Friesoythe/Brake/Nürnberg - Unter den rund 600 Beschäftigten des Kabelspezialisten Leoni Special Cables in Friesoythe (Kreis Cloppenburg) war es am Mittwoch das beherrschende Thema: Der Mutterkonzern Leoni (Nürnberg) plant gravierende Veränderungen der Sparte „Wire & Cable Solutions“ (WCS).
Man bereite „eine Trennung von dem Unternehmensbereich (...) durch einen Börsengang oder Verkauf, einschließlich der Option eines Anteilsverkaufs, vor“, wurde um 0.34 Uhr per Börsenpflichtmitteilung bekanntgegeben. Noch nachts poppte die Nachricht auch bei Mitarbeitern auf.
Zur Sparte WCS gehört auch das Friesoyther Werk, wie ein Sprecher in Nürnberg am Mittwoch auf Anfrage unserer Zeitung bestätigte. Friesoythe liefert Kabel und Kabelsysteme für die Bereiche Medizintechnik, Telekommunikation, Automatisierung- und Antriebstechnik sowie Marine. „Special Cables“ gilt als Technologieperle für das Unternehmen – und die Region.
Worum geht es letztlich?
Der Hintergrund der Trennungspläne wurde in einer Mitteilung wie folgt erläutert: „Wir erwarten, dass die Entscheidung zur Trennung von dem Unternehmensbereich WCS dazu beiträgt, unsere Ressourcen auf den Bordnetzbereich zu fokussieren und ihn verstärkt strategisch weiter zu entwickeln.“ Dabei soll es etwa um Energie- und Datenlösungen sowie Dienstleistungen gehen. Zu dieser Sparte, die stark auf den Autosektor ausgerichtet ist, gehört ein Werk in Brake (Wesermarsch).
Es sei „noch keine endgültige Entscheidung getroffen“ worden, hieß es. Aber man habe entsprechende Berater eingeschaltet.
Leoni wurde 2017 100 Jahre alt. Das Friesoyther Werk an der Eschstraße, heute geleitet von dem Altenoyther Ingenieur Hubert Luttmann, wurde 1999 erworben. Vorher war dort Siemens tätig.
Die Mehrzahl der Mitarbeiter hat die rasante Entwicklung des Friesoyther Unternehmens seit vielen Jahren begleitet. Man machte einen rasanten Wandel durch: von Massenware für die Telekommunikation zu einer breiten Palette von Kabeln und Systemen für Hochtechnologie, auch in sensiblen Bereichen. Sie sind weltweit gefragt.
Blick auf die Produkte: Beispiel Zahnarzt
Beispiel: Wenn Mitarbeiter der Leoni Special Cables GmbH beim Zahnarzt sind, achten die schon mal darauf, mit welchem Gerät und vor allem Kabel daran man ihnen zu Leibe rückt. Kommt dieses vielleicht aus dem eigenen Betrieb?
In Friesoythe ist man ziemlich stolz darauf, vielerlei Hochtechnologie-Kabel und ganze Systeme liefern zu können. Darunter sind auch solche, deren Oberflächen antimikrobiell wirken: Keime sterben auf dem Material ab. Das hat man sich patentieren lassen.
Zahnarzt-Kabel sind nur ein Beispiel von vielen. In Friesoythe sei Leoni schlicht „das Kabel-Werk“, sagen Mitarbeiter. Doch viele Menschen in der Region wüssten gar nicht, was bei Leoni Special Cables alles Interessantes entwickelt werde, heißt es.
Überregional gilt die Leoni AG (Nürnberg) als Autozulieferer. Doch wohl mehr als 25 Prozent kommen aus anderen Bereichen. „Praktisch jeder hat im täglichen Leben mit unseren Produkten zu tun“, heißt es bei „Special Cables“. Dazu gehören Hochgeschwindigkeits-Datenleitungen für Rechenzentren, die es letztlich auch erst ermöglichten, dass man etwa seine Fotos und Filme in Sozialen Netzwerken wie Facebook „sofort“ anschauen könne oder an der New Yorker Börse schnell handeln könne. Auch Kabel für den Schiffbau und für Offshore-Anlagen, Raumfahrt-Raketen oder eben keimtötende Kabel in Geräten in Krankenhäusern und Arztpraxen sind im Programm.
Interessante Gesundheitssparte
Dass die innovative Gesundheitssparte mit ihren antimikrobiell wirkenden Kabeln Aufsehen erregt, ist einer glücklichen Fügung zu verdanken. Man traf einen Professor aus Österreich, der sich mit dem Thema befasste und Partner für den Marktzugang suchte. Gemeinsam trieb man die Technologie voran.
„Wir machen die Oberfläche sauer, das heißt, wir senken den pH-Wert“, erläuterte vor Jahren ein Mitarbeiter das patentierte, an natürliche Prozesse (z.B. Magensäure) angelehnte Prinzip: Die Keime würden durch das veränderte pH-Gleichgewicht geschwächt und würden schließlich absterben. „Das hat noch kein anderer Kabelhersteller“, hieß es damals.
Aber nicht nur die Gesundheitssparte ist bei Leoni Special Cables innovativ. Ständig werden neue Lösungen ausgebrütet. Buchstäblich viel Raum nimmt ein Bereich ein, in dem Muster und Prototypen von neuen Produkten gebaut werden. Das seien nicht nur Kabel, sondern immer öfter ganze Systeme, mit Steckern, Kabelbaum und anderen Applikationen, die man gemeinsam mit Kunden entwickelt. Oft könne man „Global Playern“ der Technologiebranchen mit Wissen aus Friesoythe sogar noch etwas beibringen, heißt es im Werk. Seien die Friesoyther Neuheiten reif, lasse Leoni sie oft anderswo, etwa bei Töchtern mit niedrigeren Kosten, produzieren.
