Friesoythe -   Moin Alexander. Ich darf dich sofort duzen, du bist ja auch erst 31 Jahre alt – und seit Pfingsten frisch gebackener katholischer Priester. Ist dein Traumberuf aus Kindheitstagen in Erfüllung gegangen?

Alexander SenkEigentlich nicht ganz. Eines ist sicher: Als Kind hatte ich nicht sofort den Wunsch, Priester zu werden. Aber die Kirche spielte schon immer eine wichtige Rolle in meiner Heimatstadt Coesfeld. Natürlich war ich auch Messdiener, Gruppenleiter und sang in kirchlichen Chören. Ungefähr mit 16 Jahren fing dann aber die Berufung „Priester werden“ in mir an, zu reifen. Großen Anteil daran hatte unser damaliger Kaplan Jörg Hagemann. Er hat mir die richtigen Fragen gestellt.

Und dann war also die Entscheidung gefallen?

SenkNein. Die Idee war da, aber ich merkte schnell, dass ich noch Zeit brauchte. So entschied ich mich nach dem Fachabitur erstmal, Soziale Arbeit zu studieren. Mir fehlte irgendwie noch Lebenserfahrung. Während des Studiums machte ich ein Auslandssemester in Irland. Unter anderem arbeitete ich dort mit Wohnungslosen zusammen. Ich glaube ich kann sagen, dass das eine Erfahrung war, die mich nachhaltig geprägt hat und sicherlich einen entscheidenden Beitrag geleistet hat, dass ich nun Priester bin.

Als „Kofferkaplan“ in Friesoythe

Alexander Senk stammt aus Coesfeld im Münsterland und ist seit dieser Woche als sogenannter „Kofferkaplan“ in Friesoythe. Bis zum 1. September unterstützt er das Pastoralteam der katholischen Pfarrei St. Marien und begleitet auch kirchliche Jugendlager.

Seine erste reguläre Stelle als Kaplan tritt er im Anschluss in Lohne an. Diese Stelle ist erst einmal auf vier Jahre ausgelegt.

Nach einer zweiten Kaplanstelle hofft Senk, dass er mit 38 oder 39 Jahren dann seine erste Pfarrerstelle antreten kann.

Während seiner Priesterausbildung war er mehrere Wochen in Friesoythe tätig und fühlt sich mit der Gemeinde sehr verbunden.

Nach dem Abschluss deines Studiums ging es direkt ins Priesterseminar. Wie oft kamen in dir auch währenddessen Zweifel auf?

SenkOft, sehr oft sogar. Zwischendurch musste ich während des Priesterseminars auch eine Pause einlegen. Ich ging für kurze Zeit ins normale Leben zurück und dachte viel darüber nach, ob sich meine Entscheidung auch im Alltag bewähren kann.

Wer oder was hat dich wieder zurück ins Priesterseminar geholt?

SenkDie Antwort ist einfach. Einen großen Anteil daran hatte Michael Borth. Als Praktikant war ich während der Ausbildung mehrere Wochen in Friesoythe und durfte Wallfahrten begleiten. Während dieser Zeit stand Michael mir mit Rat und Tat zur Seite, hatte die richtigen Antworten für mich und wurde eine Art Mentor. Ohne ihn wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin.

Ein katholischer Priester zu sein, heißt auch, vielen Dingen zu entsagen. Wie schwer fiel dir die Entscheidung, jetzt zölibatär leben zu müssen?

SenkSchwer. Bevor ich ins Priesterseminar ging, hatte ich natürlich die ein oder andere Beziehungserfahrung gemacht. Doch es waren nie mehrjährige Liebschaften dabei. Als ich dann ins Priesterseminar ging, war ich aber auch schon länger Single. Ich glaube, man muss mit sich selbst im Reinen sein und diese Entscheidung bewusst fällen.

Wenn dir also zum Beispiel in fünf Jahren die Liebe deines Lebens über den Weg läuft, was dann?

