Als bester Lehrer der Welt wurde gerade ein Mann ausgezeichnet, der allein durch seine Persönlichkeit überzeugt. Welchen Mehrwert haben digitale Endgeräte und Wlan in der Schule?
Grant Hendrik Tonne (42) ist seit 2017 Kultusminister in Niedersachsen. Zuvor war der Rechtsanwalt aus Leese (Kreis Nienburg) Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion. Tonne ist verheiratet und Vater von vier Kindern.
TonneIch glaube, das ist eine Grundsatzentscheidung: Will ich in der Schule das vermitteln, was gesellschaftliche Realität ist – ja oder nein? Ob wir digitale Medien gut oder schlecht finden, ist nachrangig, sie sind Realität. Mehr als 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler ab 13 Jahren haben ein Handy. In der Schule sollten wir daher die Chancen nutzen, die digitale Medien bieten, aber auch über Gefahren und den Umgang damit informieren: Persönlichkeitsrechte, Datenschutz oder Cybermobbing zum Beispiel. Das müssen wir in Schule noch verstärkt integrieren – ergänzend, nicht ersetzend. Schreiben oder Rechnen lernen zum Beispiel werden nach wie vor ein großer, fester Bestandteil des Unterrichts sein. Außerdem bleibt der Bezugspunkt Lehrkraft zentral. Wir brauchen auch in Zukunft Lehrkräfte, die ihren Job leben und damit Schülerinnen und Schülern den Zugang zu Bildung vermitteln. Ich glaube aber, dass die Binnendifferenzierung in Klassen durch digitale Medien deutlich besser möglich wird. Deswegen entwickeln wir in Niedersachsen beispielsweise eine Schul-Cloud, und ich bin zudem auch ein großer Verfechter des Digitalpaktes. Damit können wir einen großen Schritt nach vorne gehen, ohne jetzt schon sagen zu können, wie das Ziel aussieht. Aber wenn wir das erst ausdiskutieren, bevor wir uns auf den Weg machen, passiert in den nächsten Jahren wahrscheinlich nichts.
Zunächst bekommt jede Schule im Land gleichviel Geld für die Digitalisierung, nämlich 30 000 Euro. Das freut gut finanzierte Schulen – aber hätten Sie im Sinne der Bildungsgerechtigkeit nicht mehr danach gehen können, wer wie gut ausgestattet ist?
TonneDas ist mit dem Weg, den wir gehen, genauso auch möglich. Dieser Sockelbetrag wird nur maximal ein Viertel der Mittel des Digitalpaktes, die ja insgesamt rund 520 Millionen Euro betragen, binden. Die weiteren Mittel hängen von guten Konzepten der Schulen ab. Es gibt die Technik nicht um der Technik willen. Der Sockelbetrag ist aber gerechtfertigt, weil wir damit alle Schulen erreichen. Bei Kleinstschulen müssen wir uns allerdings Gedanken machen, wie dieser Sockelbetrag aussehen soll.
Dieser Sockelbetrag gilt auch für Grundschulen, in denen digitale Endgeräte kaum eine Rolle spielen. Was soll es da bewirken?
TonneDie Frage nach der Arbeit mit digitalen Medien wird in der Grundschule anders gestellt, ist dort aber nicht weniger wichtig. Auch wenn man in Grundschulen fragt, wer ein Handy hat, staunt man, wie viele Hände hochgehen. In der Grundschule geht es um Medienkompetenz und um spielerisches Lernen. Und auch in Grundschulen gibt es interaktive Whiteboards – und das ist richtig so.
Viele Lehrer fürchten, dass das Geld in Technik versackt und den Unterricht letztlich nicht verbessert. Woran kann man in zehn Jahren erkennen, dass die Investitionen richtig waren?
TonneIch finde es sehr schwierig im Jahr 2019 zu sagen, wie es im Jahr 2029 aussehen wird. Für uns ist entscheidend: Es gibt mit uns kein Tablet-Beschaffungsprogramm. Das wäre auch schnell überholt. Wenn wir mit dem Geld aber Strukturen für die Zukunft aufbauen, ist viel erreicht. Es geht um die Frage nach Medienkompetenz und digitalem Lernen. Dabei geht es auch um den Punkt Weiterbildung unserer Lehrerinnen und Lehrer. Das führt in der Folge zum Umdenken in der Schule. Und ganz ehrlich – ich glaube, dass wir in zehn Jahren über unsere heutigen Debatten schmunzeln werden.
Von der Schule zur Kita: Es gibt viel zu wenig Erzieher. Aktuell dauert die Ausbildung vier Jahre und wird nicht bezahlt. Wann wollen Sie das reformieren?
