Lauert das Verbrechen überall? Sind wir nirgendwo wirklich sicher?

Staatsanwältin Dr. Annette MarquardtJa, es lauert überall, auch in ländlichen Regionen. Jeder kann Zufallsopfer werden.Pensionierter Kommissar Martin ErftenbeckDas Verbrechen lauert nicht ständig immer und überall, letztlich kann man trotzdem fast jederzeit und überall Opfer einer Straftat werden. Sicher gibt es je nach Deliktsart Zeiten und Orte, die man meiden kann, man sollte aber sein tägliches Leben nicht durch ängstliche Gedanken, es könnte etwas passieren, einengen lassen.

In Ihrem Buch zeigen Sie in Ihren Fallgeschichten aus dem realen Leben, wie hochprofessionell Staatsanwaltschaft, Kriminalpolizei und Rechtsmedizin bei Ermittlungen zusammenarbeiten. Wie wichtig ist das Zusammenspiel aller beteiligten Akteure für den Ermittlungserfolg?

Annette MarquardtExtrem wichtig. Ohne gute Zusammenarbeit keine zeitnahe Aufklärung. Auch ist es erfahrungsgemäß schwierig, alles Relevante zeitnah zu ermitteln (etwa auch die grundlegenden Fakten für eine psychiatrische Begutachtung) , wenn nicht alle gut zusammenarbeiten. Auch muss von Anfang an darauf geachtet werden, dass alles, was ermittelt wird, später in der Hauptverhandlung verwertbar ist.

Martin ErftenbeckDas gute Zusammenspiel und eine enge Zusammenarbeit zwischen Polizei, Staatsanwaltschaft und Rechtsmedizin sind für ein gutes Ermittlungsergebnis sehr wichtig. Reibungsverluste durch mangelndes Vertrauen oder fehlende Kommunikation würden sich negativ und unmittelbar auf die Ermittlungsergebnisse auswirken.

Kommt es – wie etwa in Fernsehkrimis – auf einen einzelnen, besonders guten Kommissar oder eine herausragende Staatsanwältin oder eine grandiose Rechtsmedizinerin, also einen „Star“-Ermittler, an?

Annette MarquardtNein, in der Regel ist es so, dass Starallüren einzelner eher hinderlich sind. Bei den aufwendigen Ermittlungen kommt es auf ein gutes Team an, es kommt auf das Zusammenspiel der einzelnen Spezialisten an.Martin ErftenbeckEs kommt nicht auf einen „Star“-Ermittler oder eine „Star“-Ermittlerin an, sondern auf ein professionelles Zusammenarbeiten im Team. Es ist aber von großer Bedeutung, dass die Beteiligten über großes Fachwissen, Erfahrung und kreative Gedanken verfügen.

Offenbaren reale Tötungsdelikte wie die in ihrem Buch viel tiefere menschliche Abgründe und ungeklärte Geheimnisse, als fiktive Kriminalfälle in Film und Fernsehen darzustellen vermögen?

Annette MarquardtJa natürlich. Wenn man in der Vernehmung einem Tatverdächtigen oder einem Opfer gegenüber sitzt, erhält man in der Regel tiefe Einblicke in das Seelenleben, die Familienverhältnisse, die Motivlage, auch etwaige psychische Erkrankungen. Gerade in der frühen Phase treffen wir ganz häufig auf die „geballten Emotionen“. In einer solchen Situation schauspielern die Wenigsten.Martin ErftenbeckReale Tötungsdelikte offenbaren nicht unbedingt viel tiefere menschliche Abgründe oder ungeklärte Geheimnisse als fiktive Falldarstellungen im Kino, Fernsehen oder in Büchern. Die Unterscheidung liegt darin, dass Zuseher oder Leser die Sachverhalte nicht als ausgedachte absurde Spinnereien oder Fantasien eines Autors abtun können. Sie wissen, das ist tatsächlich passiert.

Da das Verbrechen überall lauert: Was raten Sie uns allen für unser Verhalten im Alltag?

Annette MarquardtDas ist schwierig, ich glaube nicht, dass gute Ratschläge immer derartige Delikte verhindern können. Grundsätzlich gilt: Genau hinschauen! Nicht selber in gefährliche Situationen eingreifen, sondern die Polizei rufen. Wenn jemand erkennbar unter Halluzinationen leidet, niemals widersprechen. Die Quote paranoid Schizophrener unter Tätern bei Kapitaldelikten ist auffallend hoch.Martin ErftenbeckMan sollte mit offenen Augen durchs Leben gehen, ein ungutes Bauchgefühl oder Anzeichen von Angst ernst nehmen, aber sich dadurch nicht ständig einschränken lassen. Die statistische Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, ist in Deutschland immer noch sehr gering.

Was wollen Sie mit ihrem Buch vor allem erreichen?

Annette MarquardtWir möchten zeigen,

  dass der Krimi im Fernsehen nichts mit dem realen Leben zu tun hat;

 wie viel unbeschreibliches Leid derartige Taten bei Opferfamilien hinterlassen; wie aufwendig die Ermittlungen bei diesen Delikten sind; wie viel Einsatz der Beteiligten erforderlich ist, um diese Delikte zeitnah zu klären;

 dass nicht jedes vorsätzliche Tötungsdelikt automatisch Mord ist und welche Aspekte bei der Strafe zu berücksichtigen sind.

Ich glaube, dass dieses Hintergrundwissen erforderlich ist, um etwas gegen den wachsenden Unmut gegen Polizei und Justiz zu tun, aber auch, um deutlich zu machen, dass man sich allein anhand von Presseberichten kein Urteil darüber machen kann, ob eine Strafe „gerecht“ oder „angemessen“ ist oder nicht, weil gerade die Frage des Strafmaßes besonders kompliziert ist.

Martin ErftenbeckDas Buch soll sich durch eine realistische Darstellung der Ermittlungsarbeit unterscheiden von den oft auf die Qualitäten eines „Star“-Ermittlers oder einer „Star“-Ermittlerin ausgerichteten Filmen oder Büchern.

Zwölf reale Tötungsdelikte im Blick

Wie läuft Ermittlungsarbeit bei realen Tötungsdelikten – im Unterschied zu fiktiven Fällen in Kriminalromanen oder Fernsehkrimis? Was macht erfolgreiche Ermittlung aus? Anhand echter Tötungsdelikte in und um Verden berichten – spannend wie in einem Krimi – drei Menschen, die unmittelbar an der Aufklärung dieser 12 geschilderten Taten beteiligt waren: Staatsanwältin Dr. Annette Marquardt aus Verden, der Hamburger Gerichtsmediziner Professor Dr. Klaus Püschel und Kommissar Martin Erftenbeck.

„Wahrheit – Tote haben Recht(e)“ heißt ihr 291 Seiten umfassendes Buch. Daraus lesen sie und sie berichten über ihre Ermittlungsarbeit: an diesem Donnerstag, 20. Februar, in der Nordenhamer Jahnhalle. Beginn: 19.30 Uhr. Einlass: 19 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf in der Buchhandlung von Bestenbostel für 14 Euro. An der Abendkasse kosten sie 16 Euro.