Im Nordwesten - Jeden Tag passiert es, auch in Oldenburg und umzu. Beim Stadtfest, auf der Ü30-Party, in der Dorfdisco. Sexuelle Übergriffe sind Alltag, überall – auch da, wo die Welt in Ordnung zu sein scheint:
Die erste Erfahrung mit „Begrapschen” machte ich, als ich so etwa 12 oder 13 Jahre alt war, auf dem Kramermarkt. Ich stand in der Schlange zu einem Fahrgeschäft, als mir der Angestellte, der die Eintrittskarten kontrollierte, zwischen die Beine griff. Ich war so angeekelt, dass ich die Fahrt sausen ließ und weglief. Als „vorpubertäres Kind”, zudem ohne Vater aufgewachsen, war das für mich ein Schock, den ich bis heute nicht vergessen habe. Meiner Mutter habe ich das nie erzählt, denn sonst hätte ich Ausgehverbot bekommen. Das wäre eine Strafe für mich gewesen, nicht für den „Täter”!
Das Erlebnis unserer Leserin Christiane Corssen ist lange her, zeigt aber, dass sexueller Missbrauch nicht erst seit Köln ein Thema ist. Und auch, dass es Übergriffe nicht erst gibt, seitdem Flüchtlinge verstärkt in unser Land kommen. Nur 5 bis 15 Prozent der Grapscher und sonstigen Übergriffe kommen laut Studien zur Anzeige.
Anzeigen im Bereich der Polizeidirektion Oldenburg
2014 sind im Bereich der Polizeidirektion Oldenburg (dazu gehören die Polizeiinspektionen Cloppenburg/Vechta, Cuxhaven, Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch, Diepholz, Oldenburg-Stadt/Ammerland, Verden/Osterholz und Wilhelmshaven/Friesland) insgesamt 1210 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung erfasst worden, wie NWZonline auf Anfrage erfuhr. Im Schnitt waren es in den vorherigen fünf Jahren 1057 Straftaten.
In dieser sogenannten Hauptgruppe sind u.a. Straftaten wie Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, sexueller Missbrauch, Exhibitionistische Handlungen, Menschenhandel und Verbreitung pornografischer Schriften zusammengefasst.
Im Bereich der Polizeidirektion Oldenburg sind im Jahr 2014 200 Vergewaltigungen und schwere sexuelle Nötigungen zur Anzeige gebracht worden; der Durchschnitt der vorherigen fünf Jahre liegt bei 208 angezeigten Straftaten pro Jahr.
Auch zwei Jahre nach der lauten #Aufschrei-Debatte – unten der Anfangspost von Initiatorin Anne Wizorek – bleiben viele Frauen still, wenn’s mal wieder passiert ist. Woran liegt’s? Sind sie abgestumpft, weil sexuelle Belästigung – eine wie zufällige Berührung im Vorbeigehen, ein anzüglicher Kommentar am Arbeitsplatz – dauernd passiert? Oder haben sie längst kapituliert, weil die meisten Taten sowieso nicht geahndet werden?
Von einer hohen Dunkelziffer geht auch die Polizeidirektion Oldenburg aus. Es sei davon auszugehen, dass vorhandene Täter-Opfer-Beziehungen, falsch verstandenes Schamgefühl und Angst vor Schuldzuweisungen oder vorschnellen Verurteilungen Opfer von einer Anzeigeerstattung abhalten.
Ein offenes Ohr für diese Thematik ist – leider – nicht selbstverständlich. Das ist deswegen fatal, weil es Betroffene jenseits von öffentlichen Aufschreien mit dem Problem und ihren Gefühlen wie Wut, Scham oder Ratlosigkeit allein lässt.
Ein offenes Ohr hat der Wildwasser-Verein, der sexuell missbrauchte Mädchen und Frauen unterstützt. Was sagen die Profis zu den Übergriffen in Köln und den Vorfällen in Oldenburg?
Leider haben wir gedacht: Wie gut!
„Leider haben wir gedacht: Wie gut!“, sagt Beraterin Ingeborg Wibbe. „Endlich wird mal in der Menge offenbart, was Frauen aushalten müssen.“ Sie weiß, dass Sexismus alltäglich stattfindet. Erschrocken war Wibbe aber über die Vielzahl der Übergriffe in so kurzer Zeit. Empört bemerkte sie, dass in den Medien die Diskussion über die Täter viel präsenter war als Hilfestellungen für die betroffenen Frauen. Damit meint die Beraterin nicht etwa Tipps zur Selbstverteidigung, sondern langfristige Lösungen aus der Politik.
Hier finden Sie einen Blogbeitrag zu den Silvester-Vorfällen in Köln.