SenkJa, das kann immer passieren. Wichtig ist in dieser Situation, dass man ehrlich zu sich selbst ist. Man sollte sich nicht belügen, wenn man tatsächlich dann auch als Priester in so eine Situation kommt. Ich glaube aber, in nächster Zeit wird mir das nicht passieren.

Also hast du vor der Einsamkeit keine Angst?

SenkAngst ist vielleicht das falsche Wort. Respekt trifft es wohl eher. Kürzlich haben Freunde von mir geheiratet. Es war eine tolle Feier, ich habe mich sehr amüsiert. Zwischendurch kam aber dieses eine Gefühl hoch. Man realisiert, dass man so etwas nie haben wird und dass es gleich alleine nach Haus geht. Da brauche ich auch immer ein paar Sekunden für mich. Aber auch das geht vorbei.

Die Kirche ist immer wieder Gegenstand der Kritik. Was müsste sich deiner Meinung nach ändern?

SenkJetzt muss ich natürlich vorsichtig sein, was ich sage. Obwohl eigentlich nicht. Frauen könnte ich mir gut als Priesterinnen vorstellen. Als ich in Irland war habe ich zahlreiche Gottesdienste gesehen, die von Priesterinnen geleitet wurden. Die waren einfach klasse. Die Frau muss in der Kirche eine zentrale Rolle spielen und sollte auch in Ämtern der Kirche absolut gleichberechtigt sein. Genauso sieht es für mich in der Homosexualität aus. Ein Priester ist ein Seelsorger für alle Menschen und darf sich keiner Gruppe verschließen. Die Welt ist bunt und braucht auch bunte Lösungen.

An diesem Freitag berichtete unsere Zeitung über einen Missbrauchsskandal eines katholischen Priesters in Rhede, ganz in der Nähe deiner Heimatstadt. Wie stehst du zu dem Thema?

SenkMeine ehrliche Antwort: Es nervt. Nicht das Thema an sich, sondern die Täter, die nerven mich. Sie haben sich nicht im Griff und haben so viel Vertrauen verspielt und zerstört. Sie haben die Moral der Kirche als Deckmantel benutzt und Leben zerstört. Es ist immens wichtig, dass diese Fälle nun endlich an das Tageslicht kommen. Auf lokaler Ebene und im Priesterseminar habe ich viel darüber gesprochen und ich glaube in unserem Bistum sind wir auf einem guten Weg. Doch das Thema ist ein weltweites Problem und nur die Weltkirche kann wirklich etwas ändern.

Zurück nach Friesoythe. Du hast hier deine dritte Primiz gefeiert, was eher ungewöhnlich ist. Könntest du dir eine berufliche Zukunft in Friesoythe vorstellen?

SenkDie Einladung zur Primiz kam natürlich von Michael Borth und der bin ich gerne gefolgt. Es war eine tolle Feier und ich habe gemerkt, dass ich mich mit den Menschen hier in der Stadt sehr verbunden fühle. Gerade beim Primizsegen im Anschluss der Messe hat mir eine Frau sogar selbst einen Segen gegeben. Das war sehr berührend. Bis ich längerfristig nach Friesoythe komme wird es wohl aber noch dauern. Es ist eine große Gemeinde und vor den verwaltungstechnischen Aufgaben habe ich größten Respekt. Trotzdem wäre es natürlich eine „Traumstelle“.

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Du bist auch in sozialen Netzwerken unterwegs. In Fachkreisen nennt man dich schon den „Insta-Priester“. Bist du ein moderner Priester?

SenkDas kann ich nicht genau sagen. Aber ich glaube mit 31 erreicht man junge Menschen besser und Insta­gram sowie Facebook sind nützliche Mittel. Sie zeigen, dass Kirche nicht angestaubt sein muss und sich weiterentwickelt. Genau das versuche ich bei Instagram und in meinen Gottesdiensten zu zeigen.

Heiner Elsen
Heiner Elsen Redaktion Münsterland