Friesoythe - Dass die Stadt Friesoythe schon über 700 Jahre alt ist, sieht man dem Stadtbild nicht an. Die Häuserfronten an den Hauptgeschäftsstraßen sind eine Mischung aus Zweckmäßigkeit und Moderne. Alte Wohnhäuser historischen Ursprungs gibt es im Stadtgebiet kaum. Während zahlreiche Orte ähnlichen Alters zumindest noch schöne Wahrzeichen aufzuweisen haben, muss man in Friesoythe lange suchen, um auf architektonische Stadtgeschichte zu treffen.
Kein Wunder. Die Stadt wurde im April 1945, ein paar Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs, völlig zerstört. Bei einem nächtlichen Überraschungsangriff vom 13. auf den 14. April 1945 durch kanadische Soldaten wurde ein Großteil der Stadt vernichtet.
Fotos der kanadischen Nationalbibliothek, die die NWZ jeden Mittwoch veröffentlicht, zeigen eindrucksvoll das Ausmaß der Zerstörung. Besorgt haben diese exklusiven Aufnahmen Torben Koopmann und Peter Stelter vom Albertus-Magnus-Gymnasium (AMG) Friesoythe für eine bereits bestehende Ausstellung, die AMG-Schüler über die Friesoyther Stadtgeschichte erstellt haben.
Als der erste Ansturm der Kanadier vorüber war, standen noch viele Gebäude in der Innenstadt. Zwar oftmals schwer beschädigt, aber sie standen. Die Struktur des Stadtkerns war auf jeden Fall noch klar erkennbar. Das sollte sich aber innerhalb weniger Stunden ändern. Gleich nach der Eroberung rissen die Kanadier die Stadt komplett nieder. Was noch stand, wurde angezündet oder gesprengt. Fast 80 Prozent der Stadt wurden platt gemacht. Auch das Friesoyther Stadttor Lange Pforte, das Wahrzeichen der Stadt, wurde gesprengt.
Zu dem „Warum“ der völligen Zerstörung durch die Kanadier gibt es zwei Versionen. Die eine besagt, dass es sich um einen Racheakt gehandelt haben soll, da der kanadische Kommandant Lt.-Colonel Frederick E. Wigle durch einen zivilen Heckenschützen getötet worden sei. Die andere Version besagt, dass die Kanadier Schutt und Steine benötigten, um die unwegsame Straße Richtung Edewechterdamm für Panzer und Lkw zu befestigen.
Ungeklärt ist bis heute die Frage, ob es sich bei der nachträglichen Zerstörung der Stadt um ein Kriegsverbrechen gehandelt haben könnte. Eine militärische Notwendigkeit kann bis auf die Vermutung, dass man eine Straße befestigen wollte, ausschließen. Im Völkerrecht haben auch das zivile Eigentum und vor allem Schulen und Krankenhäuser eine besondere Stellung. Fraglich, ob diese Stellung bei dem Ausmaß der Verwüstung beachtet wurde. Die Heckenschützen-Version soll sich im Nachhinein auch als nichtzutreffend herausgestellt haben. Wigle kam wohl eher bei regulären Kampfhandlungen ums Leben.
Doch auch wenn man die Frage heute klären könnte, den ursprünglichen Charakter der über 700 Jahre alten Stadt wird man dadurch nicht wiederherstellen können.