Es geht auch um Bestrafung. „Ich habe Prozesse erlebt, in denen es für sexuellen Missbrauch Sozialstunden gab“, sagt Wibbe. Mädchen sollten die Entschuldigungen der Täter annehmen. „Der Notlage der Frauen werden diese Strafen nicht gerecht.“ Das hängt auch damit zusammen, dass sie nach der Reaktion des Opfers bemessen werden. Die müssen beweisen, dass sie sich ernsthaft bedroht gefühlt haben, dass sie sich „über das normale Maß schutzlos“ fühlten. Auf den Punkt gebracht: Wer laut schreit und sich wehrt, kann auf eine angemessenere Bestrafung des Angreifers hoffen.
Aber zu brüllen oder zu boxen schafft nicht jede. Wer aus Angst erstarrt, hat schlechte Karten.
Es geht aber auch um die Korrekturen bei den Tätern, um gesellschaftliche Verantwortung. Wibbe: „Die Männer müssen einen respektvollen Umgang lernen.“ Egal ob Deutsche oder Migranten. „Dann haben sie es nicht nötig, andere zu demütigen.“ „Wer Missbrauch ausübt, ist nicht sexuell unbefriedigt“, ergänzt Birte Fuhrhop-Martenstein. Es gehe vielmehr um Macht. „Sexuelle Gewalt ist eine Wahl, um sich zu inszenieren.“ Was steckt dahinter?
„Eine innere Not“, sagt Wibbe.
„Ein Mangel an Wertschätzung“, sagt Fuhrhop-Martenstein.
Darum müsse es eine Möglichkeit des korrektiven Lernens geben. Denn: Wer einmal Erfolg mit sexuellem Missbrauch hat, sich dadurch besser und mächtiger fühlt, der mache weiter. Dabei könne man Übergriffe im Bagatellbereich gut korrigieren. „Hilfen gibt es genug“, sagt Wibbe. „Wir sind ein reiches Land.“ Sie sieht es als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sexuellem Missbrauch entgegenzuwirken. Dazu gehöre es, die Jungs und Männer nicht einfach wegzusperren, sondern ihnen auch Hilfen zu geben. Verbote allein verbessern nichts. „Die Menschen, die zu uns kommen, brauchen Wertschätzung“, sagt Wibbe. Vor allem eine sinnvolle Tätigkeit. Die Verengung der Vorwürfe auf Täter mit Migrationshintergrund bewerten beide Frauen allerdings als „fatal“.
Aber wir wollten ja von den Betroffenen sprechen, nicht wieder nur von den Tätern.
„Mehr als jede zweite Frau ist sexueller Belästigung ausgesetzt“, sagt Wibbe. Sexuelle Übergriffe hätten zudem längerfristige Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Raum. „Wo etwas passiert ist, gehen wir lieber nicht mehr hin.“ Oft sind das sogar Orte, die scheinbar soviel Öffentlichkeit bieten, dass so etwas eigentlich nicht passieren dürfte – wie Bahnhöfe. Dort sind zwar viele Leute, aber im Ernstfall hilft keiner, weil alle weiter wollen, weil sich alle auf die anderen verlassen. Hier herrscht eine Scheinsicherheit. Also Schutzlosigkeit.
Christiane Corssen: Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt sind (...) auch ein Grund, warum ich nicht gern in Menschenmassen gehe – zum Beispiel aufs Stadtfest. Körperliche Nähe zu fremden Menschen kann ich nur schwer ertragen – „eine Armlänge Abstand” – und wenn die nicht realisierbar ist, dann gehe ich lieber gar nicht hin. Aber das ist auch schon wieder ein „Nachgeben” vor der Bedrohung.
Für Richter und Staatsanwälte fordern die Wildwasser-Ehrenamtlichen eine psychotraumatologische Ausbildung, ein minimales Wissen über die Auswirkungen von Gewalt, damit Betroffene bei ihnen auf mehr Verständnis stoßen. Schon das Mitführen eines Handys vermindere oft die Schutzlosigkeit und damit das Strafmaß. Im NWZ-Frauenblog „Bonny & Claudia“ hatte Claudia von ihrer Erfahrung mit einem Grapscher und der – lächerlichen – Wiedergutmachung durch einen Frühstücksgutschein berichtet. „Das ist typisch!“, sagt Wibbe nur, als sie von dieser Geschichte hört.
