Oldenburg - Es war Liebe auf den ersten Blick. Dabei war er so unglücklich. Damals. Krank, geschwächt, völlig verlassen. Und dann kam sie.

Zehn Jahre ist es her, da hat die Amtstierärztin Verena Wild den störrischen Hannoveraner Rico gerettet. „Mit Liebe und medizinischem Wissen“, sagt Barbara Lascheit. Die Reitlehrerin erzählt von dem chronischen Husten des Pferdes, seinem unglücklichen Dasein als Schultier. Die damals 31-jährige Veterinärin hat Rico gekauft. Jeden Tag ist sie mit ihm geritten. Bis Anfang letzen Jahres.

Eierstockkrebs lautete die Diagnose. Als die Ärzte ihr das gesagt haben, hatte sie schon überall Metastasen im Bauchraum. Und Wasser in der Lunge. „Zwischen den Chemotherapien hat sie sich herfahren lassen und Rico besucht“, sagt Barbara Lascheit, die zu ihrer Reitschülerin im Laufe der Jahre eine innige Freundschaft entwickelt hat. Die 52-Jährige erinnert sich genau, wie Verena damals, nach den ersten schlimmen Befunden gesagt hat: „Ich kann doch nicht vor meinem Pferd gehen. Wir gehören doch zusammen.“ Dabei habe sie immer so viel Lebensmut gehabt. Nie habe sie geklagt. Selbst jetzt nicht. Wo sie nur noch liegen kann, einen künstlichen Darmausgang hat, gewaschen und gefüttert werden muss.

Vor ein paar Tagen hat Barbara Lascheit ihre Freundin im Hospiz besucht, wo sie nun liegt. An den Wänden hängen Fotos von Rico. Von Verwandten hat die 41-Jährige keine Bilder. Der Vater ist letzte Woche gestorben, zu anderen Familienmitgliedern hat sie wenig Kontakt. „Rico ist ihr Leben“, sagt Barbara Lascheit und erzählt von dem letzten Mal, als Verena in der Reitschule war. „Überall hatte sie Schläuche hängen.“ Gemeinsam hätten sie die schwerkranke Frau dann auf das Pferd gesetzt. Ganz behutsam habe der Hannoveraner seine Besitzerin durchs Gelände getragen. Es gibt Fotos davon. Eines ist auf die Tasse gedruckt, die jetzt auf dem Nachtschrank im Hospiz steht. Aber es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Verena ihre Liebe auf den ersten Blick gesehen hat.

Mit drei Pferden und einer Schubkarre für die Pferdeäpfel sind Barbara Lascheit und ein paar Freundinnen durch Kreyenbrück geritten – „mitten durchs Wohnviertel“ – Richtung Klinikum. Dort lag Verena Wild noch vor einer Woche auf der Palliativ-Station. „Die haben vielleicht geguckt, als wir da mit den Tieren im Krankenhausgarten standen“, sagt Barbara Lascheit. Natürlich hätte sie überlegt, ob das richtig und gut sei oder zuviel – für den Klinikbetrieb und auch für die krebskranke Freundin. Aber die Krankenschwestern haben mitgespielt. Sie kannten die pferdenärrische Patientin inzwischen gut, sie haben die Ärzte um Erlaubnis gebeten, Äpfel aus der Krankenhauskantine besorgt und Verena die Stufen in den Garten hinunter geführt.

„Ihr seid ja verrückt“, hat sie gesagt. Und ihre Augen haben geleuchtet. So wie immer, wenn es um Rico geht. Sie hat ihn mit den Krankenhausäpfeln gefüttert und seine Nüstern gestreichelt. Ein letztes Mal waren sie zusammen. „Danach erst wieder im Himmel“, sagt Barbara Lascheit. Daran glaubt sie fest.

Nächstes Wochenende würde Verena ihren 42. Geburtstag feiern. „Ich glaube, sie hat keine Wünsche mehr offen“, sagt die Reitlehrerin, „Rico hat es ihr über eine lange Zeit leichter gemacht.“ Letztlich haben die beiden einander gerettet.

Nach Verenas Tod ist für den inzwischen stolze 27 Jahre alten Hannoveraner gesorgt: ein von ihr eingerichtetes Hinterlassenschaftskonto sichert ihm ein gutes Leben und eine Gruppe befreundeter Reiterinnen kümmert sich um sein Wohlergehen. „Trotz seines Alters ist er total agil“, sagt Barbara Lascheit – „wegen ihr.“

Sie hat keine Ahnung,, wie lange sich Pferde zurück erinnern können und ob Rico Verenas letzte Worte für alle Ewigkeiten in den Ohren behalten wird. „Schön, dass ihr noch mal da wart“, hat Verena geflüstert. Ihre Freundin wird das nie vergessen. Sie weiß: es war Liebe auf den ersten Blick.