Herr Effenberg, woran denken Sie, wenn Sie an Werder Bremen denken?

Stefan Effenberg (50)An viele spezielle Spiele, die ich gegen die Bremer hatte. An das Pokalfinale 1999, das wir mit dem FC Bayern im Elfmeterschießen verloren haben, aber auch an das Endspiel ein Jahr später, das wir 3:0 gewonnen haben. Es waren enge Spiele, oft auf Augenhöhe, das hat Spaß gemacht.

Vielen Werder-Fans fällt beim FC Bayern derzeit wohl vor allem die schwarze Serie ein. 16 Bundesligaspiele in Folge hat Werder gegen die Münchner verloren. Setzt sich so eine Negativ-Statistik in den Köpfen der Spieler fest?

EffenbergEs ist natürlich schwierig, das völlig auszublenden, aber es darf eigentlich keine Rolle spielen. Und man muss unterscheiden zwischen Liga- und Pokalspiel.

Das Ligaspiel an diesem Samstag (15.30 Uhr) hat für die Bayern die größere Bedeutung, sie müssen ihren knappen Vorsprung vor Dortmund verteidigen.

EffenbergDas würde ich nicht so sehen. Für Werder geht es um jeden Punkt im Kampf um die internationalen Plätze, sie sind unbesiegt in diesem Jahr. Sie werden sich sicher nicht schonen oder etwas abschenken in München.

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Zuletzt gab es viele deutliche Siege für die Münchner. Ist der Rekordmeister in der Liga noch aufzuhalten?

EffenbergNach wie vor ist der Titelkampf offen, obwohl ich die Bayern im Vorteil sehe. Aber: Es ist nur ein Punkt. Vielleicht verändert sich die Situation am Samstag.

Warum spielen die Bayern in der Rückrunde wieder so dominant?

EffenbergNiko Kovac hat seine Elf gefunden, rotiert nicht mehr so viel – das war schon ein Faktor in der Hinrunde. Nach der verkorksten WM waren zudem viele Spieler nicht mal annähernd in Topform. Das hat sich jetzt geändert. National kann der FC Bayern so etwas korrigieren, international sieht das anders aus. Und nicht zu vergessen: Javi Martinez ist ein wichtiger Faktor geworden.

Der Spanier im defensiven Mittelfeld war beinahe in Vergessenheit geraten...

EffenbergIn jedem wichtigen Spiel war er der X-Faktor. Er bringt die Stabilität zurück. Es hieß in der Hinrunde, die Bayern-Abwehr wackelt. Martinez ist dafür verantwortlich, dass jetzt das Gleichgewicht stimmt. Er ist der Stabilisator.

Muss sich die Bundesliga fragen: wenn nicht in dieser Saison, wann soll dann mal wieder ein anderes Team deutscher Meister werden?

EffenbergNein, das glaube ich nicht. Im Sommer verändern sich viele Dinge in München. Robben und Ribéry gehen, es kommen neue Spieler. Ich sehe die Kluft in der nahen Zukunft nicht so groß wie zuletzt. Der Umbruch wird noch dauern. Spieler wie Hernandez oder Pavard muss man auch erst ins Team installieren. Diese Dinge brauchen Zeit, um zu greifen. Ich bin mir recht sicher, dass es in der kommenden Saison noch spannender wird als in dieser.

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Trotz Platz eins und dem Pokal-Halbfinale scheint Trainer Kovac noch nicht zu 100 Prozent angekommen in München. Wundert Sie das?

EffenbergDen teils großen Unmut verstehe ich nicht. Dass von den Medien immer wieder neue Trainer gehandelt werden, kann ich nicht nachvollziehen. Das finde ich respektlos. Die Kritik kommt aber auch aus den eigenen Reihen – das geht gar nicht.

Können Sie das genauer ausführen?

EffenbergIch nenne mal ein Beispiel. Zu meiner Zeit hieß der Trainer Ottmar Hitzfeld. Wir haben einige Meisterschaften sehr eng gewonnen, wie an den jeweils letzten Spieltagen im Rennen mit Bayer Leverkusen (2000) und Schalke 04 (2001). Ich habe in Ottmar Hitzfelds Zeit beim FC Bayern bis auf eine Äußerung von Karl-Heinz Rummenigge, dass Fußball keine Mathematik sei, kaum Kritik gehört.

Eine berühmte Kritik an Hitzfelds Rotation.

Bewegte Karriere im Überblick

Stefan Effenberg spielte in seiner Profikarriere für Borussia Mönchengladbach, FC Bayern und VfL Wolfsburg. Zwischenzeitlich lief er in Italien für AC Florenz auf.

1999, 2000 und 2001 wurde der heute 50-Jährige mit den Bayern Meister, zudem gewann er 2001 die Champions League und zweimal den DFB-Pokal. Effenberg bestritt 35 Länderspiele für Deutschland. Als Trainer arbeitete er nur für den Zweitligisten SC Paderborn in der Saison 2015/16.

An diesem Sonntag (11 Uhr) ist Effenberg als Experte in der TV-Sendung „Doppelpass“ auf Sport 1 zu Gast.

EffenbergMan schmunzelt zwar drüber, aber wenn man die betroffene Person ist, ist das nicht lustig. Es gibt halt Jahre, die nicht perfekt laufen. Ab und zu wird es mal enger. Deswegen kann ich die Kritik aus den eigenen Reihen nicht nachvollziehen.

Hitzfeld hatte ein hohes Ansehen aufgrund seiner Erfolge. Kovac ist noch ein unerfahrenerer Trainer.