TonneIch finde es sehr schwierig im Jahr 2019 zu sagen, wie es im Jahr 2029 aussehen wird. Für uns ist entscheidend: Es gibt mit uns kein Tablet-Beschaffungsprogramm. Das wäre auch schnell überholt. Wenn wir mit dem Geld aber Strukturen für die Zukunft aufbauen, ist viel erreicht. Es geht um die Frage nach Medienkompetenz und digitalem Lernen. Dabei geht es auch um den Punkt Weiterbildung unserer Lehrerinnen und Lehrer. Das führt in der Folge zum Umdenken in der Schule. Und ganz ehrlich – ich glaube, dass wir in zehn Jahren über unsere heutigen Debatten schmunzeln werden.
Von der Schule zur Kita: Es gibt viel zu wenig Erzieher. Aktuell dauert die Ausbildung vier Jahre und wird nicht bezahlt. Wann wollen Sie das reformieren?
TonneJa, wir haben zu wenige Fachkräfte. Ich will trotzdem vor zu einfachen Schlussfolgerungen warnen…
… wie eine dreijährige bezahlte duale Ausbildung, wie sie der Städtetag vorschlägt?
TonneDer Vorschlag mag gut begründet sein, ich muss ihn aber nicht teilen. Sicher müssen wir uns mit der Bezahlung in der Ausbildung beschäftigen. Aber mit aktuell fast 15 000 jungen Menschen in Erzieherausbildung jagen wir von einem historischen Höchststand zum nächsten. Leider gehen viele nach ihrer Ausbildung viel zu selten in die Kita, sondern woanders hin oder bleiben nicht lange im Beruf.
Also gibt es erst einmal keine Reform?
TonneZum 1. August diesen Jahres starten begleitende Qualifizierungen bei den Sozialassistenten- und Erzieherausbildungen, zudem müssen die Auszubildenden aufsteigend kein Schulgeld mehr bezahlen. Doch das löst unseren aktuellen Fachkräftemangel nicht, wir brauchen kurzfristige Lösungen. Deswegen kümmern wir uns unter anderem um den Quereinstieg, die Anerkennung ausländischer Ausbildungen und suchen pragmatische Lösungen. Sozialassistenten in der Erzieherausbildung sollen vor ihrem Abschluss eine Gruppe leiten können. Das sind nur einige Maßnahmen von vielen, die wir mit unserem Niedersachsenplan auf den Weg bringen.
Die dreijährige, duale Ausbildung ist also kein Thema mehr?
TonneDualisierte Elemente führen wir ja ein. Aber: Die aktuelle vierjährige Ausbildung berechtigt zum Hochschulzugang. Wenn ich diese auf drei Jahre verkürze, ist dies beispielsweise nicht mehr möglich. Das ist heutzutage auch der falsche Weg. Zudem kenne ich kein Bundesland, welches sich darauf einlässt. Wir müssen uns hier und heute der Verantwortung stellen und das tun wir mit umfangreichen Maßnahmen.
Der Fachkräftemangel ist auch an den Berufsbildenden Schulen (BBS) riesig. Sind 90 Prozent Unterrichtsversorgung ok?
TonneAbsolut nicht. Aber zwei Jahre hintereinander ist die Unterrichtsversorgung um jeweils 1,3 Prozentpunkte angestiegen. Das fällt einem nicht in den Schoß, sondern es ist Ergebnis vieler Einstellungen. Wir kommen aus einer Zeit, in der haben wir rund 300 Lehrkräfte pro Jahr eingestellt, nun sind es mehr als 500. Zudem halten wir in Niedersachsen als Flächenland an einer wohnortnahen Beschulung fest, das leistet sich kein anderes Bundesland. Dennoch müssen wir weiter zulegen. Übrigens werden wir auch beim Budget nachsteuern.
Sie wollen das BBS-Budget um etwa 10 Millionen Euro aufstocken. Ist das eine Reaktion auf die Proteste?
TonneNatürlich ist dies auch eine Reaktion. Wir waren aber von Anfang an nicht glücklich über die Summe, weil uns klar war, dass es die Schulen vor Probleme stellt, weil 2019 nicht das zur Verfügung steht, was im vergangenen Jahr vorhanden war.
Diesen Erkenntnisgewinn hätten Sie auch früher haben können. Die Schulen haben früh vor Kürzungen gewarnt.
TonneIch betone, dass es keine Kürzung im laufenden Budget gegeben hat, sondern es ging um weniger Überschüsse, die den Schulen zur Verfügung stand, da wir mehr feste Einstellungen vornehmen konnten als zuvor.. Wir hatten sehr viele gute Gespräche, in denen die BBS den Blick darauf geschärft haben, dass sie das Budget eben auch für Personal auf Stundenbasis benötigen. Wir haben geschaut, was wir machen können und nun ist klar, dass wir 2019 real mehr anbieten können, als 2018 ausgegeben wurde. Dazu kommt eine bessere Unterrichtsversorgung. Das macht die Welt nicht rosarot, aber damit können die Schulen arbeiten.