Unter dem Blogbeitrag hat eine Leserin kommentiert:
„Sexuelle Belästigungen, Übergriffe und Gewalt gegen Frauen und Kinder wurden vor Köln bagatellisiert und lächerlich gemacht und oft schamvoll oder politisch gewollt verschwiegen. Wir haben es ab den 60er-Jahren angeprangert und Sanktionen gefordert und Betroffenen beigestanden. Das Thema ist so alt wie die Menschheit. Aber neu ist, das sich endlich die Politik dafür interessiert und diskutiert. Meine eigenen Erfahrungen fallen mir auch erst seither wieder ein und reichen bis in die Kindheit hinein. Als kleines Mädchen machte ich die Erfahrung, dass Männerhände von lieben Onkels mir in den Schritt fassten, wenn ich nicht weit genug weg von ihnen stand. Wenn ich es erzählte, sagten Erwachsene, dass ich mir das nur einbildete und darüber schweigen muss. Ich fühlte mich beleidigt und erniedrigt und schwieg und verdrängte es. Ich warnte meine Schwestern nicht. Sprach nie darüber. Schützte dadurch die Onkels, was mir nicht bewusst war. Das war 1956 und in den folgenden Jahren. Im Laufe der Jahre erlebte ich unzählige Übergriffe und erlernte verschiedenste Abwehrtechniken. Wir thematisierten, blamieren, demonstrierten, forderten, organisierten und wurden zur Frauenbewegung und wurden verspottet als Emanzen, Lesben, Dummerchen. Wieder sexuelle Gewalt! Verbale. Politisch gewollte. Das Motto lautet seit Ewigkeiten: Schweig über sexuelle Übergriffe und du gehört zu uns oder du thematisiert es und bist persona non grata.“
Wie fühlt man sich nach einem sexuellen Missbrauch?
Ein kleiner Rucksack mit erstaunlichem Gewicht landet auf dem Schoß der Redakteurin. „So!“, sagt Ingeborg Wibbe von Wildwasser Oldenburg. Im Rucksack liegen sieben Kieselsteine, beschriftet mit den Gefühlen belästigter, missbrauchter Frauen. „Ekel“, steht darauf, und „Schuld“, genauso wie „Ohnmacht“. Auch „Hass“ – obwohl der sich eher selten einstelle. Eine schwere Last, die manche Frauen und auch manche Männer da ewig mit sich rumschleppen. Manchmal ist ein kleinerer Vorfall nur ein Auslöser, um sich an den Verein zu wenden. „Dann stellen wir nach und nach fest, dass jemand schon früher sexuelle Gewalt erfahren hat.“
Christiane Corssen: Dass ich auf dem Kramermarkt begrapscht wurde, ist jetzt mehr als 45 Jahre her (ich bin jetzt 59). Inzwischen bin ich 1,78 Meter groß, wiege etwas über 70 Kilo und habe als ehemalige Leistungssportlerin einige Kräfte aufgebaut. Mein Aussehen und meine Statur würden wohl kaum einen Mann reizen, mir „zu nahe zu treten”. Körperlich nahe an mich heran lasse ich nur Menschen, denen ich vertraue und die ich wirklich gern habe – anderen zeige ich nicht nur die „kalte Schulter”, sondern werde – wenn nötig – auch mal handgreiflich.
„Wildwasser“ nimmt allein die Bedürfnisse der Frau in den Fokus: Was braucht sie nach einem Missbrauch? Will sie Rache? Will sie Selbstverteidigung trainieren? Oder sucht sie einfach nur jemanden, bei dem sie ihre Wut abladen kann? „Wenn jemand innerlich zusammengebrochen ist, schauen wir, wie wir ihn stabilisieren können.“ Betroffene Frauen bekommen bei Wildwasser immer eine eigene Beraterin, auch wenn Angehörige sie begleiten. „Aus Wertschätzung“, erklärt Wibbe. „Denn die Betroffenen geraten immer aus dem Blick.“
Auch wer nicht sicher ist, ob er sexuellen Missbrauch erlebt hat, kann sich an Wildwasser wenden – gerne per E-Mail. „Diese Möglichkeit nutzen Jugendliche öfter“, sagt Wibbe. Auch Männer und Intersexuelle können sich melden. Die „Wildwasser“-Frauen beraten sie zwar nicht direkt, aber weisen sie an andere Stellen weiter, zum Beispiel an das Kinderschutzzentrum in Oldenburg (Vertrauensstelle Benjamin) oder die Lebensberatungsstelle im Forum St. Peter.
