New York/Washington - 58 Stockwerke erstreckt sich der „Millennium Tower“ im Herzen von San Francisco in den Himmel. Der Wolkenkratzer, erbaut im Jahr 2009 in der Mission Street für die Wohlhabenden der Stadt, könnte als geeignetes Symbol für die Wohnraum-Krise stehen, in der sich die Westküsten-Metropole am Pazifischen Ozean befindet. Die Blumenkinder, von der Liberalität San Franciscos und dem früher erschwinglichen Lebensstil einst magnetisch angezogen, könnten sich heute die Stadt nicht mehr leisten. Die Durchschnittsmiete für ein Einzimmer-Apartment beträgt derzeit umgerechnet 3400 Euro. Und wer ein Haus kaufen will, muss dafür rund 1,2 Millionen Euro hinlegen.
Auch die Apartments im „Millennium Tower“ finden weiter Kaufinteressenten – zuletzt für Preise von 1,9 Millionen Euro, 1,2 Millionen Euro und 4,2 Millionen Euro per Einheit. Und dies, obwohl die Bürger das Hochhaus längst als „schiefen Turm“ von San Francisco belächeln. Denn das Bauwerk hat sich, weil es sich für den Untergrund als zu schwer erwies, bisher rund 30 Zentimeter gesenkt und neigt sich 35 Zentimeter zur Seite – mit zunehmender Tendenz. Wer einen Stift in dem Tower fallen lässt, kann mit ansehen, wie er immer nur in Richtung einer Wand rollt.
Software-Ingenieure verdrängen Normalverdiener
Die teuerste Stadt der USA verdankt die Preisexplosion und die damit einher gehende Wohnraum-Knappheit vor allem den gut bezahlten „Techies“ von Google, Facebook, Twitter und Co., die bei Einstiegsgehältern von 150.000 oder 200.000 Euro pro Jahr für Software-Ingenieure den Preis für ihre Schlafstätten vernachlässigen können. Das hat gleichzeitig dazu geführt, dass sich immer mehr „Normalverdiener“ Wohnungen und Mieten teilen müssen – oder sogar in die Obdachlosigkeit und, wie vor allem im nahen Silicon Valley und um Hauptquartiere der Tech-Giganten, zum Leben in Autos und Wohnmobilen getrieben werden.
Wie in anderen US-Metropolen und auch deutschen Großstädten versuchen die Stadtväter von San Francisco verzweifelt, mit neuen Strategien erschwinglichen Wohnraum zu schaffen. Doch die Handlungsoptionen sind begrenzt: Zum einen kann sich die Stadt nicht weiter flächenmäßig ausbreiten. Und zum anderen wurde die Hälfte aller Häuser vor 1940 gebaut. Sie tragen mit ihrem Charme und der viktorianischen Architektur zum besonderen Charme San Franciscos bei. Deshalb zögert die Stadt auch, Hausbesitzern und Investoren einen Abriss zu erlauben, der eine höhere Zahl von Wohneinheiten an gleicher Stelle schaffen könnte.
Ein Obdachloser schiebt einen Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten entlang der Market Street. Im Hintergrund steht das Twitter Hauptquartier. Foto: Barbara Munker/dpa
Drei Jobs für eine niedrige Miete in New York
Selbst der „Big Apple“ kann San Francisco den Spitzenplatz nicht streitig machen, was die Explosion der Mieten und Immobilienpreise angeht. Wer in New York ein schlichtes Einzimmer-Apartment neu beziehen möchte, muss dafür im Schnitt 2600 Euro hinblättern. Eine Zweizimmer-Wohnung schlägt mit rund 3000 Euro zu Buche. Die Bankangestellte Dulcy Dee aus dem Stadtteil Queens kann sich deshalb glücklich schätzen, für ihr Apartment mit zwei Räumen im vierten Stock eines Altbaus ohne Fahrstuhl, aber in Rufweite der Subway-Linie 7, derzeit nur 1400 Euro zu zahlen. Eigentlich ist diese Miete, die sich bald erhöhen dürfte, für die Teilzeit-Beschäftigte immer noch zu viel, so dass sie ihr Einkommen mit dem Betreuen von Katzen und dem Führen von Stadtrundfahrten aufzubessern versucht – und damit eigentlich drei Jobs hat.
