Nordenham - Wer in größeren Städten an einem „Nordsee“-Imbiss vorbeigeht, begegnet einem Stück Nordenhamer Geschichte. Denn das Unternehmen ist in Nordenham entstanden und war hier bis 1934 zu Hause.
Im Februar 1896 ergriff der damals erst 27-jährige Bremer Reeder Adolf Vinnen die Initiative. Sein Vater Johann Christoffer Vinnen hatte 1889 das Gut Nordenham I mit etwa 56 Hektar Grundfläche und anschließend weitere Ländereien mit mindestens der gleichen Fläche erworben. An Landwirtschaft hatte er kein Interesse, er wollte die Flächen als Bauland verkaufen. Doch wer brauchte in Nordenham Wohnungen und Häuser in so großer Zahl?
Sein Sohn hatte die Idee, das beim Aufschütten des Bahnhofsgeländes entstandene Wasserloch zu einem Fischereihafen auszubauen. Doch damit nicht genug: Der findige Vinnen plante ein völlig neues Geschäftsmodell – das so genannte Drei-Säulen-Modell. Fischfang, -verarbeitung und -verkauf sollten in einer Hand bleiben.
1896 gegründet
Nicht ohne Mühe brachte Vinnen 42 Gründungsaktionäre zusammen, überwiegend Bremer Kaufleute, die am 23. April 1896 die Deutsche Dampffischereigesellschaft „Nordsee“ gründeten – schließlich wurde fast gleichzeitig in Bremerhaven ein Fischereihafen gebaut. Die Hauptverwaltung blieb in Bremen. In die neue Gesellschaft wurden auch die Fischdampfer-Reederei J. F. Lampe und die Fischhandlung Friedrich Burmeister, beide Geestemünde, eingegliedert. Lampe wurde technischer, Burmeister kaufmännischer Direktor, Vinnen Aufsichtsratsvorsitzender.
Das Aktienkapital betrug drei Millionen Mark. Lampes sieben Fischdampfer nahmen sofort die Arbeit auf. Am 17. Mai 1896 begann der Bau des Nordenhamer Fischereihafens, am 20. April 1897 wurde er eröffnet. Noch im selben Jahr wurden eine Räucherei und eine Marinieranstalt eingeweiht. Die erste Verkaufsstelle wurde schon 1896 am Bahnhof Bremen-Neustadt eröffnet, 1898 folgte eine am Münchner Viktualienmarkt.
Fisch setzte sich als Massennahrungsmittel durch, die Strategie der „Nordsee“ ging voll auf. Der Frischfisch rollte in eisgekühlten Waggons von Nordenham aus durch ganz Deutschland und ab 1899 auch nach Österreich-Ungarn. 1905 wurde der Hafen ausgebaut, 1906 das Aktienkapital auf fünf Millionen Mark erhöht und 1907 erreichte die Zahl der Fischdampfer 50.
Großfeuer überstanden
Auch die komplette Vernichtung der Nordsee-Anlagen durch ein Großfeuer am Karfreitag 1905 überstand das gut versicherte Unternehmen weitgehend unbeschadet. Im Jahr der Stadtgründung 1908 kam es zur ersten großen Krise, weil die Preise fielen und auch, weil im Ausland billiger produziert werden konnte. Erstmals kam der Gedanke auf, die „Nordsee“ komplett nach Geestemünde zu verlagern. Doch zunächst folgten Ausbauten: 1919/20 wurde das Eiswerk errichtet, 1924/25 das mit einer Fischmehlfabrik und einer Dampftrananlage verbundene Klippfischwerk.
Standortwechsel
Generaldirektor Wriedt, der auch die Aktienmehrheit inne hatte – Adolf Vinnen war 1916 verstorben –, setzte auf Expansion und übernahm 1927 die Cuxhavener Fischereigesellschaften. 1931 besaß der Konzern fast jedes zweite deutsche Fischereifahrzeug – und hatte sich damit heillos übernommen. 1934 zog das Unternehmen von Nordenham ins preußische Geestemünde um, wobei der preußische Ministerpräsident Hermann Göring großzügige Wirtschaftsförderung leistete.
Von Nordenham aus waren nur noch 63 der 270 Fischdampfer bereedert worden, so dass eine Konzentration unausweichlich erschien. 900 Arbeitsplätze auf den Dampfern und 300 in den Verarbeitungsbetrieben gingen verloren. Das Eiswerk und die stinkende Fischmehlfabrik blieben, bis sie 1939 abgebrochen wurden. Der Fischereihafen schlickte zu und wurde Anfang der 70er Jahre von der Midgard verfüllt.
