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nordwest-zeitung

Auch Mehr Veterinäre Vor Ort Kameras überwachen Oldenburger Schlachthof

Ellen Kranz

Oldenburg - Ein Lastwagen hält vor einer Schranke. Ein Rind blökt im Inneren des Aufliegers. Es nieselt leicht. Der Fahrer öffnet die Tür, geht zu einem kleinen Pförtnerhäuschen. Er bringt die Tiere zum Oldenburger Schlachthof in Tweelbäke. Jenem Betrieb, der Ende vergangenen Jahres in massive Kritik von Tierschützern geraten ist.

Der Verein Deutsches Tierschutzbüro hatte damals Videos gezeigt, die mit versteckter Kamera in dem Schlachthof aufgenommen worden sein sollen. Die Bilder zeigen, wie Rinder nicht fachgerecht betäubt und bei Bewusstsein getötet werden.

SPEZIAL: Skandal im Oldenburger Schlachthof

Seit dem 1. Januar ist die Goldschmaus Gruppe Inhaber des Schlachthofs. 52 Prozent der Anteile an der Gesellschaft tragen etwa 400 Landwirte. „Es ist alles in einer Kette“, sagt Dr. Gerald Otto, bei Goldschmaus für Tierschutz, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Die Regionalität spielt eine große Rolle. Neben Schweinen (Standort Garrel) gibt es die Sparte Rind.

„Aktuell werden pro Woche circa 1000 Tiere geschlachtet“, sagt Gerald Otto. Das Ziel bis zum Jahresende: diese Zahl zu verdoppeln. Die Kapazität beträgt eine Zerlegung von 750 Tonnen Fleisch pro Woche. Insgesamt gibt es 150 fest angestellte Mitarbeiter, sagt der 44-Jährige. Zählen dazu auch die aus den osteuropäischen Ländern? „Ja, auch die“, bestätigt Gerald Otto.

Nach einer vorübergehenden Schließung läuft der Betrieb seit Mitte April wieder. Doch zuvor hat sich einiges getan. 15 Millionen Euro hat das Unternehmen in den Schlachthof investiert. „Der Stall wurde entkernt und neu aufgebaut“, sagt der Tierschutzbeauftragte, der im Landkreis Oldenburg lebt.

Tiere werden kontrolliert

An zwei Rampen – einer großen für Lastwagen, einer kleineren für Pkw-Anhänger – kommen die Rinder in einen Wartestall. Gleich zu Beginn werden die Tiere kontrolliert. Auch von einem amtlichen Veterinär der Stadt Oldenburg. Gerade kommen ein paar Rinder an und werden nach prüfenden Blicken weitergeleitet. Auffällige Tiere werden näher untersucht. Zu diesen Zwecken gibt es eine separate Box direkt beim Eingang. Da den ganzen Tag über Rinder angeliefert werden, sind die Tierärzte ebenfalls dauerhaft vor Ort.

Im Stall ist es relativ ruhig. Die Gänge sind sauber. Im hinteren Bereich blökt ein Rind. 180 Plätze bietet der Wartestall. Er ist in sechs lange Schläuche aufgeteilt. Die Wände an den Seiten sind 1,80 Meter beziehungsweise 1,30 Meter hoch und blickdicht. Durch sogenannte Hubtore entstehen 30 Buchten, in denen jeweils maximal sechs Tiere stehen. Die Tore werden mit Druckluft von oben hinabgesenkt. „So werden laute Geräusche, die die Tiere erschrecken könnten, verhindert“, sagt Gerald Otto. Stäbe über den Buchten verhindern ein Aufspringen auf andere Tiere. Zudem gibt es offene Tränken mit frischem Wasser.

Gerald Otto zeigt die zwei  Rampen, über die, die Rinder in den Stall kommen. (Bild: Martin Remmers)

Gerald Otto zeigt die zwei Rampen, über die, die Rinder in den Stall kommen. (Bild: Martin Remmers)

Aus einer Bucht schaut ein Rind einem Mitarbeiter entgegen. Schmale Gänge bieten den Angestellten die Möglichkeit, sich die Tiere anzusehen, ohne die Boxen direkt betreten zu müssen. Was auffällt: Es gibt relativ wenige Türen – „aus Sicherheitsgründen“, sagt Gerald Otto, der studierter Agraringenieur ist und in der Tierzucht beschäftigt war. Dicke Pfeiler bilden stattdessen Durchlässe und trennen die breiten Gänge von den schmalen ab. „So können sie im Ernstfall schnell fliehen.“

Nach einer Wartezeit von rund zweieinhalb Stunden kommen die Tiere über einen Gang in den hinteren Bereich des Stalls und biegen durch die Bauweise des Gangs um 180 Grad ab. Durch den besonderen Winkel laufen die Tiere anschließend hintereinander durch einen Treibgang. Am Anfang dieses Ganges ist es eher dunkel, am Ende hell. „Die Tiere laufen also ins Licht“, sagt Gerald Otto. Auch hier wirken die Tiere ruhig. Und auch hier gibt es eine Sicherheitsmaßnahme: Durch Rücklaufsperren werden immer drei bis vier Tiere abgetrennt, während sie warten.