EffenbergDamit hängt es natürlich zusammen. Klar, Kovac ist relativ jung. Aber man muss einem Trainer auch eine gewisse Zeit geben, um das Team zu entwickeln. Und ich sehe diese Entwicklung durchaus positiv, obwohl es Umstände gab, die es Niko nicht leicht gemacht haben – wie die verkorkste WM oder einige Langzeit-Verletzungen. Fünf Spieltage vor Saisonende steht der FC Bayern dennoch auf Platz eins, das ist für mich schon ein Erfolg für Kovac.

Warum Werder die Bayern schlagen kann

Wird die Schuld grundsätzlich zu früh bei den Trainern gesucht?

EffenbergSchlechte Ergebnisse werden viel zu schnell am Coach festgemacht. Da sollten sich die Verantwortlichen in den Vereinen häufiger fragen, was sie zum Beispiel bei der Kaderzusammenstellung falsch gemacht haben.

Dieser Trend ist durchaus in der Liga zu erkennen. Immer mehr Manager müssen gehen, wenn es nicht läuft.

EffenbergDas ist völlig richtig. Sie sind ja auch die, die für den Kader hauptverantwortlich sind. An ihnen muss man den Erfolg eines Vereins festmachen. Die Manager gehören mehr ins Blickfeld. Das wird in Zukunft beim FC Bayern auch so sein. Ein Hasan Salihamidzic wird daran gemessen, was er jetzt für einen Kader zusammenbaut.

Zurück zu den beiden Nord-Süd-Klassikern. Wie sehen Sie die Chancen von Werder gegen erstarkte Münchner?

EffenbergIch sehe eine sehr gefestigte Bremer Mannschaft, die es jedem Gegner schwer machen kann – ob in 90 oder 120 Minuten. Die Bayern sind Favorit, aber ich sehe sie nicht als haushoher Favorit. Man weiß gar nicht so recht warum, aber Werder ist gefährlich (lacht).

Was macht das Bremer Team aus?

EffenbergIhre große Stärke ist das Kollektiv . Sie haben ja keinen, der 20 Tore geschossen hat. Deswegen sind sie so schwer zu bespielen, du kannst ihren Erfolg nicht an einer Person festmachen.

Das klingt, als ob Sie Werder gerade im Pokal einiges zutrauen?

EffenbergSie haben nichts zu verlieren, da können sie sich doch richtig drauf freuen. Wahrscheinlich ist das der geilste Tag in der Karriere eines jeden aktuellen Werder-Spielers. Sie können Großes erreichen. Das spricht auch für die Arbeit des Trainers.

Wie nehmen Sie Florian Kohfeldt wahr? Kennen Sie ihn persönlich?

EffenbergNein. Von außen kommt er für mich sehr sympathisch und authentisch herüber. Man muss als junger Trainer jedoch auch wissen, dass man sich nicht blenden lassen darf von den derzeitigen Erfolgen. Im Fußball kann es schnell in die andere Richtung gehen. Aber ich glaube schon, dass Kohfeldt dort längerfristig Erfolge haben kann.

Aus dem Kollektiv sticht Max Kruse heraus. Er ist ein Typ, der auf und neben dem Platz seinen Weg geht.

EffenbergDas ist mir ja schon mal sehr sympathisch, das gefällt mir gut. Er ist ein Charakterkopf, davon gibt es nicht viele in der Bundesliga.

Eilts: „Bayern-Spiele waren für mich ein extremer Ansporn“

Und sportlich?

EffenbergKruse spielt eine herausragende Rückrunde. Es wird für ihn wohl kein Thema mehr werden, aber wenn es nach dem Leistungsprinzip ginge, müsste er Anwärter für Jogi Löw in der Nationalmannschaft sein – aber da passt er wahrscheinlich charakterlich nicht rein. Davon sollte sich Kruse nicht beirren lassen, sondern er sollte sich auf seine letzten großen Jahre konzentrieren. Sein Vertrag läuft ja aus, das wird spannend, wie es weitergeht.

Was glauben Sie?

EffenbergFür mich gibt es da zwei Möglichkeiten. Entweder er unterschreibt noch einmal längerfristig in Bremen. Oder er geht den Schritt ins Ausland. Das ist nie verkehrt für die Persönlichkeitsentwicklung, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

Sie haben zu Beginn das Pokalfinale 2000 angesprochen. Wissen Sie eigentlich, wer damals in der Bremer Startelf stand?

Effenberg Die meisten bekomme ich zusammen, wieso?

Claudio Pizarro war schon dabei. Sie haben 2001/02 mit ihm noch in München zusammengespielt. Wie haben Sie ihn erlebt?

EffenbergEr kam mit Demut und war willig, etwas zu erreichen. In dem Jahr war Giovane Elber noch da, da war es schwierig für Claudio. Aber man konnte sehen, was er für ein Talent hat.

Was denken Sie, wenn er auch heute noch mit 40 Jahren über den Platz rennt?

EffenbergIch bin irritiert, wenn ich ihn sehe (lacht). Ich weiß nicht, wie das geht. Großer Respekt, das ist außergewöhnlich. Er soll es genießen.

Gerade die Duelle mit dem FC Bayern sind für Pizarro etwas Besonderes. Wenn Sie ihm zum Abschluss etwas wüschen dürften, was wäre das?

EffenbergIm Ligaspiel in München einen schönen und würdevollen Empfang der Bayern-Fans. Ich gehe mal davon aus, dass er das letzte Mal den Rasen zu einem Pflichtspiel in der Arena betreten wird. Und im Pokal? Ein Einsatz und ein Tor.

Lars Blancke
Lars Blancke Sportredaktion