Oldenburg - Unter Börsianern sagt man mit Blick auf das Auf und Ab an der Börse gern mal: „Mit Aktien verdientes Geld ist Schmerzensgeld.“ Jetzt erlebten viele Aktionäre, vor allem jüngere, ihre schmerzhafteste Woche überhaupt: Der deutsche Börsen-Leitindex Dax brach vom 24. bis 28. Februar um mehr als zwölf Prozent ein.
Und am Montag ging die Talfahrt zunächst weiter. Am Ende des Tages war der Dax dann nur noch leicht im Minus - um 0,27 Prozent bei 11 857 Punkten. Ansatz einer Bodenbildung?
In manchen Familien wurden am Wochenanfang quasi noch die Scherben zusammengekehrt. Motto: „Warum haben wir nicht eine neue Küche eingebaut, statt an der Börse zu spekulieren?“
Wenige Tage vorher hatte sich die Lage noch ganz anders dargestellt. In der Vorwoche hatte der Dax, im Gleichschritt mit den globalen Finanzmärkten, ein Rekordhoch markiert: 13 795 Punkte. Nachlassende Wirtschafts- und Gewinndynamik wurde ausgeblendet, Kurstreiber waren billiges Geld und fehlende Anlage-Alternativen.
Im Rückblick erhöhte das quasi die Fallhöhe. Die weltweite Krise um das neuartige Coronavirus, nach wochenlanger Verdrängung, brachte abrupt die Wende: den größten Crash seit 2011, damals im Schatten der Finanz- und Wirtschaftskrise. Nun sind es die Befürchtungen um eine Pandemie – mit unabsehbaren Folgen für die Wirtschaft.
Der Begriff steht für abrupte Börsenentwicklungen – deutlich abwärts gerichtet. Dabei verlieren Anleger sehr viel Geld. Meist ergeben sich deshalb auch weitreichende Folgen für die gesamte Wirtschaft. Der berühmteste Börsen-Crash (Börsenkrach) war 1929. Es folgte eine sehr schwere Weltwirtschaftskrise. Die letzten schweren Börsenerschütterungen gab es in Deutschland mit der Internet-Blase um das Jahr 2000 und der Finanzkrise (2008).
Einzelne Branchen sind vom Coronavirus zwar besonders bedroht – wie Tourismus oder Veranstaltungen. Aber egal: Die Verkaufspanik riss erst einmal alle Aktien, auch die solidesten, mit – wie in allen Börsenstürzen zuvor. Erst später gab es erste Differenzierungen: Einige deutsche Aktien wie Qiagen (Kits für Corona-Tests) oder Dräger (Laborausrüstung) konnten tatsächlich zulegen.
Über das Wochenende zeichnete sich dann zur Beruhigung auch ab: Diverse Staaten und Notenbanken sind bereit, Schlimmeres für die Börse und die Realwirtschaft zu verhindern. Nachdem die US-Notenbank Fed am Freitag ihre geldpolitische Handlungsbereitschaft signalisiert hatte, zogen am Montag die Zentralbanken Großbritanniens und Japans nach. Für die Europäische Zentralbank (EZB) sagte Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau nur, man sei wachsam und vorbereitet, dürfte aber nicht die Ruhe verlieren.
Mehrere Staaten – wie Italien – erwägen zudem bereits Konjunkturprogramme. Auch Deutschlands Finanzminister Olaf Scholz räumte schon mal ein, das Geld dafür würde, falls nötig, zur Verfügung stehen.
Ob sich die Lage also wieder beruhigt? Oder droht eine Verschärfung, wenn die Produktions-Ausfälle durch das Coronavirus erst richtig wirken?
Wie sollen sich Anleger verhalten – noch verkaufen oder abwarten? Was raten Experten von Banken aus der Region?
