Navigation überspringen
nordwest-zeitung

Maulkorb Und Wesenstest Nach Anzeige In Jever Ist dieser Hund ein Beißer?

Melanie Hanz

Jever - Sam springt munter durch die Gegend, er ist ein fröhlicher und lebhafter Hund. Knapp kniehoch ist der kleine Pinscher und mit seinen 19 Monaten ist er noch recht verspielt.

Das einzige, was ihn beim Herumtollen stört: Der Maulkorb. Den versucht er immer wieder abzustreifen. Pinscher gelten als freundliche Familienhunde – doch Sam wurde dazu verdonnert, draußen Maulkorb zu tragen. Und von der – kurzen – Leine darf er auch nicht.

Der Wesenstest

Grundlage des Wesenstests ist das „Gesetz zur Neufassung des Niedersächsischen Gesetzes über das Halten von Hunden und zur Änderung des Niedersächsischen Kommunalabgabengesetzes“ vom 26. Mai 2011. Danach kann die Durchführung eines Wesenstests angeordnet werden.

Im Test muss die Fähigkeit des Hundes zu sozialverträglichem Verhalten nachgewiesen werden. Bei der Auswertung werden verschiedene Skalierungsgrade verwendet, die der Hund zeigen kann – sie reichen von keinem aggressiven Verhalten über Knurren und Schnappen bis Angriff und Beißen.

Mehr Infos finden Sie hier

Denn der Kleine gilt als gefährlich: Er hat ein Kind gebissen. „Eine ganz doofe Situation“, sagt sein Halter: Sam lag auf seinem Platz; das Kind einer Bekannten wollte ihn streicheln, verlor dabei das Gleichgewicht und plumpste auf den Hund drauf. Und Sam schnappte zu.

36 Aufgaben

Dem Vorfall folgte eine Anzeige – das Ordnungsamt verordnete Sam Maulkorb und Leinenzwang. Und dazu, den Wesenstest zu absolvieren.

Bei dem Test werden Sozialverhalten und Kommunikationsverhalten des Hundes geprüft. 36 Aufgaben gilt es zu bewältigen, die alle darauf abzielen, den Hund immer stärker unter Stress zu setzen. „Der Hund wird dabei bewusst optisch, akustisch und durch Geruch gereizt – und zwar insbesondere mit solchen Reizen, die bekannterweise aggressives Verhalten auslösen“, erklärt Jacqueline Schober.

Die Jeveranerin arbeitet seit Anfang 2007 als selbstständige Hundetrainerin und Verhaltensberaterin, ist seit 2011 behördlich geprüfte, zertifizierte Hundetrainerin und seit 2016 Mediatorin. In ihrer Hundeschule Am Hillernsem Hamm 43 bietet sie Einzeltrainings an – und bereitet Hund und Halter auch auf den „Niedersachsen-Test“ vor.

So steht für Sam und sein Herrchen nun die Generalprobe an: Auf dem Trainingsgelände stehen zwei weitere Hunde – männlich und weiblich –, · vier dem Hund unbekannte Personen und jede Menge Utensilien bereit: ein Kinderwagen, Kindergeschrei vom Band, benutzte Windeln, Luftballons, Blechdosen, ein Regenschirm, ein Fußball, Fahrradklingel, Schrubber und Stock und einiges mehr. Alle haben nur ein Ziel: Sam so sehr auf die Nerven zu gehen, dass er zeigt, wie er bei Stress reagiert – vor allem, ob er aggressiv wird und zubeißt.

Weil das nicht ausgeschlossen werden kann, bleibt Sam an der kurzen Leine. Und den Maulkorb trägt er auch.

Und dann geht es Schlag auf Schlag – eine Situation folgt auf die nächste, Pausen soll es nicht zwischen den Aufgaben geben: Sam wird von einem Fremden direkt angestarrt, er wird von einem anderen Menschen im Vorbeigehen mit dem Mantel gestreift, jemand anderes kniet sich vor ihn und streckt die Hand nach ihm aus, ein Jogger läuft dicht vorbei, eine Frau mit Kinderwagen und schreiendem Baby folgt.

Sam wird angeschrien, mit einem Stock bedroht, wie im engen Fahrstuhl von vielen Beinpaaren bedrängt, er wird beiläufig angefasst, ein Passant stolpert und fällt fast auf ihn und direkt vor ihm wird unvermittelt ein Regenschirm aufgespannt.

