Ganderkesee/Landkreis - „Schon rund 40 Prozent unserer Kunden in der Gemeinde Ganderkesee sind Senioren“, warnt Simone Both, die Ganderkesee-Beauftragte der Tafel Delmenhorst, vor einer wachsenden Altersarmut. In dieser Woche hatte Jochen Brühl, der Vorsitzende von Tafel Deutschland, von einem bundesweit dramatischen Anstieg der Älteren unter den Tafel-Kunden hingewiesen: „Diese Entwicklung ist alarmierend – und sie ist erst der Anfang. Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit großer Wucht überrollen“, blickte Brühl am Mittwoch in Berlin voraus.
Diese Mahnung greift Both auf: „Unter den Senioren, die in Ganderkesee zu uns kommen, sind es vor allem Witwen um die 70 Jahre, die kleine Renten oder Grundsicherung im Alter beziehen“, sagt sie. Zumeist seien sie früher nicht erwerbstätig gewesen. Ihre geringe Witwenrente reiche nicht, um allein über die Runden zu kommen. Both: „Von rund 800 Euro kann man einfach nicht existieren.“
Armut wird versteckt
Von einer „aus Scham versteckten Altersarmut“ berichtet Jürgen Lüdtke, Vorsitzender des Seniorenbeirats der Gemeinde Ganderkesee. „Das Thema Armut hat zahlreichen Facetten, viele davon sieht man nicht.“ Der Grund: In Ganderkesee stünde nicht die existenzielle Armut vorn an – also eine Armut, bei der das Leben durch den Mangel an Essen bedroht sei. Lüdtke: „Die betroffenen Senioren wenden den größten Teil ihres Einkommens zur Sicherung grundlegender Bedürfnisse auf, Heizung, Miete, Strom oder vielleicht auch die Instandhaltung der eigenen alten Immobilie.“ Für den Kauf von Lebensmitteln bleibe da nur wenig übrig. „Und weil wir auf dem Lande leben, wird die unverschuldete Geldknappheit aus Scham oft verschwiegen, es werden auch keine Sozialleistungen beantragt.“ So sei auch die Aufrechterhaltung von Kontakten ebenso wie die soziale Teilhabe, der Kino- oder Theaterbesuch, nicht möglich.
Kaum Geld für Kleidung
Selbst für den Kleidungskauf reiche es teils nicht. Dazu Heide Heitmann von der Awo-Kleiderkammer: „Die größte Gruppe unserer Kunden sind Menschen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren.“ Saisonbedingt würden die Älteren jetzt Wintermäntel und -jacken nachfragen, berichtet die Ganderkeseer Awo-Vorsitzende.
Völlig inakzeptabel ist laut Tafel Deutschland aber auch der Anstieg der Kinder und Jugendlichen unter den Tafel-Kunden. Laut Eigenangaben unterstützen die bundesweit 947 Tafeln insgesamt 1,65 Millionen bedürftige Menschen. Fast 50 000 mehr junge Menschen seien aktuell auf die Unterstützung mit Lebensmitteln angewiesen. Insgesamt liege ihr Anteil jetzt bei 30 Prozent der Tafel-Nutzer. „Wer als Kind arm ist, hat kaum Chancen, sich aus dem Armutskreislauf zu befreien. Hier wachsen wegen struktureller Nachteile die Altersarmen von Übermorgen heran“, so der Vorsitzende Jochen Brühl.
Müssen Kinder hungern?
Genaue Zahlen der Kinder und Jugendlichen unter den Tafel-Kunden gibt es in Ganderkesee oder im Kreis Oldenburg zwar nicht. Allerdings, so die alarmierende Botschaft, stellt das Kreis-Gesundheitsamt bei Schuleingangsuntersuchungen kreisweit immer mehr untergewichtige Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren fest. „Von rund 1300 Kindern eines Jahrgangs sind mittlerweile zwischen fünf und acht Prozent untergewichtig“, berichtet Dr. Matthias Peiler. Auch ihr Zahnstatus sei oft besorgniserregend. Das Gesundheitsamt informiert jetzt regelmäßig Kunden der Tafeln über Ernährung und gibt Zahnpasta und -bürsten aus.
