Hengstforde - Schwindelfrei muss Gerold Meints in seinem Beruf in jedem Fall sein. Denn der Bad Zwischenahner ist Reet-Dachdecker. Er verarbeitet getrocknetes Schilf, auch Reith genannt. Sein Arbeitsplatz lag diesmal hoch über dem Aper Tief, denn bei der Hengstforder Mühle standen Ausbesserungsarbeiten an. Von der Galerie aus über eine Leiter kletterte er hinauf zum reetgedeckten Achtkant, immer auf der Suche nach schadhaften Stellen und brüchigem Material. Griffbereit hatte er ein Bündel mit 1,20 Meter langem Reet, das er büschelweise an die richtige Position schob und anschließend mit einem Schlagbrett in Form brachte.

Dieses besondere Handwerk lernte der 58-Jährige vor vielen Jahren, als ein Reet-Dachdecker Unterstützung suchte. Heute ist Meints gefragter Fachmann und mit seinen Leuten viel in der Region unterwegs.

Bei der Sanierung der Hengstforder Mühle hatte Jan Oltmanns den besten Blick. Mit einem Steiger manövrierte er sich bis ganz nach oben zur Kappe. Und auch hier wird das dem Wetter stark ausgesetzte Schilfdach stellenweise ersetzt.

Die Hengstforder Mühle

Gebaut wurde der zweistöckige, reetgedeckte Galerieholländer 1882 von einer Firma aus Norden. Die Mühle steht direkt am Aper Tief in Hengstforde. Auftraggeber war der damalige Müller Johann Christoph Böhlje.

Achtkant und Kappe wurden mit Reet, auch Reith genannt, gedeckt. Das getrocknete Schilf wird Lage für Lage an den Dachlatten befestigt.

Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges war die Mühle in Betrieb. Das Mehl wurde zum Teil direkt vor Ort zu Brot verarbeitet und an die Bevölkerung verkauft. Nachdem der Müller Hans Böhlje und sein Sohn 1939 eingezogen wurden, standen die Mühlenflügel still und die Mühle verfiel zunehmend. 1951 wurde ein Flügel vom Blitzschlag zerrissen. Daraufhin entschied sich der Besitzer, die Mühle bis auf das Mauerwerk abbrechen zu lassen. Stehen blieb nur der Steinachtkant.

Wiederaufgebaut wurde die Mühle nach historischem Vorbild in den Jahren 1998 bis 2000. Heute wird sie gerne besichtigt. Auch Trauungen sind dort möglich. Um den Unterhalt kümmern sich die Mitglieder des Mühlenfördervereins. Geöffnet ist sie sonntags von 10 bis 12 Uhr, Führungen ab 10 Personen können nach Anmeldung unter t  0 44 89/55 58 vereinbart werden. Auskünfte erteilt Vorsitzender Hans-Jürgen Schröder.

Doch nicht nur das Reet am Achtkant und auf der Kappe wird ausgebessert, sondern auch einige Holzteile werden in diesen Tagen ausgetauscht. Schuld sind Witterungseinflüsse, die der vor rund 20 Jahren nach historischem Vorbild wieder aufgebauten Mühle zugesetzt haben. Nachdem vor einigen Jahren wegen eines Pilzbefalls die Galerie komplett erneuert werden musste, steht jetzt eine weitere Sanierung bevor. Wie Helma Schubert vom Mühlenförderverein erklärt, sei auch der Verbindungssteg zwischen Mühle und ehemaligem Müllerhaus in Teilen abgängig und erhalte in den nächsten Wochen ein neues Geländer. Das Eichenholz sei bereits bestellt. Auch drinnen stehe eine Renovierung an: Der Innenputz im Erdgeschoss der Mühle soll ausgebessert werden.

Trotz dieser geplanten Arbeiten sind Besichtigungen der Mühle weiter möglich. Auch die für die nächsten Wochen angemeldeten Trauungen können ohne Einschränkung stattfinden.

Die Kosten für die anstehenden Arbeiten reißen indes ein Loch in die Kasse des Mühlenfördervereins. Insgesamt rund 20 000 Euro sind veranschlagt. Wie Helma Schubert erläutert, sei die Mühle zwar Eigentum der Gemeinde Apen, für Nutzung und Unterhalt sei jedoch der Mühlenförderverein zuständig. Durch die Trauungen erhalte der Verein zwar etwas Geld. Dieser Betrag reiche aber nur für laufende Bewirtschaftungs- und Unterhaltungskosten, nicht aber für größere Sanierungsmaßnahmen. Und so sei der Verein froh, für die jetzt anstehende Sanierung eine Förderung in Höhe von 30 Prozent aus der aktuellen Dorferneuerung für die Dorfregion Apen zu erhalten.

Ein Teil der Arbeiten wird bereits bis zum bevorstehenden Weinfest, das am 7. und 8. September auf dem Vorplatz der Mühle stattfindet, abgeschlossen sein. Dann können sich alle Mühlenfans auch über den Galerieholländer und den Stand der Sanierung informieren.

Kerstin Schumann
Kerstin Schumann Redaktion Westerstede