Warum sie nicht eine preiswertere Wohnung suche? „Es gibt sie einfach nicht mehr,“ berichtet sie, „sie sind wie vom Erdboden verschwunden“. Eine 2018 veröffentlichte Studie der renommierten Harvard-Universität bestätigt diese Feststellung – und zeigt einen für Durchschnittsverdiener beängstigenden Trend auf. Derzeit gibt die Hälfte aller Mieter in den USA mehr als 30 Prozent – und in Großstädten auch schon einmal 50 Prozent – des Nettoeinkommens für Wohnraum aus. Vor allem günstige Apartments weisen überdurchschnittlich Mietzuwächse auf. Warum? Seit 1990 wurden in Amerikas Metropolen mehr als 2,5 Millionen Wohnungen, die damals weniger als 700 Euro pro Monat kosteten, abgerissen oder in Luxus-Condos, Büros oder Hotels umgewandelt. Ein Trend, der ungebrochen anhält.
Mieten steigen schneller als die Einkommen
Experten sprechen angesichts dieser Entwicklungen in den großen Städten von einer „tickenden Zeitbombe“, die Millionen Bürger entweder zum Wegzug in vorwiegend ländliche Regionen oder zum Weg in die Obdachlosigkeit zwingen werde. Denn ob in San Francisco, New York, Boston oder Los Angeles – die Gründe für dieses Szenario sind vielfältig. Statistisch gesehen ziehen US-Bürger heute weniger um, als sie es noch vor zehn oder 20 Jahren taten – was bedeutet, dass weniger freier Wohnraum auf den Markt kommt. In Metropolen gibt es kaum noch Flächen für Neubauten.
Und wenn neu gebaut wird, sorgen die stark gestiegenen Löhne und Materialkosten dafür, dass die Kaufpreise oder Einstiegsmieten gewöhnlich über dem Niveau liegen, das sich ein Bürger mit einem Durchschnittseinkommen von 50.000 oder 70.000 Euro im Jahr leisten kann. Wer beispielsweise als Bauherr in Seattle im Nordwesten der USA ein Mehrfamilienhaus errichtet, muss heute Schätzungen zufolge mindestens 1700 Euro Miete für eine Einzimmer-Wohnung verlangen, damit er zumindest seine Kosten langfristig wieder hereinbekommt. Und: Die Mieten haben sich in fast allen Teilen der USA wesentlich schneller erhöht, als dies die Einkommen der Menschen getan haben.
Neue Obdachlose werden Opfer von Gangs
Die Folgen dieses Trends lassen sich vor allem in Los Angeles gut ablesen. Dort liegt die Durchschnittsmiete für eine Einzimmerwohnung mittlerweile bei 2000 Euro. Und dort stieg auch die Zahl der Wohnsitzlosen im Jahresvergleich um 16 Prozent, wie eine jüngst veröffentlichte Statistik belegt. 36.600 Menschen gelten innerhalb der Stadtgrenzen von Los Angeles als obdachlos, im Regierungsbezirk – der das Umland mit einschließt – sind es sogar bereits knapp 60.000 Menschen. Mehr und mehr Zeltstädte finden sich auf Bürgersteigen, unter Autobahnen und in Parks – und bewegen sich unaufhaltsam auch auf die Viertel der Reichen zu.
Längst sind ein Teil dieser Menschen, die ihre Wohnungen verloren haben, erneut zum Opfer geworden: Denn Berichten zufolge verlangen immer häufiger kriminelle Gangs von Obdachlosen „Schutzgebühren“ als Garantie dafür, dass sie dort bleiben dürfen, wo sie ihre Schlafsäcke oder Pappkartons ausgelegt haben. Mit etwas Zynismus könnte man sagen: Es ist – als ultimative Konsequenz der unlösbar scheinenden Wohnraum-Krise - die neue Miete für jene, die die alten Mieten nicht mehr zahlen konnten.
Los Angeles: Traumfabrik und weltbekannte Millionenmetropole. Hier sind Zigtausende Menschen obdachlos und ziehen in Zeltstädte um. Foto: Ringo Chiu/ZUMA Wire/dpa
