Hamburg/Aurich/Berlin - Angesichts der Krise beim Ausbau der Windkraft an Land haben Branchenverbände, die Gewerkschaft IG Metall und der führende deutsche Windenergieanlagenbauer Enercon aus Aurich die Bundesregierung und die Länder zum Gegensteuern aufgefordert. Kurz vor einem Windenergie-Gipfel an diesem Donnerstag legten Energie- und Umweltverbände einen Zehn-Punkte-Plan für einen schnelleren Ausbau vor. Es gehe darum, Hemmnisse abzubauen und die Verfügbarkeit von Flächen zu erhöhen.
Im ersten Halbjahr war der Ausbau der Windkraft an Land in Deutschland fast zum Erliegen gekommen. Der Bundesverband Windenergie hatte einen Genehmigungsstau und eine Klageflut beklagt. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat die Branche, Länder sowie Bürgerinitiativen zu einem Krisentreffen eingeladen.
Nach einer Erhebung im Auftrag der IG Metall Küste sind in der deutschen Windindustrie seit Beginn des vergangenen Jahres 8000 bis 10 000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Damit setze sich die Entwicklung des Jahres 2017 fort, als die Branche bereits 26 000 Arbeitsplätze einbüßte, teilte die Gewerkschaft am Mittwoch in Hamburg mit. Die Betriebsräte der wesentlichen Betriebe sehen die weitere Entwicklung der Branche sehr negativ und erwarten weitere Entlassungen.
„Es ist deprimierend“, sagte Bezirksleiter Meinhard Geiken. „Wenn Politik und Unternehmen nicht gegensteuern, dann steigen wir aus der Windindustrie noch früher aus als aus der Kohle.“ Der Inlandsmarkt sei praktisch tot; Hoffnung machten nur entfernte Märkte wie Asien und Südamerika, teilweise auch einige europäische Länder.
Mit dem Mut der Verzweiflung hat Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig in einem Brandbrief düstere Szenarien für die deutsche Windkraftbranche und die Energiewende gezeichnet. Er sprach von einer „katastrophalen Lage, die einem Totaleinbruch gleicht“ und schoss überraschend scharf und deutlich gegen sowohl die Politik als auch gegen Umweltschützer.
Kettwig schreibt, er hoffe, dass „spätestens mit einer Regierung, die Klimaschutz ernst nimmt und nicht nur als Symbolpolitik betreibt“, die Auftragslage in Deutschland wieder anziehen werde. Der Umkehrschluss ist eine Ohrfeige für das Vorgehen der Großen Koalition. „Die Politik sollte angesichts der brisanten Lage endlich handeln“, forderte Kettwig.
An dieser Misere und am massiven Genehmigungsstau sei indes nicht allein die Politik schuld, so Kettwig. „Auch sogenannte Umweltschützer, die systematisch gegen die Onshore-Windenergie zu Felde ziehen und uns in anmaßender Weise diskreditieren, bewirken, dass immer weniger Windenergieanlagen gebaut werden“, sagte er.
