Juist - Sand. Rechts, links – soweit das Auge reicht: 17 Kilometer traumhafter Sandstrand. Schritt für Schritt bahnt sich eine etwa 30-köpfige Hochzeitsgesellschaft ihren Weg hierhin. Nimmt Platz in den bunten, im Halbkreis aufgestellten Strandkörben. Viele der Gäste haben am Ende des Holzstegs ihre Schuhe von den Füßen gestreift und gehen die letzten Schritte barfuß durch den feinen Sand. Standesbeamter Ingo Steinkrauß baut derweil schon mal sein Tischchen auf.
Martin wusste es im Grunde schon nach dem ersten Treffen. „Das Mädchen werd‘ ich heiraten“, sagte er zu seiner Mama.
Fußmarsch zur Strandhochzeit Bild: Ziegeler
Und dabei war das erste Date – in Frankfurt, wo der Jurist damals studierte – zumindest insofern außergewöhnlich, als dass die beiden bei ihrer Anbändelei nicht allein waren. Schließlich hatte Aschaffenburgerin Nathalie ihre beste Freundin Johanna im Schlepptau, mit der sie auf dem Weg zu einer Silvesterparty war. Da lag der Wohnort dieses netten Mannes, den sie im Internet kennengelernt hatte, praktischerweise direkt auf dem Weg. Er hatte sie im Dezember angeschrieben: „Unter welchem Baum feierst du denn Weihnachten?“ Das ist ja mal ein Netter..., dachte sich die Raumausstatterin.
Bild: Ziegeler
Viereinhalb Jahre ist das her, es war der Jahreswechsel 2014/15.
Schon zwei Tage später stand Martin dann bei seinem „Mädchen“ in Aschaffenburg vor der Tür. Nach dem Essen sagte er, dass er gern noch mal wiederkomme. So stand er am nächsten Tag also erneut vor der Tür. Und… naja, dann ging‘s ganz schnell. Denn drei Monate später hatte Martin sein Studium beendet – und die Entscheidung, in welcher Stadt er sich nach einem Job umsehen sollte, fiel auf Aschaffenburg. Klar, zu seiner Nathalie.
Wie bitte?!
Bereits zuvor war Nathalies dunkles Geheimnis rausgekommen: Ich war noch nie an der Nordsee.
„Du warst noch nie an der Nordsee?!“
Martin war entsetzt, als er das hörte.
Nathalies Erklärungsversuch: „Als Bayer fährt man eher in die Berge statt an die Nordsee.“
Für Martin, der sein Leben lang schon immer gern nach Juist gereist ist, war klar: „Das kann…, das darf nicht sein! Unabhängig davon, wie das mit uns weitergeht, muss ich dich mal nach Juist entführen.“ – Ja gerne!
„Ich zeig dir jetzt die Nordsee!“ Bild: Ziegeler
Der Antrag
Meine Güte, war das heiß damals! Im Sommerurlaub 2018 in Südfrankreich. Martin hatte den Verlobungsring extra aus Deutschland „geschmuggelt“, sodass er nicht irgendwo auf der Reise herumfliegt – oder Nathalie ihn findet. Zuletzt musste er die kleine Schatulle auf dem gut 15-minütigen Spaziergang zu einem Restaurant irgendwie unbemerkt transportieren. In der Hosentasche – schön und gut, aber das sieht man doch von außen! Also Hemd aus der Hose, damit es nicht so auffällt. …nur blöd, dass Martin normalerweise NIE sein Hemd so trägt, was natürlich auch seiner Zukünftigen auffiel. „Steck doch mal das Hemd in die Hose!“, riet sie ihm prompt. Das war zuviel für den Juristen, der ja ob seines Vorhabens ohnehin schon nervös war. „Nee, geh mal vor, es ist zu heiß!“, sagte er ihr. „Ich war fix und fertig.“
Endlich waren sie auf der Restaurant-Terrasse mit Blick über Monaco angekommen. Mit einem „Guck mal, ein Flugzeug!“-Trick lenkte der nervöse Dortmunder den Blick seiner Freundin weg von dem, was er dann tat: die Schmuckschatulle aus seiner Hosentasche nehmen und auf den Boden stellen.
