Friesoythe - „Ich werde diese Stadt zerstören. Gib Bekanntmachungen heraus! Sag ihnen, wir werden diese verdammte Stadt dem Erdboden gleichmachen.“ Ich, das war der kanadische Kommandeur Christopher Vokes. Die Stadt, das war Friesoythe im April 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Befehl von Vokes folgte die nahezu vollständige Zerstörung der Stadt. Fast 90 Prozent aller Gebäude waren nur noch Schutt und Asche. Friesoythe wird später als einer der meist zerstörten Orte Deutschlands in den Geschichtsbüchern stehen.

Bei einem nächtlichen Überraschungsangriff vom 13. auf den 14. April 1945 durch die kanadischen Soldaten wurde ein Großteil der Stadt vernichtet. Doch damit nicht genug. Denn es kamen Gerüchte auf, dass bei den Kämpfen der kanadische Kommandant Lt.-Colonel Frederick E. Wigle durch einen zivilen Heckenschützen getötet worden sei. Und für diese Tat, die sich später als wohl nicht korrekt herausstellen sollte, forderte Kommandeur Vokes Vergeltung. Er ließ die verbliebenen Menschen aus ihren Häusern holen, danach rissen seine Truppen die gesamte Stadt nieder. Was noch stand, wurde angezündet – oder wie im Fall des Stadttores „Lange Pforte“ gesprengt. Ein Großteil des Schutts wurde dazu verwendet, den Weg in Richtung Edewechterdamm zu befestigen. Denn dort stand noch ein erbitterter Kampf um die Küstenkanalbrücke bevor, bei dem hunderte Soldaten ihr Leben ließen.

Das alles ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar. Je mehr Zeit ins Land zieht, desto abstrakter wird die Vorstellung, dass Friesoythe einmal komplett in Schutt und Asche und kaum noch ein Stein auf dem anderen lag. Doch es gibt Fotos, die dieses für die Stadt so prägende Kriegsereignis dokumentieren.

Jetzt kommen noch einige bislang unbekannte Fotos dazu. Dem Lehrer Torben Koopmann vom Albertus-Magnus-Gymnasium Friesoythe und AMG-Schulleiter Peter Stelter ist es gelungen, überaus seltenes Fotomaterial zu organisieren, das die ungeheure Zerstörung der Stadt zeigt und weitere Einblicke in das Kriegsgeschehen aus Sicht der kanadischen Truppen offenbaren. Dazu nahmen Koopmann und Stelter Kontakt mit Library and Archives Canada auf. Nach wochenlanger Korrespondenz schafften es die Friesoyther Lehrer, dass die kanadische Nationalbibliothek mit Sitz in Ottawa die Bilder aus ihrem Archiv freigab. Über 50 zum Teil noch nie veröffentlichte Bilder gehören zu dieser einmaligen Sammlung.

Das Friesoyther Gymnasium erweitert gerade ihre Ausstellung zur Zerstörung der Stadt 1945, bei der die Fotos Verwendung finden werden. Gezeigt wird das Projekt mit den seltenen Aufnahmen auf dem Münsterlandtag, der am Samstag, 9. November, in der Sporthalle am Hansaplatz in Friesoythe stattfinden wird.

Carsten Bickschlag
Carsten Bickschlag Redaktion Münsterland (Leitung Cloppenburg/Friesoythe)