In Niedersachsen gibt es die bundesweit schlechtesten Abi-Durchschnittsnoten. Sind unsere Schüler zu schlecht vorbereitet?
TonneWenn wir uns die Zahlen anschauen, sehen wir keine signifikanten Veränderungen. Es hat einen leichten Anstieg gegeben: Der Abiturdurchschnitt hat sich in Niedersachsen seit 2007 um etwas mehr 0,1 Prozentpunkte von 2,71 auf 2,57 verbessert. aber daraus können wir keine strukturelles Problem ableiten. Es gibt keinen Grund zu Aktionismus. Das Abitur ist und bleibt anspruchsvoll. Und es wird, auch wenn es in jedem Einzelfall sehr bedauerlich ist, auch immer wieder Menschen geben, die es nicht bestehen. Das gehört dazu.
Ist das Abi in Niedersachsen anspruchsvoller geworden und sind wir die neuen Bayern?
TonneDas Abitur war hier schon immer anspruchsvoll, und das bleibt es auch. All jene, die glauben, dass es anderswo einfacher oder schwerer ist, lade ich gerne ein, sich den ganzen Bildungsweg anzuschauen. In Niedersachsen hat man eine hohe Freiheit bei der Schulwahl, das gibt es in Bayern so nicht. Wenn wir uns vergleichen, dann bitte mit dem Blick aufs Ganze. Und da müssen wir uns nicht verstecken.
Also ignorieren Sie die Durchfallerquoten?
TonneIch habe in meiner überschaubaren Amtszeit als Kultusminister schon mindestens zweimal Diskussionen gehört, dass unser Abitur möglicherweise zu leicht ist. Nun ist es erstmals möglicherweise zu schwer. Ich empfehle sehr, mit einer vernünftigen Gelassenheit an das Thema heranzugehen. Wir werten jeden Abiturjahrgang intensiv aus. Wir haben dabei insbesondere einen genauen Blick auf den Bereich Mathematik. Da kann man erkennen, dass die Leistungen im Schnitt schwächer ausfallen. Und dort überlegen wir, wie man gegensteuern und das Fach Mathematik stärken und möglicherweise hier nachsteuern kann.
Also gibt es keine grundsätzliche Reform?
TonneDie Auswertungen der letzten Abi-Jahrgänge belegen sehr deutlich, dass wir keinen grundsätzlichen Änderungsbedarf haben. Zudem haben wir gerade die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren. Zum 1. August 2020 startet der dreizehnte Jahrgang, und auch deshalb wären jetzige Änderungen verfehlt.
Niedersachsens Abiturienten konkurrieren mit denen anderer Länder. Sind die schlechten Noten da kein Wettbewerbsnachteil?
TonneDer weitere Lebensweg eines Abiturienten sollte nicht davon abhängen, in welchem Bundesland der Abschluss gemacht wurde. Deswegen schauen wir zum Beispiel auf KMK-Ebene, wie wir bei aller nötigen Vorsicht und Rücksicht auf die Freiheiten und Freiräume der Schulen beim Abitur zu mehr Vergleichbarkeit der Arbeiten kommen können.
Was kann mehr Vergleichbarkeit bedeuten?
TonneWir schreiben bedarfsgerecht 1900 Stellen zum 1. Schulhalbjahr 2019/2020 aus, davon an den Grund-, Haupt- und Realschulen 650 Stellen, 500 an den Oberschulen, 400 an Gesamtschulen, 180 an den Gymnasien und 170 an Förderschulen. Unser Ziel ist aber nicht nur ein Maximum von Stellen auszuschreiben, sondern vor allem auch zu besetzen.
Wandern Ihnen nicht dauernd Lehrer ab in andere Bundesländer, die wie Thüringen konsequent mindestens A 13 bezahlen?
TonneWir haben mehr Einstellungen als Absolventen aus dem Vorbereitungsdienst. Die müssen ja auch irgendwo herkommen.
Aktuell hat eine Petition für „A13 für alle“ viel Zulauf. Wie lange können Sie sich gegen eine Anhebung noch wehren?
TonneWir stellen uns in der Landesregierung natürlich auch der Frage, wie wir bei offensichtlich schwieriger werdenden finanziellen Verhältnissen auch für Lehrkräfte attraktiv bleiben können. Aber das geht auch insgesamt einher mit der Frage, wie wir das Berufsfeld insgesamt attraktiver machen können. Da haben wir mehrere Bälle in der Luft, es geht um schrittweise Verbesserungen bei Bezahlung, Arbeitszeit und Entlastungen. Zudem starten wir eine Imagekampagne, um auf die Vorzüge des Lehramts in Niedersachsen aufmerksam zu machen und für den Einstieg in den Lehramtsberuf in Niedersachsen werben.
