Oldenburg - Über 100.000 Mal ist das Warnvideo von Oldenburgs Polizei und der Bundeswehr zu Rechtsabbieger-Unfällen bereits in den Sozialen Medien angesehen worden – in den Kommentaren aber ist eine teils wütende Diskussion entbrannt. Wer ist denn nun im täglichen Straßenkampf zwischen Mensch und Maschine wohl im Recht, wo löst gesunder Menschenverstand die Straßenverkehrsordnung ab? Was bei aller Aufregung völlig außer Acht bleibt: Dieser Infofilm soll für die Gefahren an Rechtsabbiegespuren sensibilisieren. Alle Verkehrsteilnehmer. Vorausgegangen waren zwei tragische Unfälle binnen vier Wochen.
„Keine Gefahrenstelle“
Beispiel Ammerländer Heerstraße: Hier war eine 30-Jährige Mitte Februar von einem Sattelzug erfasst worden. Für die Stadt handele es sich dort „nach unserer Meinung – und auch aus Sicht der Polizei – um keine besondere Gefahrenstelle, die bauliche Veränderungen notwendig macht“, so ein Sprecher auf NWZ-Nachfrage. Verbunden mit dem Nachsatz: „Möglichkeiten, solche Unfälle zu verhindern, sehen wir in der technischen Ausstattung der Lkw. Da würde ein elektronischer Abbiegeassistent enorm die Sicherheit verbessern.“
Unklar ist derweil, wie das Unglück an der Bremer Straße zu bewerten ist, wo im Januar eine 17-jährige Radfahrerin von einem Lkw erfasst und tödlich verletzt worden war. Der Abschlussbericht der Polizei liege derzeit nicht vor, daher vermag die Verwaltung auch noch keine Aussage zu treffen. Doch wie kann neben technischer Vorrichtungen – deren Erfolg immer auch von der Aufmerksamkeit und Umsetzung der Verkehrsteilnehmer abhängig ist – die Sicherheit im Verkehr weiter verbessert werden?
Mehr und intensivere Kontrollen sind eine Möglichkeit, Prävention eine andere. Alljährlich legt eine vierstellige Zahl an Schülern ihre Radfahrprüfungen in Oldenburg ab – Viertklässler, die in den Schulen auf die Teilnahme am Straßenverkehr vorbereitet werden. „Und der Anteil der Schüler mit Schwierigkeiten bei der Beherrschung ihres Fahrrads steigt“, sagt Klaus Blaser, Verkehrssicherheitsberater der Polizei. „Langsamfahren, Anfahren, um Hindernisse fahren“, zählt er dann auf, „das ist Fein- und Grobmotorik; aber auch Dinge wie Schulterblick und Handzeichen fehlen oft.“
Kindern fehlt Bewegung
Allesamt Aspekte also, die schon in frühen Jahren trainiert werden könn(t)en. Über Bewegung – und übers Probieren. „Die Kinder sitzen heute sehr viel mehr, sie haben Probleme, das Gleichgewicht zu halten. Man merkt schnell einen großen Unterschied in der Entwicklung bei Kindern, die oft mit den Eltern Rad fahren oder Sport im Verein treiben“, so Blaser.
Noch größer sind die Unterschiede in einem Alter ab 12 Jahren. Dann würden die jungen Verkehrsteilnehmer mindestens mutiger, aber auch deutlich mobiler. Und ab diesem Alter steige entsprechend die Unfallhäufigkeit an, so heißt es aus Reihen der Polizei.
Mehr noch: Mit vermeintlich wachsender Sicherheit nimmt auch das Selbstvertrauen, das „Multitasking“ zu. Ablenkung werde da eher in Kauf genommen. Das Handy am Steuer, der Blick aufs Navi, die Ohren voller Bass. Was auf Autofahrer zutrifft, findet sich auch immer wieder beim deutlich schwächeren Verkehrsteilnehmer. Es muss kein Grund für schwere Unfälle sein, kann aber das Risiko erhöhen. Einen sogenannten „Ablenkungsparcours“ hat deshalb die niedersächsische Verkehrswacht entwickelt: Aus Sicherheitsgründen nur in Gokarts absolvieren junge Menschen in weiterführenden Schulen bei solchen Trainings verschiedene Übungen, das Handy dabei immer im Anschlag – „um so die Gefahren erlebbar zu machen“, sagt Klaus Blaser.
Einsicht für Vorsicht
So tragisch es ist: Passiert ein schwerwiegender Unfall, setzt sich dieser auch bei Unbeteiligten im Kopf fest, sorgt so bei Verkehrsteilnehmern für Rück- wie Vorsicht. Zumindest kurzfristig. Solch ein Realerlebnis ist im weitesten Sinne ein Ansatz, mit dem „Round Table“ schon seit einigen Jahren Grundschulkindern wertvolle Einblicke geben und so Einsicht bewirken will. Im Projekt „Raus aus dem toten Winkel“ wird ein Lkw auf dem Schulhof geparkt, eine ganze Klasse in den toten Winkel des Fahrers gestellt. Jedes Kind darf dann selbst einmal auf dem Fahrersitz Platz nehmen und feststellen, was „auf dem Bock“, also im Führerhaus, so alles aus dem eigenen Blickfeld verschwindet. „Fotos und Film sind eine Möglichkeit, Kindern die Gefahren im Verkehr näher zu bringen“, sagt Klaus Blaser, „aber anschaulicher ist es, wenn man die Probleme selbst mit den Augen des anderen gesehen hat“.
Ein ähnliches Konzept für die Schulen im Nordwesten verfolgt auch Gerd Wemken, Abteilungsleiter Bildung bei der Deula Westerstede. Nach den schlimmen Unfällen zu Jahresanfang wandte er sich an die NWZ: „Dass kein Geld für diese Maßnahmen zur Verfügung steht, dürfen wir nicht gelten lassen – Oldenburg hat im Jahr 2017 etwa eine Million Euro an €Bußgeldern eingenommen, die man für so etwas nutzen könnte.“ Das Warnvideo der Polizei ist zu finden unter
Alle Infos zum Round Table Projekt „Toter Winkel“
