Ganderkesee - Die Szenerie erinnert an den Verkaufsstart der älteren iPhone-Generationen oder eines neuen Harry-Potter-Bandes: draußen lange Schlangen von wartenden Kunden, laute Musik, drinnen Menschentrauben vor hoch aufgetürmten Waren und schließlich am Eingang ein Schild „Wegen Überfüllung vorübergehend geschlossen“. Polizeibeamte standen derweil bereit, um schnell eingreifen zu können, falls der Andrang den Verkehr auf der Stedinger Straße (B 212) – die heute Grüppenbührener Straße heißt – allzu stark behindert hätte.
Bei der Eröffnung des Ganderkeseer Famila-Marktes am 17. September 1969, ein Mittwoch, dürfte eine Mischung aus Volksfeststimmung und Rabattschlacht geherrscht haben. So jedenfalls beschrieb die Nordwest-Zeitung am Folgetag jenes Spektakel, das „Tagesgespräch im Ort“ war. „Für die fahrbaren Stahlkorb-Einkaufswagen brauchte man beinahe einen Führerschein, um in dem Verkehrsgetümmel zurechtkommen zu können“, befand damals der zuständige Redakteur.
Erster „Großraumladen“
In einem früheren Bericht hatte die NWZüber die Ansiedlung geschrieben, Ganderkesee sei „der erste Ort im ländlichen Bereich in der gesamten Bundesrepublik, in dem ein Großraumladen dieser Art entsteht“. Für die Famila-Handels-Zentralgesellschaft mbH handelte es sich um den zweiten Standort im Oldenburger Land. Bis dato hatte das Unternehmen Märkte in Lippstadt, Bergkamen-Rünthe, Mönchengladbach, Waldshut, Herford, Sennestadt, Fulda sowie in Oldenburg betrieben. Letzterer diente laut NWZ-Bericht als Vorbild für den Neubau in Ganderkesee.
Auf 1500 Quadratmetern Grundfläche wurden fortan erstmals im ländlichen Raum „Artikel zu Großmarktpreisen“ angeboten, wie es in einer Werbeanzeige hieß. Einkaufen konnte – anders als in anderen Großmärkten – jeder Endverbraucher, ohne einen speziellen Ausweis oder eine Kundenkarte besitzen zu müssen.
Das 50-jährige Bestehen des Ganderkeseer Famila-Marktes wird an diesem Samstag, 21. September, mit besonderen Aktionen gefeiert. Vor allem für Familien lohne es sich, dem Markt an der Grüppenbührener Straße von 12 bis 18 Uhr einen Besuch abzustatten, teilt das Centermanagement mit.
Das Jubiläumsfest lockt mit Angeboten und Rahmenprogramm. Unter anderem gibt es am Riesenglücksrad Einkaufsgutscheine zu gewinnen. Bei der Spielefeuerwehr der NWZ kommen besonders kleine Besucher auf ihre Kosten: Geboten werden eine Hüpfburg, eine Seifenblasen-Mitmach-Station, ein Ballonkünstler und Kinderschminken.
Stärken können sich Besucher mit kostenfreiem Popcorn sowie hausgemachten Leckereien zum Probieren an den Frischetheken. Die Firma Wein Wolff bietet geführte Weinverkostungen an. Abgerundet wird das Fest durch Angebote der ansässigen Fachgeschäfte.
Obst, Gemüse und Frischfleisch gab es nun in Spezialabteilungen. Zudem lockte der Markt mit Sonderangeboten – was zuvor in den zahlreichen kleinen Lebensmittellädchen im Kernort und in den Dörfern des Gemeindegebiets eher noch die Ausnahme gewesen war.
Karin Bellers aus Bürstel etwa erinnert sich noch genau an ihre Einkäufe in jenen Lebensmittelgeschäften, die schon lange vor der Famila-Ansiedlung den täglichen Bedarf der Bürger gedeckt hatten. „In Bürstel gab es Stöver am Holtstreek – wir nannten den Laden ,Klein-Karstadt’“, erzählt die langjährige Vorsitzende des Landfrauenvereins Ganderkesee und ehemalige Kreisvorsitzende mit Verweis auf das breitgefächerte Sortiment des Geschäfts.
„Da gab es Strümpfe und Klosterfrau Melissengeist, aber eben auch Lebensmittel“, vergleicht Karin Bellers. „Die Grundversorgung im Dorf war immer gesichert.“ Erstmals auf Sonderangebote gestoßen ist Karin Bellers unterdessen im Ganderkeseer Ortskern – aber nicht bei Famila, sondern ganz in der Nähe, im Spar-Markt an der Straße Im Knick.
Findige Werbestrategie
Mit dem Famila-Markt kamen die Angebote. Mehrere großformatige Anzeigen pro Woche schaltete das Unternehmen auch in der Landkreis-Ausgabe der Nordwest-Zeitung – mit einer findigen Werbestrategie. Über einem Lockangebot, am 29. September 1969 ein Sechserpack „Rillengläser“ für 2,79 DM, war zu lesen: „Im Einzugsgebiet von Famila in Ganderkeseee i.O. wohnen ca. 100 000 Verbraucher. Davon besuchten uns in den ersten Tagen nach der stürmischen Eröffnung ca. 43 000 Verbraucher (43 %!!). Wir bedanken uns dafür! Alle aber müssen Famila kennen!“
Den gleichen Text veröffentlichte das Unternehmen an den Folgetagen immer wieder – mit wechselnden Preiskrachern und einer stetig steigenden Anzahl von Kunden. Am 17. Oktober 1969 hatten demnach bereits 76 798 Verbraucher den Markt besucht, was einem Anteil von gut 76 Prozent der angestrebten 100 000 potenziellen Kunden entsprach.
Große Resonanz
„Der Markt wurde sehr gut angenommen“, weiß Christel Zießler zu berichten, heute stellvertretende Bürgermeisterin und stellvertretende Landrätin des Landkreises Oldenburg, damals noch junge Mutter. Sie selbst habe ihren Bedarf an Lebensmitteln allerdings anderweitig gedeckt und viele Gemüsearten selbst angebaut, erinnert sich Christel Zießler.
Neueröffnung gefeiert wurde bei Famila auch nach 1969 noch mehrfach: Am 31. Oktober 1984 startete der Betrieb des Lebensmittelmarktes in einem Neubau am Grünen Weg, während das Altgebäude als Bau- und Getränkemarkt erhalten blieb.
Knapp 30 Jahre später rückten die Bagger erneut an: Am 8. August 2013 wurde schließlich der neu errichtete Lebensmittelmarkt an der Grüppenbührener Straße, direkt gegenüber dem ersten Markt, eröffnet. Unmittelbar danach wurde auch der Getränkemarkt abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Im Dezember 2014 wurde hier Neueröffnung gefeiert.
