Jever - Er hat sich einen Herzenswunsch erfüllt: Jacob Rumens aus Northampton (England) hat im GröschlerHaus Jever seine Bar Mitzwa gefeiert. 80 Jahre nach Zerstörung der Synagoge fand dort nun diese wichtige Familienfeier statt.
Die Bar Mizwa und Bat Mizwa für Mädchen ist eines der wichtigsten Ereignisse im religiösen Leben jüdischer Jugendlicher. Ab seinem 13. Geburtstag ist ein Junge „Bar Mizwa“, was so viel wie „Sohn des Gebots (oder der Pflicht)“ heißt und bedeutet, dass er nun alle Rechte und Pflichten eines erwachsenen Gemeindemitglieds hat.
Bar Mizwa hat sich auch als Name der Zeremonie etabliert, die den Übergang vom Kind zum Erwachsenen markiert. Mädchen werden an ihrem zwölften Geburtstag „Bat Mizwa“, also „Tochter des Gebots“, und zünden das erste Mal die Schabbat-Kerzen an.
Nach gründlicher Vorbereitung auf den großen Tag wird der Junge am Montag, Donnerstag oder Schabbat, der auf seinen 13. Geburtstag nach jüdischem Kalender folgt, in der Synagoge zur Thora-Lesung aufgerufen. Nach dem Gottesdienst laden die Eltern zum „Kiddusch“, zum Empfang und zur fröhlichen Feier ein.
Jacob ist ein Urenkel des Ehepaars Julius und Hedwig Gröschler, das bis 1940 in Jever lebte und das die Nationalsozialisten 1944 in Auschwitz ermordeten. Julius Gröschler war der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde Jevers. Er wurde 1940 von der Gestapo in Wilhelmshaven, dem Landrat Frieslands und dem Bürgermeister Jevers unter Todesdrohung gezwungen, die Vertreibung der Juden aus Jever mitzuorganisieren, berichtet Hartmut Peters vom Gröschler-Haus.
Nach dem Novemberpogrom 1938 gelang es dem Ehepaar, die Söhne Hans und Fritz mit einem „Kindertransport“ nach England in Sicherheit zu bringen. Als Herbert bzw. Frank Gale kämpften beide in der britischen Armee gegen die Nazis, um ihre Eltern zu retten – vergeblich.
1984 kam Frank zusammen mit seiner Ehefrau Helen und den Töchtern Joanne und Lori zurück nach Jever. Er folgte der Einladung der Initiative „Juden besuchen Jever“ am Mariengymnasium Jever.
Auch nach dem Tod des Vaters 1997 hielten die inzwischen verheirateten Töchter Kontakt zu Jever. 2014 nahmen sie zusammen mit ihren Kindern an der Namensgebungsfeier für das GröschlerHaus teil. Als Lori Rumens und ihr Ehemann Paul Anfang 2019 ihren jüngsten Sohn fragten, wie er sich denn sein Bar Mitzwa vorstelle, war Jacobs klare Antwort: „In Jever“.
Einfacher wäre es in England gewesen. So nahm ein nicht leicht zu organisierendes und vielleicht einmaliges Vorhaben seinen Lauf. In der Vorbereitung arbeitete der Arbeitskreis Gröschler-Haus mit den Ehepaaren Lori und Paul Rumens und Joanne und Stephen Marcon eng zusammen.
Jacobs Bar Mitzwa fand statt an dem Ort, an dem einst die Synagoge stand – das heutige Gröschler-Haus wurde 1954 auf den Grundmauern der 1938 abgerissenen Synagoge erbaut. „Und genau an der Stelle, wo früher die Thora im Schrank lag und zum Lesen der wichtigen Passagen auf dem Vorlesetisch ausgerollt wurde, wurde gefeiert“, berichtet Peters.
Jacob hatte die Kippa (Gebetsmütze) seines Großvaters auf dem Kopf, die dem Archiv des Gröschler-Hauses schon vor Jahren übergeben worden war. Mit zahlreichen aus England angereisten Verwandten und Vertretern der Jüdischen Gemeinde Oldenburg sowie Mitgliedern des Arbeitskreises Gröschler-Haus und Bürgermeister Jan Edo Albers als Gästen fand zunächst eine rund einstündige Gebets-Zeremonie auf Hebräisch statt.
Der liturgische Teil wurde ausschließlich von Mitgliedern der Familien Rumens und Marcon gestaltet. „Das Gröschler-Haus – Zentrum für die Zeitgeschichte der Region war für eine historisch bedeutsame Stunde in eine Synagoge verwandelt worden“, sagt Peters.
Nach altem Brauch wurde Jacob nach der Zeremonie mit Bonbons beworfen. Die Festgemeinde wünschte ihm „Masseltov“ (viel Glück) und umarmte sich gegenseitig. „Eine fröhlich-ernste Familienfeier mit Musik, Tanz und warmem Büfett nahm in der früheren jüdischen Schule und im ehemaligen Hof der Synagoge bei bestem Wetter ihren Lauf“, so Peters.
Während Jacob seine Geschenke auspackte, sorgte Iko Andrae, Sohn eines Schulfreundes von Frank Gale, mit Gitarrenliedern für den musikalischen Rahmen.
Die Bar-Mitzwa-Gesellschaft aus England reiste nach der Besichtigung des Schlosses und der Brauerei am Dienstag wieder ab. Der einhellige Tenor war: Wir kommen zurück.
„Sicherlich wäre an einer religiösen Feier als solcher nichts wirklich Berichtenswertes zu finden, doch stellt diese eine historische Besonderheit dar. Jüdisch-religiöses Leben findet in Deutschland inzwischen wieder in vielen Städten statt. Doch es ist bedroht und benötigt häufig den Schutz der Polizei“, betont Hartmut Peters.
