Friesoythe - Der Schock saß tief, als sie von den Plänen ihres Arbeitgebers hörten: Der Betrieb soll geschlossen werden. „Ich konnte nicht mehr klar denken. Das schnürt einem die Luft ab“, sagt Sabine, die seit 18 Jahren bei dem Fleischproduzenten Schinken Einhaus in Friesoythe arbeitet. Den Namen der 48-Jährigen haben wir geändert.
Mitte Februar hat Schinken Einhaus bekanntgegeben, dass der Betrieb bis zum Ende des Jahres eingestellt wird. Grund dafür ist nach Angaben des Unternehmens, die Effizienz der Produktion zu erhöhen, um die Kosten zu senken. Für alle 86 Mitarbeiter gibt es das Angebot, zum Standort Neuenkirchen-Vörden zu wechseln, 77 Kilometer von Friesoythe entfernt. Gerade für die vielen älteren und langjährigen Mitarbeiter ist das keine Option. Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist nun groß. Zwei Mitarbeiterinnen sprechen mit der NWZ über ihre Situation.
Sabine, 48 Jahre
Sabine kam vor 18 Jahren über einen Zeitarbeitsvertrag zu Schinken Einhaus. Sie steht an der Schinkenpresse, wo der Aufschnitt in Form gebracht und verpackt wird.
Noch im November bei der Betriebsversammlung habe man den Mitarbeitern gesagt, dass sie sich für die nächsten zehn Jahre keine Sorgen machen müssten und die Auftragslage gut sei. „Da fühlt man sich von vorne bis hinten verarscht.“ Die 48-Jährige ist enttäuscht von ihrem Arbeitgeber. Außerdem hat sie den Verdacht, dass das Unternehmen schon seit einigen Jahren gewusst haben muss, den Standort auf lange Sicht zu schließen. „Sonst hätten sie ja investiert“, begründet sie diesen Eindruck. Das Unternehmen Reinert mit Sitz in Versmold (Nordrhein Westfalen) hat dazu trotz Anfrage noch keine Stellung genommen.
Ob sie sich vorstellen könne, nach Neuenkirchen-Vörden zu gehen? „Ich verkaufe doch jetzt nicht mein Haus“, sagt sie. Sie lebt mit ihrem Partner und ihrer Tochter zusammen. Die Fahrt wäre nicht nur zu weit, sondern würde sich auch nicht rentieren. „Ich würde das Angebot gerne annehmen, aber ich kann nicht.“
Die Angst vor der Arbeitslosigkeit ist groß. In ihrem erlernten Beruf, Schneiderin, findet sie keine Stelle. „Ich habe das Gefühl, ich stehe vor einem Riesenloch und rutsche Woche für Woche näher hinein.“ Sabine arbeitet immer in der Spätschicht bis Mitternacht. Auf die Schicht ist sie angewiesen, um vormittags ihre Mutter zu pflegen. Auch hat sie Bedenken, nur über eine Zeitarbeitsfirma zurück in den Job zu finden.
Elfriede, 46 Jahre
Elfriede (Name geändert) ist seit 25 Jahren dabei. Die 46-Jährige arbeitet im Lager. Auch für sie kommt das Angebot, eine Stelle in Neuenkirchen-Vörden anzunehmen, nicht infrage. „Allein die Strecke“, sagt sie, „da müsste ich jeden Tag drei Stunden Fahrt einplanen.“
Die Saterländerin, die mit ihrem Lebensgefährten zusammenwohnt, hat keinen Ausbildungsberuf erlernt. Nach der Schule arbeitete sie im Getränkemarkt, bis sie über ihre Geschwister an eine Stelle bei Schinken Einhaus kam. Nun ist die Unsicherheit groß. Ihre größte Angst ist momentan, keine neue Stelle zu finden und in die Arbeitslosigkeit zu rutschen. „Man ist ja auch auf das Geld angewiesen“, sagt sie. Heutzutage müsse man wegen der niedrigen Löhne schon zu zweit arbeiten. Schon jetzt fängt sie an, bei anderen Firmen anzufragen – am liebsten in derselben Branche, aber auch einen Job an der Kasse schließt sie nicht aus.
Noch ein weiterer Aspekt schwingt bei all den Zukunftsängsten mit: Die Mitarbeiter seien wie eine zweite Familie gewesen. „Wir haben das halbe Leben miteinander verbracht“, sagt Elfriede wehmütig. „Wir waren immer hilfsbereit, die Jüngeren haben die Älteren unterstützt. Wir haben auch Schwerbehinderte im Team. Was wird jetzt aus all den Leuten?“, fragt sie sich.
Die Frauen hoffen, dass der Arbeitgeber wenigstens Einsicht zeigt und sich bei den Verhandlungen mit dem Betriebsrat kooperativ verhält.
Die Gewerkschaft
Diesen Donnerstag beginnen die Gespräche zwischen Reinert und dem Betriebsrat. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten wird sich daran beteiligen. „Es wird ein Sozialplan für die Mitarbeiter erarbeitet, über Abfindungen und ein Budget für eventuelle Weiterbildungen, Umzüge, zusätzliche Fahrtkosten und vieles mehr verhandelt werden“, sagt der Gewerkschaftssekretär Christian Wechselbaum. Auch werde die Gewerkschaft den Mitarbeitern bei der Jobvermittlung helfen. Ein Hoffnungsschimmer.
