Oldenburg/Bremen - Sie sprechen über Calatheas, Lux-Werte und Spinnmilben. Sie sammeln Pflanzen wie andere Briefmarken. Sie treffen sich zu Pflanzenpartys und sind auf der Suche nach den größten Raritäten: Die „Pflanzenmuddis- und vaddis“. So nennen sie sich zumindest auf der Fotoplattform Instagram. Auch Miriam Goy gehört dazu. In ihrer kleinen Einzimmerwohnung mit 20 Quadratmetern zählt die 22-jährige Oldenburgerin 26 Pflanzen – inklusive Mini-Gewächshaus.
„Ich finde die Pflanzen einfach super schön“, sagt die Studentin. „So richtig seltene Exemplare sammel ich erst seit diesem Jahr.“ Und das dokumentiert sie für ihre knapp 8000 Follower unter dem Namen „Plantskid“ auf Instagram. Social Media und Zimmerpflanzen – durch ihr Hobby hat die 22-Jährige sich eine kleine Community aufgebaut. Sie beantwortet Fragen anderer Nutzer, gibt Pflegetipps und Anregungen. „Es ist einfach cool, sich mit Leuten auszutauschen, die das gleiche Hobby haben“, sagt Miriam.
Hobbybotaniker bei „Plantpartys“ vereint
Ähnlich wie Miriam ist auch Lorena Meyer dem „Pflanzenwahn verfallen“, wie sie sagt. Maßgeblich daran beteiligt ist die Instagram-Nutzerin „marienova“ aus Jena. Die Influencerin teilt ihr Wissen mit über 100 000 Followern auf der Fotoplattform. „Ich war total fasziniert von ihrer Begeisterung für Pflanzen, dass ich bestimmt eine halbe Stunde ihre Instagram-Storys schaute, in denen sie Fragen von ihren Followern rund um das Thema beantwortete“, erklärt die 22-jährige Oldenburger Studentin Lorena.
Die Influencerin „marienova“ hat zudem den Hashtag „Pflanzenmuddi“ ins Leben gerufen, der mittlerweile über 70 000 Beiträge zählt. Auch männliche Hobbybotaniker zeigen hin und wieder unter dem Hashtag „Pflanzenvaddi“ ihre Raritäten. Unter dem Sammelbegriff gewähren die Instagram-Nutzer einen Einblick in ihre Pflanzensammlungen sowie Zimmer-Dschungel und tauschen sich untereinander aus. „Normalerweise wird man schief angeschaut, wenn man von seinem Hobby erzählt“, sagt Lorena. Doch Instagram vereint die Hobbybotaniker und gibt ihnen eine Plattform.
Von der Online-Community ins „echte Leben“: Die „Pflanzenmuddis“ beziehen ihre heiß geliebten Raritäten über Ebay, das Schwarze Brett in der Universität oder aber über Pflanzenpartys. Zuletzt trafen sich zehn junge Frauen bei Laura Hein in Bremen, um sich kennenzulernen und Pflanzen und Ableger zu tauschen. Es war bereits das zweite Mal, dass sie in ihre Wohnung eingeladen hatte. „Viele haben mir bestätigt, dass sie lieber persönlich etwas kaufen, als zu bestellen und eben gerade den Austausch zwischen Gleichgesinnten toll finden“, sagt die Gastgeberin Laura. Doch auch Propagation (Vermehrung) und das Tauschen von Ablegern im Zuge der Partys ist für die Bremerin ein wichtiges Stichwort. Denn somit werde „unnötiger Konsum“ eingeschränkt.
In Szene gesetzt: Bei Pflanzenpartys werden die neuesten Errungenschaften für Instagram fotografiert.
Therapeutische Wirkung von Zimmerpflanzen
Doch was fasziniert so viele junge Menschen an Zimmerpflanzen? „Mich begeistert vor allem die Vielfalt der Pflanzen“, erklärt Lorena. „Es gibt so viele unterschiedliche Arten, die alle andere Ansprüche haben. Ich setze mich gerne damit auseinander, welchen Standort die jeweilige Pflanze bevorzugt und welches Gießverhalten sie benötigt. Zudem erschaffen sie ein wahnsinnig schönes Raumklima und lassen einen Raum viel wohnlicher wirken.“
Für die Oldenburgerin Miriam ist ihr Zimmer-Dschungel vor allem beruhigend und fast therapeutisch. Einigen jungen Menschen dienen die Pflanzen auch als eine Art Haustier-Ersatz. Denn: Dadurch habe man ein wenig Gesellschaft und obendrein sei die Freude groß, wenn neue Blätter zu sehen sind, sagt Miriam. „Und das ist eine gute Möglichkeit, eine kleine Stadtwohnung etwas grüner zu gestalten.“
Zu Miriams größtem Stolz gehört ihre Monstera Variegata – eine der derzeit beliebtesten Zimmerpflanzen. Die Pflanze ist aufgrund ihrer seltenen grün-weißen Musterung beliebt. Kein Blatt gleicht dem anderen. Zu kaufen gibt es die Pflanze eher selten. Und wenn, dann für viel Geld. Miriam hat sie sich aus vielen verschiedenen Ablegern zusammen gesammelt. Die Pflanze hat in ihrer Einzimmerwohnung den besten Platz: Bei tropischem Klima und indirektem Sonnenlicht gedeiht sie in Miriams kleinem Gewächshaus neben dem Fenster.
Michael Löschau, Inhaber des Oldenburger Wohngartens, kann den Trend bestätigen. Vor allem junge Leute seien an den Zimmerpflanzen, die es in dem Gartencenter in Etzhorn zu kaufen gibt, interessiert. „Die suchen ganz bestimmte Pflanzen“, sagt Löschau. Vor allem Philodendren und verschiedene Arten von Sukkulenten seien beliebt. Doch auch im gewerblichen Bereich steige die Nachfrage nach Grünpflanzen, weiß Löschau. „Ich vermute, es ist die Sehnsucht nach der Natur.“
Seit circa drei Jahren gebe es diesen Trend, sagt auch Heidrun Streuling, Inhaberin des Floristikgeschäftes „die Blumenbinder“ an der Heiligengeiststraße. „Es ist wirklich so, dass diese Trends durch Plattformen wie Pinterest und Instagram getrieben werden“, erklärt Streuling. Zusätzlich zu Philodendren, Sukkulenten und interessant aussehenden Hängepflanzen seien auch Pampasgras (Ziergras), Eukalyptus und getrocknete Blumen sehr beliebt. „Das erinnert an die Trends der 70er- und 80er-Jahre.“
