Nordenham - Rudi Domschat hat selbst einmal Platte gemacht. Deshalb weiß er, wie das ist. Der 52-Jährige hat ein gutes Jahr auf der Straße gelebt. Er ist von einer Stadt zur nächsten gezogen. Jetzt kümmert er sich selbst um Obdachlose. Im Tagesaufenthalt der Diakonie an der Friedrich-Ebert-Straße ist Rudi Domschat für vieles zuständig. Er bereitet das Frühstück zu, kocht Kaffee, sorgt dafür, dass die Regeln eingehalten werden. Manchmal ist er Hausmeister, wenn eine Lampe ausgetauscht werden muss. Manchmal ist er Fahrer, wenn einer seiner Gäste ins Krankenhaus muss. Für viele von ihnen ist er ein wichtiger Ansprechpartner.
Der Briefkasten wurdevoller und voller
Natürlich weiß auch Rudi Domschat, dass es im Winter besonders hart ist, auf der Straße zu leben. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, am 7. Dezember 2007 alles stehen und liegen zu lassen. „Ich hatte die Schnauze voll von der Gesellschaft“, erinnert er sich. Rudi Domschat hatte die Schulden seines verstorbenen Vaters übernommen. Der Briefkasten seiner Mietwohnung in Cuxhaven wurde voller und voller und Abhauen zu einer echten Option. Also packte er ein paar Klamotten zusammen. Er setzte sich aufs Fahrrad und fuhr weg. „Ich wollte frei sein. Ich wollte morgens aufwachen und keine Verantwortung haben.“
Sein Geld holte er sich vom Amt. Täglich elf Euro. „Damit kann man auskommen“, sagt Rudi Domschat. Mit dem Fahrrad ist er bis nach Aachen gekommen. Menschen ist er aus dem Weg gegangen. „Auch mit anderen Obdachlosen wollte ich nichts zu tun haben.“ Zum Schlafen hat er sich ein ruhiges Plätzchen gesucht, am liebsten außerhalb der Stadt, meistens im Wald.
Im Tagesaufenthalt für Wohnungslose, den die Diakonie an der Friedrich-Ebert-Straße anbietet, können sich Menschen, die kein Zuhause haben, aufwärmen. Hier bekommen sie Kaffee oder Tee – und zwar gratis. Hier können sie sich waschen oder duschen. Hier kommen sie mit Menschen ins Gespräch, denen es ähnlich geht. Und hier können sie auf Wunsch auch ganz konkrete Unterstützung bekommen.
Von Montag bis Freitag bieten die Sozialpädagoginnen an jedem Vormittag eine Beratung an. Sie helfen den Obdachlosen unter anderem bei der Suche nach einer Wohnung, beim Umgang mit Ämtern und bei der Arbeitssuche. Bei Bedarf vermitteln sie die Besucher an Ärzte oder an andere Beratungsstellen. Allein schon für die postalische Erreichbarkeit der Wohnungslosen ist der Tagesaufenthalt von großer Bedeutung.
Täglich kommen mindestens ein Dutzend Besucher, überwiegend Männer, in den Tagesaufenthalt. An manchen Tagen hat die Einrichtung 35 Gäste. Viele von ihnen leben nicht auf der Straße. Es sind ehemalige Obdachlose dabei. Und es sind Menschen dabei, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind.
Die Gründe für Obdachlosigkeit sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Oft spielt Verlust eine Rolle, erklärt die Sozialpädagogin Julia Durchdenwald. Der Verlust des Arbeitsplatzes zum Beispiel, der Verlust der Familie oder des Partners. Schulden und Suchterkrankungen können dazukommen. In der Regel gibt es mehrere Gründe dafür, dass Menschen obdachlos werden.
Aber wenn sich die Temperaturen dem Gefrierpunkt nähern, verliert auch das selbst gewählte Leben unter freiem Himmel seinen Reiz. „Die wärmste Penntüte kann nicht verhindern, dass dir irgendwann die Kälte und die Feuchtigkeit in die Knochen kriecht.“ Und irgendwann kam für Rudi Domschat auch die Erkenntnis, dass die Freiheit trügerisch ist. „Denn obwohl man frei ist, ist man doch irgendwie eingesperrt.“
Inzwischen genießt Rudi Domschat die Freiheit, die ihm sein Job bietet – und seine Wohnung in Nordenham. Zwei Zimmer, Küche, Bad, 43 Quadratmeter. Am 15. Januar 2009 ist Rudi Domschat hier eingezogen. Bei der Wohnungssuche hat ihm die Einrichtung geholfen, für die er seit acht Jahren ehrenamtlich und seit einem halben Jahr hauptamtlich arbeitet. Rudi Domschat hat eine 35-Stunden-Woche, er freut sich, dass er aus der Privatinsolvenz raus ist. Und er freut sich, dass er gebraucht wird. Die Gesellschaft ist ihm längst nicht mehr egal. Seit zweieinhalb Jahren ist Rudi Domschat Betreuer in der Box-Abteilung des SV Nordenham. Dort kümmert er sich um die Kinder und Jugendliche.
Im Tagesaufenthalt hat er es mit Menschen zu tun, die am Rande der Gesellschaft leben. Rudi Domschat kennt die Obdachlosen-Szene wie kaum ein anderer. Er weiß, wie vielfältig sie ist. „Es gibt Menschen, die stinkreich sind und auf der Straße leben“, sagt Rudi Domschat. Er nennt sie die „Profi-Obdachlosen“. Und dann gibt es diejenigen, die gar nichts mehr haben.
Ein großes Problemist Alkohol
Ein großes Problem ist Alkohol. Im Tagesaufenthalt ist er verboten. Aber hin und wieder findet man auch hier eine „Zündkerze“, wie Rudi Domschat die kleinen Schnapsflaschen nennt. Er hat oft genug erlebt, was der Alkohol anrichtet. Er hat Menschen zur Entgiftung gefahren. Er hat gesehen, wie Menschen am Alkohol zugrunde gegangen sind.
Den Menschen zuhören – auch das sieht Rudi Domschat als seine Aufgabe, obwohl dafür in erster Linie die Sozialpädagoginnen im Tagesaufenthalt zuständig sind. „Viele Obdachlose sind dankbar, wenn sie erzählen können“, weiß der 52-Jährige. Und sie sind dankbar, wenn sie Respekt bekommen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, zitiert Rudi Domschat aus dem Grundgesetz, wohl wissend, dass viele Menschen, die auf der Straße leben, ganz andere Erfahrungen machen. „Jeder hat Respekt verdient“, sagt er, „egal ob er drei Millionen auf dem Konto hat oder mit seinem Gerödel in der Tasche auf der Straße sitzt.“
Rudi Domschat freut sich, dass er im Tagesaufenthalt die Chance bekommen hat, ein neues Leben zu beginnen. Und dabei denkt er vor allem an Ingrid Korte. Die Sozialpädagogin war früher in der Einrichtung tätig und ist inzwischen im Ruhestand. „Ohne sie würde ich heute hier nicht stehen. Danke.“
