Ipwege/Rastede - Die geplante Ansiedlung des Rasteder Entsorgungsunternehmens Bohmann im Industriegebiet am Autobahnkreuz Oldenburg-Nord wird nicht nur von der Firma Broetje Automation kritisch gesehen. Broetje-Geschäftsführer Lutz Neugebauer hatte gesagt, dass sein Unternehmen den Standort aufgeben und das Ammerland verlassen werde, falls Bohmann in unmittelbarer Nachbarschaft bauen sollte.
Ipwege/Rastede - Die geplante Ansiedlung des Rasteder Entsorgungsunternehmens Bohmann im Industriegebiet am Autobahnkreuz Oldenburg-Nord wird nicht nur von der Firma Broetje Automation kritisch gesehen. Broetje-Geschäftsführer Lutz Neugebauer hatte gesagt, dass sein Unternehmen den Standort aufgeben und das Ammerland verlassen werde, falls Bohmann in unmittelbarer Nachbarschaft bauen sollte.
Nun melden sich weitere Firmen zu Wort. Stellvertretend auch für Vierol, Brötje Handel und Noweda machen die Geschäftsführer des Hitzeschutzunternehmens Jutec, Axel und Stefan Jung, deutlich, dass es nicht nur um mögliche Geruchsbelästigungen geht. Die Brüder führen vielmehr Gründe des Brandschutzes und des Verkehrsaufkommens ins Feld. Sie sprechen für obige Unternehmen mit zusammen rund 1200 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 700 Millionen Euro.
Die Brüder Jung betonen, dass sich ihre Kritik nicht gegen das Unternehmen Bohmann an sich richte, sondern es allein um die Ansiedlung eines Entsorgers in einem Industriegebiet gehe, in dem ausschließlich Hochtechnologiebetriebe ihren Sitz haben. „So ein Unternehmen passt hier einfach nicht rein“, sagt Axel Jung.
Wie der Ärger anfing
Um den Ärger besser zu verstehen, der sich bei den Unternehmern angestaut hat, muss man weit zurückgehen – bis zum Ende der Amtszeit des damaligen Bürgermeisters Dieter Decker. Zusammen mit seinem Ersten Gemeinderat, dem Wirtschaftsförderer Günther Henkel, führte Decker 2011 in Oldenburg Gespräche mit den Brüdern Jung und machte den Umzug der Firma Jutec von Etzhorn in die Gemeinde Rastede perfekt.
„Uns wurde damals ein Vorzeigeindustriegebiet versprochen, in dem nur Top-Firmen angesiedelt werden sollen. Das hat uns überzeugt“, sagt Axel Jung. In diesem Gespräch sollen Decker und Henkel versichert haben, dass Schrotthändler, Tankstellen, Autohäuser und andere Gewerke in dem Gebiet keinen Platz finden sollen.
Es dauerte dann noch einige Jahre, bis Jutec mit dem Bau seines neuen Firmensitzes begann. Als die Arbeiten schon im Gange waren, erfuhren die Brüder Jung aus der Zeitung, dass direkt gegenüber ihres Neubaus das Entsorgungsunternehmen Bohmann ein Grundstück gekauft habe – im Juni 2016 war das.
Jutec suchte das Gespräch mit Bürgermeister Dieter von Essen. Der habe gesagt, es handele sich um einen 1:1-Umzug, das sei alles nicht so schlimm. Die NWZ hatte damals berichtet, dass Bohmann sich mit dem Umzug vergrößern werde. In einem Pressegespräch hatte das Unternehmen damals erklärt, dass ein modernes Verwaltungsgebäude, eine Werkstatt mit integrierter Waschanlage für Lastwagen, eine Tankanlage für Laster sowie Umschlag- und Lagerhallen unter anderem für Altpapier und Gelbe Säcke entstehen sollen.
Jutec suchte das Gespräch mit Bürgermeister Dieter von Essen. Der habe gesagt, es handele sich um einen 1:1-Umzug, das sei alles nicht so schlimm. Die Ð hatte damals berichtet, dass Bohmann sich mit dem Umzug vergrößern werde. In einem Pressegespräch hatte das Unternehmen damals erklärt, dass ein modernes Verwaltungsgebäude, eine Werkstatt mit integrierter Waschanlage für Lastwagen, eine Tankanlage für Laster sowie Umschlag- und Lagerhallen unter anderem für Altpapier und Gelbe Säcke entstehen sollen.
Für die Gemeinde Rastede bietet sich mit dem Umzug der Firma Bohmann die Möglichkeit, den Bauhof in die freiwerdenden Gebäude an der Kleibroker Straße umzusiedeln. Die Fläche, die derzeit der Bauhof nutzt, soll zum Wohngebiet werden.
Den Brüdern Jung liegen Pläne der Firma Bohmann vor, die auf eine Vergrößerung des Betriebes schließen lassen und auf einer zweiten Fläche den Bau einer Tankstelle vorsehen. Einen 1:1-Umzug, wie ihn von Essen angekündigt haben soll, können sie hingegen nicht erkennen.
„Wir haben Vertreter der Ratsfraktionen vor Ort gehabt, die von den Tankstellen-Plänen nichts wussten“, sagen die Brüder Jung. Die Politiker sollen gesagt haben, wenn sie das gewusst hätten, hätten sie niemals zugestimmt. Einige Ratsmitglieder hätten den Unternehmen zudem davon abgeraten, sich an die Presse zu wenden.