Und im Dauerstress

Das alles verwirrt den Kleinen ganz offensichtlich: Zu Beginn will er noch freundlich wedelnd auf jeden Unbekannten zulaufen, doch irgendwann hat er nur noch eins im Sinn: Flucht. Doch die Leine hindert ihn am Weglaufen. Und so sucht er Schutz, indem er sich ganz dicht an die Beine seines Halters hält.

Aber aggressives Verhalten? „Davon ist nichts zu sehen“, sagt Jacqueline Schober: Sie dokumentiert jede Verhaltensäußerung Sams – das passiert auch später beim Wesenstest. Und daraus wird dann abgeleitet, ob es sich bei dem Pinscher um einen gefährlichen Hund handelt, der nur unter Auflagen – oder gar nicht – zu Hause gehalten werden darf.

Und es geht noch weiter im Test: Ein fremder Hund steht bellend vor Sam, dann passieren gleich zwei Hunde ihn in etwa zwei Metern Entfernung. Und schließlich muss Sam an einem Zaun vorbei, hinter dem ebenfalls ein Hund bellt.

Mit fremden Hunden – egal ob sie bellen oder nicht – hat Sam indes überhaupt kein Problem: Wedelnd fordert er sie zum Spielen auf.

Dass und wie sehr ihn der Test gestresst hat, zeigt Sam bei der allerletzten Aufgabe – darin versagen er und sein Herrchen kläglich: Endlich wird die Leine gelöst, der Maulkorb wird abgenommen. Sams Halter wirft ein Fangseil – der Hund sprintet davon, schnappt sich das Seil und tollt umher, während er es wild schüttelt.

„Sam hier!“ Das Kommando ignoriert er. Einmal, zweimal – die ganze Zeit. Stattdessen jagt er wild übers Trainingsgelände.

„Eigentlich muss Sam nun auf das Signal seines Halters hin kommen und auch das Spielzeug abgeben“, sagt Jacqueline Schober: Damit wird die Abrufbarkeit des Hundes geprüft, aber auch, ob der Halter seinen Hund unter Kontrolle hat.

Mit Bravour bestanden

Hat er nicht. „Das müsst Ihr noch intensiv üben“, gibt die Hundetrainerin dem Paar mit. Für die beiden wird das noch ein gutes Stück Arbeit. Immerhin: Die Generalprobe für den Wesenstest hat eindeutig gezeigt, dass Sam kein aggressiver Hund ist und schon gar kein Beißer. Aber sie hat auch gezeigt, dass Halter und Hund noch intensiv an ihrem Vertrauensverhältnis arbeiten müssen. „Denn dass Sam die meiste Zeit weglaufen will, bedeutet, dass das Vertrauen zwischen Zwei- und Vierbeiner nicht sehr hoch ist“, erklärt Jacqueline Schober.

Den Wesenstest – durchgeführt wird er durch vom zuständigen Ministerium benannte, besonders qualifizierte Tierärztinnen und Tierärzte – hat Sam übrigens mit Bravour bestanden.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Blick in die Räucherkammer bei Aal Bruns in Kayhauserfeld: Marco Pawlik ist mit der Qualität zufrieden.

DELIKATESSE NACH ÜBERLIEFERTER REZEPTUR Woher kommt der Zwischenahner Aal?

Kerstin Schumann
Kayhauserfeld
Der Bergpark Wilhelmshöhe: Hier befinden sich etliche Sehenswürdigkeiten.

NWZ-REISETIPPS: ABSTECHER NACH ... KASSEL Entspannte Stunden in historischen Parks

Kerstin Schumann
Kassel
Vor etwa einem Jahr eröffnete der Pflegedienst Paul-Lina seinen neuen Hauptsitz in Wittmund. Wegen eines Insolvenzverfahrens musste der Pflegedienst seinen Betrieb aufgeben.

STANDORTE IN WITTMUND UND EMDEN Insolvenz bei Pflegedienst Paul-Lina – So geht es für die Kunden weiter

Kim-Christin Hibbeler
Wittmund
Die Polizei sucht nach Zeugen, die einen Unfall in Stedesdorf gesehen haben könnten.

POLIZEI SUCHT NACH ZEUGEN Rollerfahrer fährt Elfjährigen in Stedesdorf an – und fährt einfach weiter

Stedesdorf
Urteil im Prozess um Totschlag in Damme vor dem Landgericht Oldenburg: Eine 39-jährige Frau wird dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Sie hatte im Wahn ihren Ehemann mit einem Schwert getötet.

LANDGERICHT OLDENBURG Ehemann mit Schwert getötet – 39-Jährige aus Damme verurteilt

Thilo Schröder
Damme