Carsten Brömstrup: Da kommt noch etwas
„Ich glaube nicht, dass das, was wir in den vergangenen Börsentagen gesehen haben, schon alles war“, meint Carsten Brömstrup, der Chef-Analyst der OLB. „Es kann noch weiter abwärts gehen.“ Die Risiken seien „definitiv da“, meinte er mit Blick auf die Störungen in Wirtschaftsprozessen sowie auch jene Risiko- und Charttechnik-Mechanismen, die bei Unterschreiten bestimmter Kurs-Linien an der Börse quasi automatisch ausgelöst werden. „Pulver trocken halten“, rät Brömstrup aktuell. Allerdings sagt er auch: „Ein Grundstock an Aktien sollte vorhanden sein.“ Denn: „Wenn erste Anzeichen kommen, dass ein Impfstoff gegen das neue Coronavirus gefunden ist, man die Ausbreitung im Griff hat oder dass es quasi durch die Sommersonne vertrieben wird – dann werden die Kurse in die Höhe schießen. Und man will natürlich dabei sein“, meint Brömstrup. Sein genereller Rat an Anleger: Vermögen und Aktien breit streuen – das sei quasi „Impfstoff fürs Depot“.
Sven Litke: Kaufmöglichkeiten
Über längere Zeit seien „alle Konjunktur- und Marktsignale ignoriert worden“, sagt Sven Litke, Leiter des Bereiches Private Banking bei der Landessparkasse zu Oldenburg (LzO). Nun diene „die Furcht vor dem Corona-Virus als Auslöser für Rückschläge“. Litke ist zuversichtlich: „Ein Überfluss an Liquidität und immer noch sinkende Zinsen sind ein weiterhin stabiles Fundament einer langfristigen Aufwärtsentwicklung. Daher ergeben sich für langfristig orientierte Anleger interessante Kaufmöglichkeiten.“ Unabhängig davon sei es günstig, ratierlich in Aktienmärkte zu investieren. Litke meint „Sparpläne, bei denen ein immer gleicher Monatsbetrag investiert wird. So erhalten Sparer jetzt mehr Aktien und es gilt der alte Kaufmannsspruch: Im Einkauf liegt der Gewinn.“
Lambert Meyer: In Raten anlegen
„Aktuell erleben wir einen Corona-Crash“, bilanziert Lambert Meyer als Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Volks- und Raiffeisenbanken (AGVR) in Weser-Ems. „Euphorie ist schlagartig in Pessimismus gedreht – sicherlich auch durch die teilweise dramatische Nachrichtenlage“, meint der Banker, der für mehr als 50 Institute im Nordwesten spricht. Die Auswirkungen seien derzeit noch nicht genau einschätzbar. Meyer rät: „Derzeit sollten langfristig orientierte Anleger sicherlich besonnen bleiben. Der Genossenschaftsbanker ist zuversichtlich: „Gerade ratierliche Anlagen – also das Sparen in regelmäßigen Raten – oder Anlagen, die langfristig einem Ziel dienen, werden sich auch wieder erholen.“ Regelmäßiges Investieren könne durchaus auch von Marktschwankungen profitieren. Meyer hat auch festgestellt: „Viele Anleger nutzen Rücksetzer für einen erneuten Einstieg oder Zukäufe.“
Marco Kemper: Auf Risikoverteilung achten!
„Risikomanagement sollte für Anleger an erster Stelle stehen“, sagt Marco Kemper, Filialdirektor der Deutschen Bank in Oldenburg. „In dieser Hinsicht interessant erscheint aktuell ein ausgewogen aufgestelltes Depot. Es sollte sowohl ertragsorientierte Investments wie Aktien als auch defensivere Elemente wie bonitätsstarke Euroanleihen, Gold, US-Dollar oder defensiv ausgerichtete Investmentzertifikate berücksichtigen.“
Und: „Auch wenn es für Entwarnung am Aktienmarkt noch zu früh ist: Grundsätzlich dürften sich nach Eindämmung der Epidemie die Konjunktur und die Kapitalmärkte erholen. Dafür spricht alle historische Erfahrung.“ Im späteren Jahresverlauf könnten entsprechend „risikobereite und langfristig orientierte Anleger je nach Marktsituation höhere Aktienquoten und gezieltere Investments in solche Sektoren prüfen, die von der derzeitigen Entwicklung besonders betroffen sind“, sagte Kemper.