„Wildwasser“ hat meistens mit schweren Fällen von sexueller Gewalt zu tun. Bei kleineren Vorfällen melden sich die wenigsten. Nach dem Stadtfest haben sie schon mal Fälle, bei denen K.O.-Tropfen zum Einsatz kamen. Nach den Berichten über einen Vorfall im Olantis meldeten sich besorgte Mütter. „Ich denke, nach Köln werden viele die Täter sofort bei der Polizei anzeigen.“ Das sei gut so. Vereine wie Wildwasser können Mädchen und Frauen aber bei der Anzeige begleiten, sie unterstützen, wenn sie den detaillierten Fragen der Polizei ausgesetzt sind oder über ihre Rechte aufklären. „Viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass sie bei der Polizei einen Termin machen können, sich eine weibliche Beamte oder eine speziell geschulte Person wünschen können.“ Zumindest hier muss niemand hilflos bleiben.
„In jeder Polizeiinspektion sind speziell geschulte Polizeibeamtinnen und -beamte zur Bearbeitung von Sexualdelikten eingesetzt“, bestätigt auch Ann-Christin Mönckmeier, Pressesprecherin der Polizeidirektion Oldenburg. Bloggerin Bonny hat einen Busengrapscher zur Anzeige gebracht und berichtet im Blog von ihren Erfahrungen.
Wie reagiert man bei sexueller Belästigung?
Auf der Seite www.frauen-gegen-gewalt.de werden vier verschiedene Verhaltensstrategien bei sexueller Belästigung aufgelistet:
Ignorieren/Rückzug: Strategie, die am wenigsten Kraft kostet – Nachteil ist aber, dass die Belästigungsversuche oft nicht eingestellt werden. In einigen Situationen können sich Opfer aber auch gar nicht entziehen, z.B. bei einem Übergriff oder bei permanenten Bedrängungen am Arbeitsplatz, in der Ausbildung oder im Studium.
Diskutieren: Dabei sagen Sie ganz klar, was Ihnen missfällt, und was unterlassen werden soll. Dies kann höflich, aber bestimmt geschehen. Sie lassen dabei dem Belästiger die Chance, Stellung zu seinem Verhalten zu beziehen und sich evtl. zu entschuldigen. Möglicherweise sind sich einige Männer ihrer Aufdringlichkeiten nicht gänzlich bewusst – durch das Diskutieren erhält der Mann die Möglichkeit, sich für sein Verhalten und wie es wahrgenommen wird, zu sensibilisieren und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Sollte er allerdings diese Chance nicht nutzen, und Sie weiterhin bedrängen oder Ihre Reaktion als lächerlich abtun, dann wählen Sie den nächsten Schritt:
Konfrontieren/Abgrenzen: Sie sagen ganz klar STOP! und holen sich sofort Unterstützung (wenn möglich), sofern er Sie nicht in Ruhe lässt, und/oder setzen sich körperlich zur Wehr durch Schlagen, Boxen, Knie hochziehen, in die Genitalien zielen.
Hilfe holen: Scheuen Sie sich nicht, auch Unbekannte anzusprechen – in der Regel greifen Leute ein, wenn man sie direkt dazu auffordert.
Wie Partner und Freunde helfen können:
Die Seite www.frauen-gegen-gewalt.de gibt Angehörigen und Freunden einer belästigten Frau Tipps, wie sie reagieren können. Nicht jede gut gemeinte oder spontane Reaktion sei im Sinne der Frau – man sollte daher einige Dinge beachten:
Vermeiden Sie Wertungen wie „Na, so schlimm war das doch nicht!“, „Ist ja nichts passiert“ oder „XY ist nun mal so, das weißt Du doch, der flirtet eben gerne etwas deftiger!“. Auch wenn das Verhalten der Betroffenen Ihnen nicht nachvollziehbar ist, gerade bei sogenannten „geringeren Vorfällen“ – respektieren Sie die Gefühle des Gegenübers.
Vermeiden Sie Aussagen, die die Betroffene unter Rechtfertigungsdruck setzen: „Wieso bist Du denn auch zu Fuß gegangen, da laufen doch nun mal abends windige Gestalten rum!?“ – „Warum hast Du denn nichts dagegen gesagt?!“ Dadurch lenken Sie den Blick von dem Befinden der Betroffenen weg und signalisieren, dass nicht allein der Belästiger für das Geschehene verantwortlich ist, sondern auch die Frau.
Vermeiden Sie Ausbrüche von Wut und Empörung in Gegenwart der Belästigten – auch wenn sie sich ausschließlich gegen den Belästiger richten: „Wenn der Kerl mir über den Weg läuft, den mach ich fertig!“ oder „Man kann sich als Frau heute einfach nicht mehr frei bewegen!“ Diese Reaktionen sind zwar verständlich – belasten aber möglicherweise die Betroffene gerade bei schwerwiegenderen Vorfällen nur noch mehr.
ZDF-Reportage „Vergewaltigt“ der Serie 37° auf Youtube:
