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Roy Horn Stirbt An Covid-19 Mitschüler erinnern sich an großen Magier aus Nordenham

Nordenham - Die Farbe ist schon leicht verblichen, die Erinnerung nicht. Das großformatige Foto zeigt Gerold Böschen und seine Frau Hildburg zusammen mit Siegfried & Roy. Eine gute Viertelstunde lang hatten sie damals, im Oktober 1999, im Mirage-Hotel in Las Vegas miteinander geklönt: die beiden berühmtesten Magier der Welt und der frühere Klassenkamerad, der die Verbindung nicht abreißen lassen wollte.

Ostern 1951 waren sie zusammen in der damaligen Volksschule Blexen an der Fährstraße eingeschult worden, acht Jahre lang verliefen ihre Lebenswege weitgehend parallel, ehe sie sich spektakulär trennten. Rund 40 Schüler waren sie, und einer fiel schon damals dem Rahmen: Uwe Ludwig Horn, der sich später Roy nannte und eine Weltkarriere startete.

Oft allein zu Haus

Gerold Böschen, der Bauernsohn aus Volkers, lernte Uwe Horn in der Schule kennen, Traute Jacob, geborene Mehrens, kannte ihn schon, denn er wohnte in ihrer Nachbarschaft. „Er war ein bisschen anders als wir anderen“, sagen die beiden ehemaligen Klassenkameraden fast übereinstimmend. Ein Unterschied: Uwe Horn war das einzige Schlüsselkind in der Schule. Seine Mutter Johanna Horn gab ihm den Hausschlüssel mit, weil sie tagsüber in der Fischverarbeitung in Bremerhaven tätig war. Uwe blieb oft allein zu Haus.

Traute Joab wuchs im Blexer Bootshaus auf, das später für das Verwaltungsgebäude des Dockbauplatzes der Gute-Hoffnungs-Hütte abgebrochen wurde, das wiederum der heutigen Steelwind-Kantine weichen musste. Wenn Traute Jacob einmal über den Deich ging, war sie bei Uwe Horn.

MAGIER ROY STIRBT AN COVID-19 „Sein Verhältnis zu Nordenham war nicht einfach“

Nordenham

Schon als Zehnjähriger verkleidete er sich gern – mit dem wenigen, das es in der kargen Nachkriegszeit gab. „Er legte sich eine Wolldecke um und setzte sich irgendwas auf den Kopf“, schildert Traute Jacob. Doch was für sie eine Wolldecke und ein Irgendwas war, das blühte in der Fantasie von Uwe Horn zu etwas ganz Magischem auf – so wie er Jahre später zusammen mit Siegfried Fischbacher die Fantasie von Millionen Menschen aufblühen ließ.

Keine Fantasieprodukte waren die schwarze Wolfshund-Mischlingshündin Hexe und die Katze, mit denen Uwe Horn viel Zeit verbrachte. „Er war schon damals sehr, sehr tierlieb“, erinnert sich Traute Jacob. Und die Tiere mochten ihn. Eines Tages, es muss in der dritten Klasse gewesen sein, merkte Uwe in Höhe des Altenheims, dass Hexe ihm auf dem Weg zur Schule nachgelaufen war. Weil das Altenheim direkt neben der Schule liegt und die Zeit knapp war, beschloss der Junge, sein Lieblingstier mit in den Unterricht zu nehmen. Damit kam er beim Klassenlehrer Albert van de Vlierd aber schlecht an: „Bring den Hund sofort wieder nach Hause!“

Auch ohne Hexe brachte Uwe Horn immer wieder Leben in den Schulalltag: So zauberte er gelegentlich mitten im Unterricht selbst gemachte Stofftiere unter seiner Schulbank hervor. Dann lachte er oft selbst am allermeisten über den gelungenen Gag, erinnert sich Gerold Böschen.

Richtige Freunde waren Gerold und Uwe nicht. „Er hatte eigentlich gar keine richtigen Freunde“, schildert Gerold Böschen. „Er war nicht unbeliebt, aber ein Einzelgänger. Er ist seinen Weg gegangen.“

Und noch etwas unterschied den späteren Weltstar von seinen Mitschülern, erinnert sich Gerold Böschen: „Er hatte eine weibliche Art.“ Damals war Homosexualität kein Thema, darüber wurde nicht geredet.