„Nach dem Hauptgericht waren wir noch nicht richtig satt“, erklärt Nathalie. Deswegen war ihr eigentlich auch daran gelegen, direkt zum Nachtisch überzugehen. Aber das passte Martin nun wirklich gar nicht in den Kram, schließlich wollte er doch jetzt ENDLICH…!!
Seiner Angebeteten wiederum hatte es nicht gepasst, dass er ihr lange keinen Brief mehr geschrieben hatte, so wie er es damals zu Beginn der Beziehung getan hatte.
Prost! Bild: Ziegeler
Und nun war Martins große Stunde gekommen! Anderthalb Jahre lang hatte er an einem Gedicht für seine Auserwählte gefeilt, fast zehn Seiten lang! Ha! Hier, mitten in Südfrankreich zwischen Haupt- und Nachspeise, trug er ihr die auswendig gelernten Strophen nun vor. Natürlich war er dabei gewitzt genug, die Pointe, also den Antrag, erst ganz ans Ende zu stellen, sodass Nathalie zunächst noch nicht würde ahnen können, dass es um mehr als ein Gedicht ging. Erst bei den letzten beiden Strophen ging er auf die Knie, griff nach der Schatulle unterm Tisch – es folgten ein „Ja“ und viele Tränen.
Warum auf Juist?
„Jede zweite Trauung auf Juist findet mittlerweile am Strand statt“, erzählt Standesbeamte Ingo Steinkrauß. Zwar können Paare auch in Schillig oder Hooksiel am Strand heiraten; aber das Angebot, unter freiem Himmel, ganz ohne Pavillon, zu heiraten, ist deutschlandweit einmalig. Seit Anfang Mai haben Hochzeitspaare die Möglichkeit dazu.
Der Trausaal Bild: Ziegeler
Die Juister selbst heiraten dem Standesbeamten zufolge eher selten auf ihrer Insel: Sie machen nur etwa fünf Prozent der Eheschließungen aus. Wer hier heiratet, den erwartet eine Menschentraube beim Verlassen des Gebäudes, erklärt Steinkrauß. Nur die, die den Trubel wollen, entscheiden sich für eine Trauung auf der Insel.
Das Standesamt auf Juist im „Alten Warmbad“ Bild: Ziegeler
Juist im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer Bild: Wagner/dpa
Das Standesamt auf Juist befindet sich in der Friesenstraße 18. Tel.: 04935/809322, E-Mail: standesamt@juist.de Die Termine für 2019 sind bereits ausgebucht. Freie Termine ab 2020 sind im Hochzeitskalender aufgelistet.
Nach dem Vorgespräch, das in der Regel ein bis zwei Tage vor dem Trautermin mit dem Standesbeamten geführt wird, sind die Gebühren in bar zu entrichten. Es fallen Kosten in Höhe von etwa 120 Euro an, an Samstagen fällt eine Zusatzgebühr von 80 Euro an.
Dass er standesamtlich gern auf Juist heiraten wollte, jene Insel, die er sein Leben lang schon viele Male begeistert bereist hatte, sodass sie ihm ein zweites Zuhause wurde – von dieser Idee musste Martin Fritsch seine Braut gar nicht lange überzeugen. Viermal waren sie bereits gemeinsam auf die schöne Nordseeinsel gereist.
„Ist ja immer ein gewagtes Pflaster“, räumt der 35-Jährige ein, „entweder man liebt die Insel – oder man liebt sie nicht. Es gibt Leute, die fahren an ’ne andere Insel und haben da ihren Fleck, oder denen ist Juist einfach zu klein, zu unspektakulär. Da hatte ich so‘n bisschen die Sorge, dass sie da nicht so die Leidenschaft entwickelt wie ich.“
Doch die Sorge war unbegründet.
Alles Liebe für die gemeinsame Zukunft wünscht NWZonline.
Bild: Ziegeler
An diesen Orten können Sie bislang an Trauungen „teilnehmen“:
Hier finden Sie alle Beiträge der Hochzeitsserie „So schön heiratet der Nordwesten“.
