgestempelt zu werden.

„Die Menschen sind nicht blöd“, betont der 58-Jährige. In der Schule sei er beispielsweise in Biologie und Mathe sehr gut gewesen: „Ich wusste alles, konnte es nur nicht aufschreiben.“ Einmal sei er sitzengeblieben und dann bis zum Schulabschluss „weitergereicht worden“. Damals seien derartige Lernschwächen eben noch nicht so erkannt worden, erklärt er. Eine Ausbildung hat er auch gemacht, zum Maurer. Mit Schreiben und Lesen sei er da kaum in Berührung gekommen. „Deshalb fallen die Betroffenen nicht auf, weil sie Berufen nachgehen, in denen diese Fähigkeiten kaum gebraucht werden“, erklärt Kursleiterin Johanna Albers.

So schaffen es funktionale Analphabeten, der Sache aus dem Weg zu gehen. Sie eignen sich Tricks an, mit denen sie im Alltag zurechtkommen und fragen Familienmitglieder um Hilfe, wenn es um wichtige Anträge oder Formulare geht. „Man stellt sich dem Problem nicht“, sagt Klaus.

Die Kehrtwende

Vor 15 Jahren hat er sich dazu entschieden, Hilfe beim Bildungswerk in Anspruch zu nehmen. Das hat sein Leben komplett verändert. Was ihn damals genau dazu veranlasst hat, kann Klaus gar nicht genau sagen. Was er sagen kann: „Man hat dadurch wieder ein gewisses Selbstbewusstsein.“ Er liest mittlerweile viel und gerne, zum Beispiel die Zeitung und am liebsten Motorrad- und Sportzeitschriften. „Lesen ist jetzt viel leichter und angenehmer. Es ist einfach toll zu verstehen, was man gelesen hat. Dadurch wird man selbstständiger“, sagt er. „Das ist Freiheit.“

Es ist aber auch viel Arbeit und ein langer Prozess: Regelmäßige Übung und Durchhaltevermögen sind notwendig, um so weit zu kommen, wie es Klaus geschafft hat. Vor allem koste es große Überwindung, den ersten Schritt zu tun und zu einem Kursus zu gehen. „Aber“, betont er, „wenn man das geschafft hat, hat man schon viel erreicht.“ Am Ende macht es ihm sogar Spaß, in der Gruppe zu lernen.

Jeder in seinem Tempo

Neben einer angenehmen Atmosphäre trägt sicherlich dazu bei, dass im Rechtschreibkurs jeder nach seinem Tempo lernen kann. „Wir gehen individuell auf die Schüler ein“, erklärt Anita Faske, ebenfalls Kursleiterin.

Auf der einen Seite des Tisches ist eine junge Frau gerade in einem Buch vertieft und liest langsam und konzentriert daraus vor. Wort für Wort, Satz für Satz. Auf der anderen Seite ist ein Übungsheft aufgeschlagen. „Alle rennen in den Garten“ und andere kurze Sätze schreibt ein Teilnehmer auf großen Linien sauber hinein. Klaus ist schon etwas weiter. Vor ihm liegt ein Text, unter dem Platz für eigene Worte ist. „Das ist wie mit dem Joggen. Man fängt mit einem Kilometer an und steigert sich Stück für Stück.“

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