Oldenburg - Zahlenreihen und Buchstabensalate lösen. Merkfähigkeit und Rechtschreibung nachweisen. 5000 Meter in 28 (Männer) oder 34 (Frauen unter 18 Jahre) Minuten laufen. Konfliktfähig und stressresistent sein, Einfühlungsvermögen und Soziale Kompetenzen zeigen. Wer all diese Fähigkeiten und Eigenschaften besitzt und überdies ein gewisses Interesse an einer Karriere bei der Polizei hat, sollte hier nun weiterlesen. Es könnte ja vielleicht die weitere Lebensplanung entscheidend verändern...
Wenn die Polizeiakademie an diesem Wochenende zum „Welcome Day“ bittet, dann geschieht das sicher nicht allein, um den Bloherfelder Anliegern ein guter Nachbar zu sein. Das Land Niedersachsen verspricht sich natürlich auch etwas davon – das bestmögliche. Beziehungsweise: die Bestmöglichen.
„Zwischen Gut und Gut“
Denn nicht nur das Land benötigt im Allgemeinen dringend eine neue, weitere Generation an Polizeikräften, auch Oldenburg im Speziellen kann sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen. Seit einigen Jahren leidet die hiesige Polizei unter einer schleichenden „Erosion“, weil immer mehr Personal alters- oder gesundheitsbedingt ausgeschieden ist, eine Nachbesetzung bislang eher schwerfällig war. Zudem sind immer mehr Kräfte in Fachkommissariaten oder Sokos gebunden. Die Akut-Einsätze selbst werden nicht weniger, dafür jedoch gefährlicher. Trotzdem gilt das Dasein als Polizistin oder Polizist nach wie vor als Traumberuf. Wer hier hinein will, tut dies mit aller Leidenschaft. Die zu bändigen und gewinnbringend zu kanalisieren, ist Aufgabe der Polizei-Akademie Niedersachsen. Derer drei gibt es im Lande, neben Hann. Münden und Nienburg/Weser gibt’s einen Standort in Oldenburg-Bloherfelde – der personalstärkste und offenbar beliebteste.
Der ein oder andere mag noch die lustig-chaotischen „Police Academy“-Filme aus den 80er Jahren in Erinnerung haben. Die aber haben nun wirklich nicht viel mit der hiesigen Akademie gemein. Nicht die Kasernierung, nicht den Slapstick, nicht Mafia, nicht Weltenrettung und erst recht nicht die arg gebeuteten Ausbilder ...
Der Bewerber sollte die deutsche Staatsbürgerschaft, die eines anderen EU-Staates, eines Staates aus dem europäischen Wirtschaftsraum haben – oder in Besitz einer gültigen Niederlassungserlaubnis sein. Weitere Einzelfallregelungen seien aber „bei dringendem dienstlichen Interesse“ möglich, heißt es.
Schule: Das Abitur, eine Fachhochschulreife oder ein als gleichwertig anerkannter Bildungsabschluss sind nötig. Realschülerinnen und Realschüler können sich für ein Praktikum bei der Polizei Niedersachsen und den Besuch einer Fachoberschule für Wirtschaft und Verwaltung bewerben und nach Erwerb der Fachhochschulreife an der Polizeiakademie studieren.
Sprachliche Kenntnisse: Sechs Jahre Englischunterricht liegen hinter der Bewerbung – oder ein Zertifikat über eine abgelegte Prüfung gemäß des gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen, Level B 1 (entspricht Leistungsstand der Klasse 10, Sekundarstufe 1) liegt vor.
Alter und Größe: Wer die Polizeiakademie besuchen möchte, sollte am Tag der Einstellung nicht älter als 31 Jahre sein. Bewerberinnen sind mindestens 1,63 Meter, Bewerber mindestens 1,68 Meter groß. Im Einzelfall sind Abweichungen „nach unten bis zu vier Zentimetern möglich“, heißt es.
Vorstrafen: Anwärter dürfen nicht bereits gerichtlich bestraft sein.
Führerschein: Bewerber sollten im Besitz der Fahrerlaubnis Klasse B sein.
Fitness: Das Jugendschwimmabzeichen in Bronze (oder höherwertig) sollte erreicht sein, darüber hinaus sind Gesundheit und Sportlichkeit Grundvoraussetzung. Ausnahmen sind möglich.
Tattoos und Co: Eine Tätowierung darf auch bei Tragen eines kurzärmligen Uniformhemdes nicht sichtbar sein und keinen verfassungsfeindlichen oder abfälligen Inhalt haben – so die strikten Vorgaben. Piercings im sichtbaren Bereich und sogenannte „Tunnel“ im Ohr oder „Plugs“ sind darüber hinaus im Dienst nicht zulässig.
Bewerbungsschluss für den Studienbeginn im Jahr 2019 ist der 31. Oktober 2018.
Einer dieser Oldenburger Dozenten ist Franz Reinermann, wenn auch nur auf Zeit. Der 55-Jährige doziert hier seit dem Spätsommer 2017 und noch bis Ende des Studienjahres in Sachen Kriminalistik. Im „richtigen Leben“ ist er indes Kommissariatsleiter am Friedhofsweg. Sprich: In Praxis und Theorie dürfte Reinermann niemand etwas vormachen, in der Vermittlung all dieser Dinge allerdings mag’s eine kleine Umgewöhnung für ihn gewesen sein. Und nein, vor dem Spiegel habe er seine Vorträge nicht üben müssen – sehr wohl aber mal wieder etwas Fachliteratur vor Akademie-Antritt gewälzt.