Gastspiel bei Gallasch

Uwe Horns Lieblingsfächer waren Kunst und Sport. Zu Hause hörte er oft seine Mutter und seinen Vater streiten, während er im Keller saß und von der großen, weiten Welt träumte.

Nach der Schulentlassung 1960 musterte er als Steward auf dem Kreuzfahrtschiff „Bremen“ an und lernte dort seinen späteren Partner Siegfried Fischbacher kennen, der im Restaurant für die Fahrgäste zauberte. Uwe Horns erster Auftritt als Zauberer war ein kurzes Gastspiel in der Blexer Gaststätte Gallasch gewesen, die für ihre Live-Auftritte berühmt war.

Uwe Horn wurde bald mit etwas ganz anderem berühmt: dem Geparden Chico. Der lebte im Bremer Zoo, und der spätere Roy, der sich zu Hause gelegentlich wie ein Gefangener vorkam, fühlte wohl eine Art Seelenverwandtschaft mit dem Tier. Beide spazierten am damaligen Blexer Strand und auf dem Deich entlang; einmal sah Gerold Böschen die beiden von seinem Bauernhof aus – ein Anblick, den er nicht vergisst.

Der Aufstieg von Siegfried & Roy glich dem eines Kometen. Binnen weniger Jahre waren sie berühmt, und während dieses Aufstiegs nahm Uwe Horn den Künstlernamen Roy an. 1967 trat das Duo zum ersten Mal in Las Vegas auf, 1970 zogen die beiden dorthin – für immer.

Schon 1968 hatten sie als erste Deutsche einen Zwei-Jahres-Vertrag im Pariser Lido bekommen; das war ihr endgültiger Durchbruch. Jetzt, mit 24, konnte Roy seiner Mutter Johanna in Blexen ein Haus kaufen. Als es um den Fußbodenbelag ging, fiel Roy seine Spielkameradin Traute Mehrens ein, die jetzt mit Fritz Jacob verheiratet war, der in Nordenham einen Fußbodenverlegebetrieb aufbaute. Weil Traute Jacob kurz vor der Geburt der Tochter Sylvia stand, fuhr Fritz Jacob im Dezember 1968 allein mit Johanna Horn nach Paris, sah die Show, lernte Siegfried und Roy kennen und entwickelte eine Begeisterung für die beiden, die nie wieder erkaltet ist.

1995 sah das Ehepaar in Las Vegas die Show der beiden und wurde von Johanna Horn, die inzwischen ein Haus auf dem Anwesen von Siegfried & Roy bekommen hatte, eingeladen. Roys Bruder Werner, der als Tierpfleger auf dem Gelände tätig war, führte sie herum. Roys ältere Halbbrüder Manfred und Alfred wohnten nicht in Las Vegas.

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ALS UWE LUDWIG HORN IN NORDENHAM GEBOREN Magier Roy Horn stirbt an Lungenkrankheit Covid-19

Barbara Munker
Las Vegas

m Oktober 1999 besuchten Gerold und Hildburg Böschen die beiden Superstars. Während Gerold und Roy über Tiere sprachen, fanden Hildburg und Siegfried ein ganz spezielles gemeinsames Thema: Klöster. Siegfrieds Schwester war in ein Kloster eingetreten. Als Roys Sekretärin die Unterhaltung nach einer Viertelstunde beenden wollte, wiegelte Roy auf Plattdeutsch ab: „‘N bäten Tied hefft wi noch.“

Vier Jahre blieben dem Duo noch für seine Auftritte, ehe der weiße Tiger Montecore bei einem Unfall am 3. Oktober 2003, dem 59. Geburtstag von Roy, eine der spektakulärsten Karrieren der Welt beendete.

In Nordenham ist Roy trotz zahlloser Einladungen nie wieder gewesen.

Henning Bielefeld
Henning Bielefeld Redaktion Nordenham (Stv. Leitung), Redaktion Stadland
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