Pläne für Tankstelle
Einer Präsentation der Firma Bohmann, die das Unternehmen der NWZ auf Anfrage zur Verfügung stellte, ist zu entnehmen, dass auf dem Eckgrundstück neben der Zufahrt zur Firma Jutec eine Tankstelle mit vier Säulen entstehen soll. Außerdem zeigen die Pläne für dieses Grundstück rund 100 Pkw-Stellplätze und acht Lkw-Stellplätze. Im vorderen Bereich sehen die Pläne zudem ein Bürogebäude vor. Geschäftsführer Horst Bohmann sagt, dass dieses Verwaltungsgebäude extra ausgelagert und vor die betriebsinterne Tankstelle gesetzt werde, damit dieser Bereich eine angenehmere Ansicht erhalte.
Für das Jutec gegenüberliegende Grundstück zeigen die Pläne ein weiteres Bürogebäude, eine Schlosserei, eine Werkstatt und eine rund 4200 Quadratmeter große Lagerhalle. In dieser seien der Umschlag inklusive Verladung von Abfällen, Sand und Kies geplant, teilt Horst Bohmann mit und sagt: „Dadurch sind außerhalb der Halle keine Abfälle zu erkennen.“ Auf dem Gelände sehen die Pläne ferner rund 70 Pkw-Stellplätze, 46 Lkw-Stellplätze sowie Containerstellplätze vor. Letztere grenzen an den Löschteich, der zur Firma Broetje-Automation gehört.
Die Unternehmen in dem Gebiet sehen ein möglicherweise zunehmendes Verkehrsaufkommen als großes Problem. „Zu den Hauptanfahrts- und -abfahrtszeiten staut sich der Verkehr jetzt schon über Hunderte Meter“, sagen die Brüder Jung. Mitten in der Ferienzeit im vergangenen Sommer machte Stefan Jung morgens ein Foto, das einen Rückstau bis hoch auf die Autobahnbrücke zeigt. „Darüber macht sich keiner Gedanken“, kritisiert Jung.
Nur eine Zufahrtsstraße
Der Bereich des Industriegebietes, in dem Bohmann bauen will, ist nur über eine langgezogene Straße erschlossen, die an der abknickenden Vorfahrt am Schafjückenweg endet. Dort staut sich der Verkehr ebenfalls schon, weil hierüber unter anderem die Firmen Brötje Handel, Noweda, Vierol und Witte Tube & Pipe Systems angebunden sind. Außerdem baut Ashampoo dort seinen neuen Firmensitz.
Die Firma Bohmann teilt mit, dass sie ihre Verkehrserwartungen im Sinne eines Wachstumsszenarios an die Gemeinde Rastede übermittelt habe. Diese habe festgestellt, dass diesbezüglich keine Probleme zu erwarten seien und sogar eine darüber hinaus gehende Zunahme an Verkehr verträglich sei. Horst Bohmann: „An dieser Aussage haben wir keinen Zweifel.“
Positiven Einfluss habe nach Schilderung des Geschäftsführers, dass „ein großer Teil unserer Fahrzeuge morgens zwischen 5 und 7 Uhr die Betriebsstätte verlässt und nachmittags zwischen 13 und 15 Uhr die Betriebsstätte wieder erreicht, ohne zwischendurch wieder nach Rastede zu kommen“. Im Vergleich zu den üblichen Verkehrsspitzen seien die Bohmann-Fahrzeuge eher antizyklisch unterwegs. Die Anzahl der Fahrzeuge werde sich durch den Standortwechsel allein nicht erhöhen, sagt der Geschäftsführer.
Dass es nur eine Zufahrt ins Industriegebiet gibt, birgt nach Auffassung der ansässigen Unternehmen Probleme bei Notfällen wie einem Brand. „Es gibt keinen Fluchtweg“, sagt Stefan Jung. Die zuständigen Ortsbrandmeister hätten ihm schon vor zwei Jahren bestätigt, dass im Ernstfall als erstes die Straße gesperrt werden müsse, weil dort die Einsatzfahrzeuge stehen würden.
Dass bei Firmen aus dem Entsorgungsbereich schnell ein Feuer ausbrechen kann, würden die Brände in den vergangenen Monaten im Umkreis belegen, sagen die Jutec-Geschäftsführer. Zuletzt hatte es Ende April in Delmenhorst gebrannt, die Löscharbeiten dauerten eineinhalb Tage.
„Wir haben hier alle ein Unmutsgefühl, dass man solch eine Gefahr hierherholt“, sagen die Brüder Jung. In mehreren Fällen habe es sich um Selbstentzündungen von Gelben Säcken gehandelt. Und da habe es nebenan nicht noch eine Tankstelle und einen Wald gegeben, sagt Axel Jung.
Horst Bohmann sagt, dass größere Lagermengen von Altpapier nicht vorgesehen seien. Ein Umschlag von Gelben Säcken sei zudem nicht aktuell. Bohmann werde sich aber weiter um die Abfuhr von Gelben Säcken im Landkreis Ammerland bewerben. „Sollten wir im Gegensatz zu den vergangenen Jahrzehnten den Auftrag gewinnen, würden die Abfälle, die durch die Müllfahrzeuge eingesammelt werden, in der Halle ausgekippt und unverzüglich in Transport-Lkw in der Halle verladen und von diesen außerhalb des Landkreises gebracht“, sagt Horst Bohmann. Die Brandgefahr werde verringert.
Dass Bohmann im Industriegebiet bereits Bäume zur Eingrünung gepflanzt hat, sorgt schließlich ebenfalls für Irritationen. „Die Anpflanzung verwundert uns, weil im Grundbuch die Gemeinde Rastede als Eigentümer der Flächen eingetragen ist“, sagen die Brüder Jung.
Weder Bohmann noch die Gemeinde antworteten auf die Anfrage, ob der Grundstücksverkauf tatsächlich vollzogen wurde. Gemeindepressesprecher Ralf Kobbe teilte mit: „Zu Grundstücks- und Vertragsangelegenheiten sowie Spekulationen hierzu werden wir uns wie üblich grundsätzlich nicht äußern.“
