Großenkneten - Stehen die Kunstrasenplätze im Landkreis Oldenburg vor dem Aus? Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) prüft derzeit, ob vom Gummigranulat, dass auf manchen Plätzen verfüllt ist, eine Gefährdung ausgeht. Eine mögliche Beschränkung ab 2022 steht im Raum. Bundesinnenminister Horst Seehofer hat im Falle eines Verbots bereits eine Übergangsfrist für betroffene Plätze ins Gespräch gebracht.
Im Landkreis Oldenburg gibt es Kunstrasenplätze in Hude, Huntlosen und Großenkneten. Die Fußballplätze in Huntlosen und Großenkneten sind mit Kunststoffgranulat verfüllt. Eigentümer der Spielstätten ist die Gemeinde Großenkneten, die den Vereinen die Plätze unentgeltlich zur Verfügung stellt.
Alternativen gesucht
Großenknetens Erster Gemeinderat, Klaus Bigalke, will zunächst die weitere Entwicklung abwarten. „Ich gehe davon aus, dass wir eine Übergangszeit bekommen.“ Dass das Verbot kommen wird, stehe für ihn außer Frage. Wie es zum Tragen komme, sei abzuwarten. Die Gemeinde habe sich bereits mit dem Thema befasst, gerade vor dem Hintergrund, dass in Ahlhorn ein weiterer Kunstrasenplatz geplant werde. „Wir haben uns schon mit Alternativen wie Korkgranulat beschäftigt und werden das sicherlich in Betracht ziehen“, so Bigalke.
Auch die Gemeinde Ganderkesee ist auf der Suche nach Alternativen zum Gummigranulat für die geplanten Plätze des TSV Ganderkesee und des VfL Stenum, wie Meike Saalfeld von der Gemeinde mitteilt. Wie unsere Zeitung berichtete, verzichtet die Gemeinde Hatten auf dem geplanten Kunstrasenplatz, der zwischen Waldschule und TSG Hatten-Sandkrug liegt, auf Kunststoffgranulat.
Nutzer der Plätze in Großenkneten sind der TSV Großenkneten und der FC Huntlosen. Ende 2016 erfolgte die Fertigstellung des Platzes am Esch in Kneten, zwei Jahre zuvor war der Platz in Huntlosen neu angelegt worden. Die Einrichtung der Plätze schlug seinerzeit mit rund 500 000 Euro zu Buche. „Damals war es selbstverständlich, dass man Kunststoffgranulat verwendet. Erst nachdem wir den Platz in Kneten angelegt hatten, kam die Diskussion auf“, erinnert sich Bigalke.
Gummi als Nonplusultra
Auch der Vorsitzende des TSV Großenkneten, Dirk Wintermann, erinnert sich an die Zeit, als das Gummigranulat als Nonplusultra dargestellt wurde. Sehr zufrieden mit dem vorhandenen Platz zeigt sich der Vorsitzende des FC Huntlosen, Jürgen Merz. „Kunstrasen ist zu jeder Jahreszeit bespielbar“, stellt er einen wichtigen Vorteil heraus. Er äußert aber auch Verständnis für die Diskussion: „Wenn das Granulat schädlich ist, muss man es austauschen.“
Doch ist das Granulat tatsächlich schädlich? Eine Studie des Fraunhofer-Instituts stuft die „Verwehungen von Sport- und Spielstätten“ als die drittrelevanteste Quelle für Mikroplastik in Deutschland ein. Wolfgang Pohl, Sprecher der Ortsgruppe Wildeshausen des Naturschutzbundes (Nabu), setzt die Debatte in einen größeren Kontext. „Wir haben die Situation, dass Mikroplastik in Meeren zu finden ist, in den Nahrungskreislauf der dort lebenden Tiere gelangt und so bei uns auf dem Teller landet“, erläutert Pohl. Wenn das Gummigranulat sich am Rasenrand ablagere, durch Regen weggeschwemmt werde und so in Fließgewässer gelange, habe man die gleiche Problematik.
Mikroplastik bei Abrieb
Diese Sorge teilt Volker Sternberg, Geschäftsführer der Firma Private Greens & Fibergrass aus Wildeshausen, nicht. Seine Firma entwickelt seit 22 Jahren Kunstrasensysteme. „Das Mikroplastik entsteht lediglich bei ganz starker Nutzung durch Abrieb. Es wird angenommen, dass diese Partikel ins Erdreich gelangen – das ist durch den Aufbau der Plätze nicht möglich“, sagt Sternberg. „Die Feinstoffe bleiben im Kunstrasen“, ist er überzeugt.
Utopische Zahlen
Luigi Di Bella vom Granulathersteller Melos aus Melle, dessen Granulat in Großenkneten verfüllt ist, bezeichnete die vom Fraunhofer Institut genannten Zahlen als utopisch und sprach von Rechenfehlern, die den gemachten Angaben zugrunde liegen würden. „Der Austrag ist lange nicht so hoch, wie es dargestellt wird“, so Di Bella. Dies bestätigt Tobias Müller von der Firma Polytan. „Die durchschnittliche Nachfüllmenge, die pro Platz und Jahr aufgewendet werden muss, liegt zwischen 200 und 300 Kilogramm“, so Müller.
Das Fraunhofer Institut hatte die Menge in einem Worst-Case-Szenario mit mehr als drei Tonnen Granulat angegeben. Auf den Plätzen in Großenkneten liegen jeweils etwa zwischen 30 und 40 Tonnen Granulat. Überdies sei die Annahme, dass Granulat durch Verwehungen abgetragen werde unrealistisch, so Di Bella. Nachgefüllt werden müsse primär aufgrund der Verdichtung des Materials im Rasen, nicht aufgrund eines Austrags.
Kein neuer Platz
Befürchtungen, dass es notwendig sein könnte, einen komplett neuen Platz anzulegen, entkräftet Henning Hildener, der seinerzeit für den Kunstrasenhersteller Polytan tätig war, von dem die Plätze der Gemeinde Großenkneten stammen. „Es ist möglich, das auf den Plätzen befindliche Granulat komplett auszutauschen, sollte dies notwendig sein“, berichtet der Delmenhorster.
Betont wurde von Di Bella zudem, dass es sich bei dem in Großenkneten eingesetzten Granulat um einen Stoff handelt, der zu 70 Prozent aus Naturstoffen bestehe. „Wir halten alle geltenden Umwelt- und Gesundheitsrichtlinien auf Bundes- und auf europäischer Ebene ein.“ Somit gehe von dem Gummigranulat weder für Sportler noch für die Umwelt eine Gefahr aus.
