Gristede - Dicht an dicht stehen die kleinen Rhododendronpflänzchen im Gewächshaus des „geheimen Gartens“. Nur wenige Zentimeter groß sind sie – und alle potenzielle Anwärter auf einen ganz neuen Namen. Hier – in einem Bereich, der Besuchern des Rhododendronparks der Firma Bruns in Gristede nicht zugänglich ist – werden neue Rhododendronsorten gezüchtet. Es ist das Reich von Gärtnermeister Gerd Eiting – die NWZ durfte hinein.
Tausende Besucher
Tausende Besucher aus ganz Deutschland und darüber hinaus erfreuen sich in jedem Frühjahr von Mitte April bis in den Juni hinein an der Blütenpracht der Rhododendren, Azaleen und weiteren Pflanzen im etwa 25 Hektar großen Park, der kostenlos besucht werden darf. Der „geheime Garten“ allerdings bleibt ihnen verschlossen. Dort – in einem Gewächshaus und auf den umliegenden Freiflächen – wird bei jedem neuen Züchtungsversuch von Tausenden kleiner Pflänzchen einer angestrebten Sorte letztlich nur eine einzige übrig bleiben, die es wert ist, vermehrt und vermarktet zu werden – sofern auch sie den gestellten Anforderungen genügt. Ein harter Ausleseprozess sorgt für diesen Schwund. „Und es dauert 10 bis 15 Jahre, bis eine neue Sorte in die Vermarktung geht“, erzählt Gerd Eiting.
Der Rhodopark in Gristede ist ganzjährig geöffnet. Von Ende April bis Anfang Juni blühen die Rhododendren. Eintritt wird nicht erhoben. Ein Parkplatz befindet sich in den Gristeder Büschen schräg gegenüber dem Parkeingang. Im etwa 25 Hektar großen Park sind mehr als 1000 Rhododendronsorten und Azaleen gepflanzt, darunter über 100 eigene Neuzüchtungen.
Seit 30 Jahren züchtet er fürs Unternehmen Bruns neue Rhododendronsorten. Und fängt dabei ganz klein an – bestäubt im Frühjahr zur Blütezeit ausgewählte Mutterpflanzen mit dem Pollen ausgewählter Vaterpflanzen. Im Spätherbst sammelt er die reifen Samenkapseln, trocknet sie und sät den Samen zum Jahresende unter kontrollierten Bedingungen wie 18 Grad Temperatur und Kunstlicht aus. Dabei werden bestimmte Zuchtziele verfolgt: Blütenfarbe, Winterhärte oder Blattform und -farbe beispielsweise. „Da spielt auch der Bedarf beim Kunden eine Rolle“, sagt Unternehmenschef Jan-Dieter Bruns.
Harte Auslese
Ende Februar/Anfang März werden die nur einen bis zwei Zentimeter großen Sämlinge umgepflanzt (pikiert) und ziehen dann ins Gewächshaus des geheimen Gartens um. Erst im zweiten Jahr ihres jungen Lebens werden die, die den Ausleseprozess bis dahin überlebt haben, ins Freiland umgesetzt, wo sie ihren ersten Winter überstehen müssen. Dann sind sie bereits 15 bis 20 Zentimeter groß. „Sie blühen aber erst nach vier bis fünf Jahren“, macht Eiting deutlich, dass erst dann sichtbar wird, ob auch die Blüte den Zuchtzielen entspricht. Letztlich bleiben pro angestrebter Sorte nach gut zehn Jahren eine Handvoll Pflanzen übrig, aus denen dann eine für die Vermehrung ausgesucht wird.
„Aus dieser einen Pflanze entstehen durch Vermehrung bis zu 5000 Exemplare,“ berichtet Jan-Dieter Bruns. Genutzt werden dafür die Triebe der Pflanze. Allerdings geschieht die Vermehrung nicht im Unternehmen. „Diese Aufgabe übernimmt für uns die Baumschule Schröder in Dringenburg“, berichtet Bruns. Die so gewonnen Jungpflanzen bleiben dann im Betrieb noch ein Jahr im „Container“ und gehen dann etwa an Gartencenter in ganz Deutschland. Oder sie werden in andere Länder exportiert, beispielsweise nach Russland. Auch deshalb ist extreme Winterhärte bei Neuzüchtungen ein wichtiges Zuchtziel. Entsprechend geeignete Wildformen für die Zucht stammen deshalb auch aus Finnland, Korea, Japan oder China, sagt Gerd Eiting.
Besonders gelungene Sorten erhalten ihre Namen übrigens bei Taufen durch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Dazu gehören traditionell bei Bruns auch die Ehefrauen der Bundespräsidenten. Die so getauften Pflanzen reihen sich im Park zu einem eindrucksvollen „Walk of Fame“ aneinander, ovale Schildchen geben Auskunft über die jeweiligen Taufpaten.
Auch die nicht von Berühmtheiten getauften neuen Sorten erhalten einen Platz im Park, der sich fürs Unternehmen im Lauf der Jahrzehnte damit auch zu einem eindrucksvollen Gen-Pool bei der Zucht von Rhododendren und Azaleen entwickelt hat.
Schluss-Anekdote
Übrigens: Auch andere Pflanzen im Park haben eine höchst interessante Geschichte, verrät Jan-Dieter Bruns. So hat er sich vor Jahren in St. Petersburg eine Handvoll Eicheln in die Tasche gesteckt. Sie stammen von einem Baum, den George Washington, erster Präsident der USA, dem russischen Zaren einst als junges Bäumchen geschenkt hatte. Zwei dieser mitgebrachten Früchte sind im Ammerland mittlerweile zu kleinen Bäumen herangewachsen und zieren nun – gänzlich unbeschildert und somit anonym – den Rhododenronpark in Gristede.