Rund zweieinhalb Stunden warten die Rinder in ihren Buchten.   (Bild: Martin Remmers)

Rund zweieinhalb Stunden warten die Rinder in ihren Buchten. (Bild: Martin Remmers)

Auf Reaktion achten

Ein Mitarbeiter, der Zutreiber, hat die Tiere während dieser Zeit von einem Gang aus im Blick, der 80 Zentimeter oberhalb der Tiere verläuft. Dann kommen sie in die Betäubungsfalle, wo der Kopf fixiert und das Tier von einem Mitarbeiter mit einem sogenannten Bolzenschussgerät betäubt wird. „Diese Methode gab es früher auch – es ist das übliche Verfahren bei Rindern“, sagt Gerald Otto. „Alle Mitarbeiter verfügen über eine Sachkundebescheinigung und müssen immer auf die Reaktion der Tiere achten.“

Nach der Betäubung fällt das Tier bewusstlos auf eine Rampe. Erst nachdem es sowohl vom Betäuber, einem externen Gutachter eines Klassifizierungsunternehmens sowie – im Moment – einem weiteren Veterinär der Stadt Oldenburg kontrolliert und an den Augen auf Reflexe getestet wurde, wird das Rind aufgehängt und aufgeschnitten. Der Tod setzt durch sekundenschnelles Entbluten ein. „Nach weiteren circa acht Minuten finden erste Schlacht­arbeiten statt. Vorgegeben sind drei“, sagt der Tierschutzbeauftragte. „Im Moment sind wir übervorsichtig.“

Das zeigt auch das neu installierte Überwachungssystem mit insgesamt neun Kameras, die überall im Stall und im Bereich des Schlachtens angebracht sind. Direkt neben der Viehannahme gibt es einige Büros für Mitarbeiter. Sowohl die amtliche Überwachung als auch der Tierschutzbeauftragte können sich einloggen und das Material bei der täglichen Kontrolle ansehen – die Aufzeichnungen werden aktuell einige Tage gespeichert. „Da warten wir jedoch noch auf zukünftige rechtliche Vorgaben“, sagt Gerald Otto.

Nach der Schlachtung werden die Kühe an dicken Haken in den „weißen Bereich“ der Schlachtung befördert. Hier werden unter anderem die Innereien entnommen und es findet eine amtliche Fleischuntersuchung durch einen dritten Veterinär und amtlichen Fachassistenten statt.

Durch einen langen Gang geht es zur Zerlegung. Der Boden ist hier mit grüner Farbe gestrichen, die den „reinen Bereich“ markiert. Mitarbeiter und auch Besucher – in Schutzanzügen –, die hier hinein wollen, werden durch zwei Zwangsschleusen geführt. Die Hände müssen gewaschen und desinfiziert werden. Auch Schmuck, Schreibmaterial oder Handys sind hier verboten.

In langen Reihen hängt das Fleisch an den Haken. Die Temperatur im Kühlbereich liegt bei circa zwei Grad. Einen Tag lang werden die Tierhälften hier gekühlt, bevor sie weiterverarbeitet werden.

Grüner Bereich: Mitarbeiter und auch Besucher – in Schutzanzügen –, die hier hinein wollen, werden durch zwei Zwangsschleusen geführt. (Bild: Martin Remmers)

Grüner Bereich: Mitarbeiter und auch Besucher – in Schutzanzügen –, die hier hinein wollen, werden durch zwei Zwangsschleusen geführt. (Bild: Martin Remmers)

Führung für Besucher

Rund 50 Männer und Frauen sind in der Zerlegung beschäftigt. Sie tragen weiße Kleidung und blaue Schürzen. „Das Hinterviertel wird im Hängen zerlegt“, sagt Gerald Otto. „So ist es leichter zu trennen und die Arbeit ist für die Angestellten einfacher.“ An Tischen werden die Fleischstücke weiter zerkleinert, bevor sie über Förderbänder zu einem Vakuumisierungs-Roboter gelangen und in Plastikfolie verpackt werden.

Draußen arbeiten indes Bauarbeiter an der Fertigstellung der Gebäude. Ende des Sommers sollen die Umbauarbeiten dann fertig sein. „Wir planen, auch in Oldenburg Besuchergruppen durch den Betrieb zu führen“, sagt Gerald Otto. Auch einen virtuellen Rundgang – ähnlich wie bei der Schweineschlachtung in Garrel – soll es zukünftig geben.

Teile des Fleischs zerlegen die Mitarbeiter im Hängen. „So ist es leichter zu trennen und die Arbeit ist  für die Angestellten einfacher“, sagt Otto. (Bild: Martin Remmers)

Teile des Fleischs zerlegen die Mitarbeiter im Hängen. „So ist es leichter zu trennen und die Arbeit ist für die Angestellten einfacher“, sagt Otto. (Bild: Martin Remmers)

Ein weiterer Lastwagen fährt auf den Hof. Die nächsten Rinder werden angeliefert. Die leeren Buchten sind schon bereit.

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