Warum er sich das nach 2003 ein zweites Mal antut? „Es ist doch spannend, mal wieder etwas Neues zu wagen“, sagt er da. Auch jetzt noch, nach knapp Dreiviertel seiner Ausgleichszeit, hat er ganz offenbar nichts von der Motivation eingebüßt. „Ich habe die Wahl zwischen Gut und Gut, das ist mein Vorteil“, sagt Reinermann, „die Akademie ist eine völlig andere Welt – hier im Unterricht stehe ich allein vor den Studierenden, am Friedhofsweg bewältige ich die Aufgaben mit einem Team von 50 Kollegen.“ Hier lerne er überdies immer noch dazu – nach nunmehr 35 Jahren im Dienste der Polizei.
Die, die er an der Bloherfelder Straße unterrichtet, haben das alles noch vor sich: Zig Dienstjahre, noch mehr Erfahrungswerte. Wie gut also, dass Reinermann nicht nur Theoretiker ist, sondern eben auch praxiserprobt – und seinen Alltag damit bei den jungen Leuten und künftigen Nachfolgern platzieren kann. Für Studierende wie für die Akademie (und damit später sicher auch für die Gesellschaft) scheint das optimal.
Findet auch Hauptkommissarin Inka Gieseler-Wehe, die (Akademie). Weil die Studierendenzahl gestiegen ist, braucht es auch richtig guter Dozenten – die lassen sich in der Hauptsache unter den Polizeibeamten und Polizeitrainern finden. Nachteil: Kollegen werden so interimsweise aus dem aktiven Dienst herausgezogen und fehlen dort mit ihrer Expertise. Vorteil: Mit diesem Prinzip ziehen die dozierenden Beamten ihre eigenen künftigen Kollegen im Dienste heran.
5 Prozent brechen ab
„Der demografische Wandel führt dazu, dass immer mehr Kollegen, die gerade pensioniert worden sind, bei uns eine Lehrtätigkeit übernehmen“, sagt Inka Gieseler-Wehe“, sagt sie. Es ist eine beidseitig gewinnbringende Option, um das nötige Personal zu decken – über kurz oder auch länger.
Rund 25 junge Anwärter sitzen in jeder Vorlesung, gleich 62 Studiengruppen gibt es dann ab dem nächsten Einstellungstermin im Oktober. Für Dozenten wie Reinermann bedeutet das nicht nur feste Blocktermine und Unterrichtseinheiten, sondern auch jede Menge Klausuren, Haus- und Bachelorarbeiten. Es ist die Pflicht – für Dozenten wie für Studierende.
Und sorgt nicht selten für Tristesse, auf beiden Seiten: Rund fünf Prozent aller Anwärter bricht das Studium ab, nachdem sie eingangs erwähnte Aufgaben und Voraussetzungen doch schon erfüllt hatten. Mal sind es die (fehlenden) Leistungen, mal Heimweh, mal wechseln Kandidaten ins Lehramt rüber. Dabei erhalten sie hier doch Einblicke in Welten, die Normalbürger selten bis gar nicht zu sehen bekommen. In Tatortarbeit beispielsweise. In Spurensuche, in die Vernehmungslehre, in organisierte Kriminalität.
Vielleicht ist der aufreibende Job ja deshalb nach wie vor derart beliebt bei jungen Leuten. Oder sollte es doch eher die Uniform sein? Wer auch immer da im Oktober sein Studium in Oldenburg aufnimmt: Die Erstausstattung inklusive Dienstkleidung gibt’s erst einen Monat nach dem Antritt, dann aber täglich – erfüllt mit Stolz und allen Pflichten, die dazu gehören. Heldenstatus? So mag man es sich ja vielleicht vorher ausgemalt haben. Mit der Uniform am Körper zählt indes nur noch das Wir. Und auch das ist ja ein besonderes, durchaus erhebendes Gefühl.
Wissenswertes zum Studium
Der 7. Welcome Day findet am Samstag auf dem Gelände der Polizeiakademie Niedersachsen statt. Es handelt sich um eine interne Veranstaltung für die jetzigen und künftigen Studenten. Innenminister Boris Pistorius eröffnet gegen 10 Uhr.
Dieser Tag soll „die zahlreichen Facetten des Studiums, ihres Berufes und ihres zukünftigen Arbeitgebers aufzeigen“, heißt es dazu aus der Behörde.
Der Bachelor-Studiengang ist aufgeteilt in drei Jahre.
Im 1. Studienjahr werden Basiskompetenzen vermittelt – darunter die Grundlagen der Kriminalitätskontrolle, rechtliche Aspekte, Einsatzlehre und polizeiliche Standardlagen. Auch körperliche Fitness wird geschult.
Im 2. Studienjahr zählen berufspraktische Werte. Schwerpunkte werden da im Segment „Einsatz“ (u.a. Stress- und Konfliktbewältigung, Kommunikation, Interventionsmöglichkeiten) und im Themengebiet „Ermittlung“ gesetzt.
Im 3. Studienjahr gibt es weitere Spezialisierungen. Am Ende aller insgesamt 16 Module der Ausbildung steht die Bachelorarbeit und die mündliche Abschlussprüfung. Wer dies alles erfolgreich absolviert, wird übernommen, heißt es.
1300 Anwärter erlernen derzeit allein in der Oldenburger Akademie ihr Handwerkszeug. Zu Oktober wird ein großer Schwung von ihnen erfolgreich entlassen, allerdings werden auch 550 neue Anwärter eingestellt. Dann sind’s 1550 gesamt in Bloherfelde.
Der Anteil an weiblichen Studierenden liegt bei etwa 40 Prozent, 13 Prozent aller Anwärter haben Migrationshintergrund.
1000 Euro netto verdienen die Anwärter – zu diesem Zeitpunkt schon „Beamte auf Widerruf“.
Weitere Infos zum Studium an den niedersächsischen Polizei-Akademien unter www.polizei-studium.de
