Jever - „Es sind plus/minus 100 Stück gute Weinstöcke, welche auf der herrschaftlichen Wein-Terrasse stehen, käuflich zu verlassen. Liebhaber können sich deshalb bei Planteur Schütze melden, und das Nähere respektive wegen des Geldes daselbst erfahren. Jever den 21. Februar 1794“: Mit dieser Meldung aus dem Russisch-Kaiserlichem Consistorio überraschte Holger Hildebrand beim Neujahrsempfang der Terrassenwinzer im Steinsaal des jeverschen Schlosses. Für Bürgermeister Jan Edo Albers ein Beweis: Jever ist besonders spannend, nicht nur als Bierstadt.
Wingert in Schortens
Heimatkundler Wilke Krüger, hatte die Anzeige in der Schlossbibliothek gefunden. Joh. George Schütze, 1744 in Zerbst geboren, arbeitete ab 19. Juli 1768 als Hofgärtner in Jever. Er sollte durch geeigneten Anbau im Hofgarten die alltägliche jeversche Speisekarte etwas aufbessern und setzte dazu auf den Terrassen südlich des Schlosses verschiedene Weinreben, die aber nur wenige Jahre bestanden. Hofgärtner Schütze war für den großen und kleinen Herrengarten (Obst- und Gemüseanbau), sowie für den Schlossgarten – heute das Areal des Sophienstifts – zuständig. 1792 erhielt er auch die Aufsicht über die herrschaftlichen Fischteiche in Upjever.
Niedersachsen ist seit 2016 offiziell Weinland. Volkert Stöhr aus Sande, Mitbegründer der Terrassenwinzer, gehört zu den ersten Winzern, der vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium die Genehmigung zum Anbau erhielt. Auf einer Fläche von 3000 Quadratmetern pflanzte er 2019 am Huntsteertgelände in Schortens 600 Solaris Weiß- und 800 Regent Rotweinstöcke. Auf der Richtung Süden ausgerichteten, leicht terrassenförmig ansteigenden Fläche erwartet er in drei bis vier Jahren die erste Lese.
Hobbywinzer aus der Region experimentieren schon länger mit roten und weißen Rebsorten mit immer besserem Geschmackstypus. Dazu gehört seit 2007 Holger Hildebrand. „Der ist reif fürs Schloss“, sagte Hildebrands Frau Elena nach der Verkostung des Jahrgangs 2009 im Frühjahr 2010. Der „Jever-Wein“ wurde bei der Jahreshauptversammlung 2010 dem „Freundeskreis Schlossmuseum“ präsentiert.
Am 13. August 2010 gründeten Elena und Holger Hildebrand mit Norbert Kirzeder, Gabi und Harald Gessner, Edith und Manni Freudenberg, Doris und Christoph Müller-Meinhard, Leni und Gerhard Werber die Winzer-Gemeinschaft. „Ohne die geschichtlichen Vorkenntnisse nannten wir uns Terrassenwinzer und setzen nach 226 Jahren die jeversche Weinkultur mit ca. 100 Traubenanlieferern fort“, sagte Hildebrand.
Primeur 2019 abgefüllt
Zehn Jahre Terrassenwinzer bilanzierte er umfassend und ausführlich: Er berichtete vom Werden der 120-köpfigen Winzergemeinschaft, den ersten Abläufen zur Weinherstellung ab 2008 und von der Rekordernte 2018 mit 1327,15 Kilogramm Trauben bei 80 Grad Oechsle Zuckergehalt im Most. Ein Chardonnay brachte es sogar auf 98 Grad Oechsle.
Am 26. Oktober schloss die 2019er Weinlese mit 1013,85 Kilogramm Trauben. Doch die Oechsle-Grade als Indikator für den Zuckergehalt des Mostes waren teilweise nicht für eine klassische Gärung ausreichend. Imker und Winzer Jörn Paulsen chaptalisierte 30 Liter „sauren Traubenmost“ mit 5 Kilo Honig auf 75 Grad Oechsle. Als „Terrassenwinzer-Honig-Landwein“ wurde er vorgestellt und ähnelt einem trockenen Honigmet, soll aber, so Paulsen, in diesem Jahr weiter ausgebaut werden.
Die ersten Abfüllungen „Jever-Primeur 2019“ wurden verkostet und erreichten wegen der fehlenden Oechslegrade nicht die Vollmundigkeit und den Charakter des 2018er Jahrgangs. Beim Chateau Blanc hielt sich das anfängliche Bukett im Glas nicht, doch glänzte er in goldgelber Farbe und stellte sich als frischer Weißwein vor. Noch etwas moussiert der aus verschiedenen roten Trauben gewonnene Chateau Rouge. Er zeigt eine kräftige Farbe und bedarf noch etwas Flaschenreife.
