Navigation überspringen
nordwest-zeitung

Klare Kante In Grafschaft „Jeder Tag sollte Welt-Vegan-Tag sein“

Chihuahua Schombel

Grafschaft - „Ich würde mich in Ernährungsfragen als konsequent und kompromisslos bezeichnen“, sagt Reinhard Hartwig aus Grafschaft. Es gibt für ihn nur „entweder – oder“, und Diskussionen mit Nicht-Veganern fordern ihn heraus. „Ich habe Spaß daran, mich mit Menschen darüber zu unterhalten. Dabei kann ich die Leute zum Nachdenken anregen und mit den Fakten konfrontieren“, konstatiert Hartwig.

Seine Frau Jutta und er betreiben den Weltladen Mercado Mundial und das Fair-Café samt Bio- & Hofladen „Sonnenblume“. Auf dem knapp 6000 Quadratmeter großen Anwesen bauen die Hartwigs Obst und Gemüse an und halten Geflügel. Außerdem betreiben beide seit 2015 die Abteilung „Unverpackt“, in dem unverpackte Lebensmittel zum Selbstabfüllen bereit stehen.

Im Bioladen nehmen vegane Lebensmittel einen übergeordneten Stellenwert ein. Im Café gibt es ausschließlich bio-vegane und fairgehandelte Produkte, sagt Reinhard Hartwig. „Wir sehen unser Angebot von veganen Produkten auch als Bildungsprojekt, mit dem wir den Menschen die Alternative zu Lebensmitteln tierischen Ursprungs näher bringen wollen. Das machen wir auch in den sozialen Netzwerken bekannt, in denen ich auch gern diskutiere und mit einer Prise Sarkasmus die prekäre Situation der so genannten Nutztiere und die Vorteile der pflanzenbasierten Ernährung verdeutliche“, sagt Reinhard Hartwig.

Er selbst beherbergt auch einige „Nutztiere“ auf seinem Selbstversorger-Hof. Mehrere Hühner, Gänse und einige Laufenten haben es auf dem naturbelassenen Anwesen sichtlich gemütlich und sie haben reichlich Platz mit Badestellen und Bachläufen. Die Hühner, die teilweise schon fünf bis sechs Jahre alt sind, legen nicht das ganze Jahr über Eier, dürfen aber bis zu ihre m Tod dort leben.

Wohn- und Arbeitsprojekt

Daneben gibt es Wohnungen, die vermietet werden – momentan zwei. Reinhard Hartwig bezeichnet sie als „Wohn- und Arbeitsprojekt“: Gemeinschaftliches Leben und Arbeiten für das Projekt stehen dahinter. Wichtig für die Hartwigs ist, dass Veganer bei ihnen wohnen.

Der Renner in ihrem Bioladen sind die „Vürste“ – vegane Wurst – und hausgemachte vegane „Cambert“-Sorten, wie Jutta Hartwig sie nennt: Dafür kommen die Anfragen schon aus ganz Deutschland. „Die ersten, die nach meinem Post in verschiedenen Facebook-Gruppen nach den Vürsten gefragt hatten, waren aus Bayern. Und da wir auch ein Hermes-Shop sind, ist es für uns keine Unmöglichkeit, die Lebensmittel zu verschicken. Jedoch eben nicht in Massen“, erklärt Reinhard Hartwig.

Hinter den hausgemachten Lebensmitteln steckt viel Arbeit und Hingabe: Sonntags bereitet sie Jutta Hartwig bereits ab 10 Uhr vor, genauso ihre veganen Kuchen und Torten. Reinhard Hartwig räuchert die „Vürste“ aus einer Mischung aus Getreide, Kräutern, Tofu oder Seitan mit Eibenholz im Smoker. Das zieht sich dann hin bis zum Abend. „Wir sind schon deswegen nicht auf Massenherstellung ausgerichtet. Uns geht es vielmehr um die Qualität und den Geschmack, die unsere Waren unvergleichlich machen“, erklärt Jutta Hartwig. Wer Spezielles erhalten möchte wie vegane Salami, Chorizo, Kohl-Pinkel (Zwiebel-Hafer-Grützwurst) oder „Keese“, der drei Wochen reifen muss, besser vorher anrufen und sich nach dem aktuellen Bestand erkundigen.

Unverpackt statt Plastik

Reinhard Hartwig sieht einen Wandel vonstattengehen: „Die Kundschaft ist mittlerweile viel offener für Ernährungs-Alternativen, und trotz der geringen Anzahl an vegan lebenden Menschen in der Region wird unser Angebot immer positiver wahrgenommen als noch zu Beginn.“

Als Jutta Hartwig vor vier Jahren die Idee für die Unverpackt-Abteilung hatte – da gab es das bundesweit erst ein- oder zweimal –, waren die Zweifel groß, ob so etwas rentabel ist. „Aber gerade im Hinblick auf die Unmengen an Plastik im Meer und an Land ist es unvermeidbar für uns, auf Wegwerf-Verpackungen zu verzichten“, erklärt Hartwig.

Nun steht neben der Kühltruhe für die rein pflanzlichen Lebensmittel von größeren Herstellern, die neben den selbsthergestellten Waren angeboten werden, noch ein Kühlregal für „tierische“ Verpackt-Waren. Reinhard Hartwig ist aber sicher: „Die linke Kühltruhe brauchen wir in drei, vier Jahren nicht mehr.“

Von den kommerziellen Fleischalternativen hält Hartwig übrigens wenig. „Da wird Mineralöl in den Burgern gefunden und sie sind Labornahrung von Fleisch-Konzernen. Die Leute sollten weniger auf ihren Handys herumdaddeln und selbst kochen. Dann schmeckt es auch“, sagt er. Selbst in der gehobenen Gastronomie wird Reinhard Hartwig zufolge die vegane Ernährung „noch stiefmütterlich“ behandelt.

Der 66-Jährige und seine 67-jährige Frau leben übrigens erst seit vier Jahren vegan und haben ihre Ernährung von heute auf morgen umgestellt. Das habe nicht erwartete positive Auswirkungen auf ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit gehabt, sagen beide. Auch wenn sie sich nicht vorstellen können, ihr Lebenswerk eines Tages in die Hände von Nachfolgern zu legen, überlegen sie schon, wer das wohl sein könnte. Bis dahin feiern sie nicht nur am 1. November den offiziellen „Welt-Vegan-Tag“, sondern sind sich einig, dass „jeder Tag ein Vegan-Tag sein sollte“, sagt Jutta Hartwig.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Lara und Philipp Schumacher wollen gemeinsam mit ihren drei Kindern ein neues Leben auf Mallorca beginnen. Dafür bereiten sie seit Jahren alles vor – und der letzte, mehrmonatige Aufenthalt vor der Auswanderung begann mit einem herben Rückschlag.

BETROGEN UND ENTTÄUSCHT Emder Familie kämpft nach Betrug auf Mallorca um ihren Traum

Aike Sebastian Ruhr
Emden
Mit Video
Nach der Sprengung inspizierten Midgard-Beschäftigte die Überreste der Verladebrücke.

KRANSPRENGUNG IN NORDENHAM Koloss aus Stahl fällt in 15 Sekunden zusammen

Norbert Hartfil
Nordenham
Wo ist der Obdachlose hin? Kurz vor der Einmündung des Heidkamper Wegs in die Metjendorfer Straße in Neusüdende hatte sich der Mann mehrere Monate aufgehalten.

MANN WIRD MEDIZINISCH BETREUT Polizei und Landkreis räumen Obdachlosen-Schlafplatz in Neusüdende

Frank Jacob
Neusüdende
Analyse
Am Sonntag, 26. Juni,  war in Thüringen über Landräte, Oberbürgermeister, Bürgermeister sowie über Kreistage, Stadt- und Gemeinderäte abgestimmt worden. Nun stehen Stichwahlen vor der Tür.

STICHWAHLEN IN THÜRINGENS KOMMUNEN IM JUNI „AfD neben der CDU sozusagen die Volkspartei“

Mey Dudin Büro Berlin
Nach einer Fahrt unter Cannabiseinfluss ist der Führerschein weg. Durch das Cannabisgesetz ändern sich aber nicht nur die Blutwerte, ab denen die Fahrerlaubnis entzogen wird, sondern auch, wie man sie zurückbekommt. Der Fachdienst Straßenverkehr des Landkreises Wesermarsch erklärt, warum Kiffer nicht mehr zur MPU müssen (Symbolbild).

FÜHRERSCHEINENTZUG NACH CANNABISKONSUM Kiffer müssen nicht mehr zwingend einen „Idiotentest“ ablegen

Tim Rosenau
Brake