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nordwest-zeitung

Defa-Filme In Oldenburg Filmischer Schatz der DDR lagert neben Uni-Tiefgarage

Oldenburg - „Der Untertan“ von Heinrich Mann, zum letzten Mal gezeigt am 12. April 1990 in Plauen in der ehemaligen DDR, notiert auf der Begleitkarte. Die DEFA-Filmrolle lagert in einem Raum neben der Parkgarage der Universität am Uhlhornsweg. Eigentlich kein weiter Weg aus dem Süden Sachsens nach Oldenburg, aber ein besonderer.

Bibliotheksdirektorin Heike Andermann (50) und Wilhelm Bahlmann (58), stellvertretender Leiter der Universitäts-Mediathek, stehen in einem Raum, in dem die Temperatur nie über 20 Grad steigt, und halten die Filmrolle in der Hand. Es ist eine von 770 Kopien, die der verstorbene Chef der Mediathek, Peter Franzke, 1990 vor der Vernichtung gerettet hat.

Franzke ist in unmittelbarer Nähe zur „Zone“, wie er die Deutsche Demokratische Republik gerne nannte, in Vienenburg am Harz aufgewachsen und hat von Kindheit an auch DDR-Fernsehen angeschaut. Dann begann er, Filme und Dokumentationen aufzuzeichnen und zu sammeln. Quasi der Grundstock der Sammlung, die heute in der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg am Uhlhornsweg lagert.

Ende des Lichtspielwesens

Mit dem Ende der DDR im Jahr 1989 brach auch das staatlich kontrollierte Lichtspielwesen zusammen. Peter Franzke hielt das Geschehen in einem Aufsatz fest: „Ende 1990 drangen erstmals Gerüchte über die Vernichtung von Filmmaterial an die Öffentlichkeit. In einer Diskussionsrunde im Deutschen Fernsehfunk mit Journalisten, Regisseuren und Schauspielern wurde schließlich publik, daß die Kopien in die CSSR gebracht würden, um dort ,gewaschen’ zu werden, das heißt der Silbergehalt wurde recycelt und das Trägermaterial verbrannt. Obwohl von Verantwortlichen später stets geleugnet, entsprach dies der Wahrheit.

Heute ist die Treuhand an allem Schuld, sie verfügte nämlich die Auflösung der Bezirksfilmlager, die sich zum Teil in exponierter Lage der Innenstädte befanden. So ist heute z.B. im Gebäude des Lagers Karl-Marx-Stadt, aus dem wir den größten Teil unserer Kopien haben, ein Aldi-Markt. Als der Lkw-Fahrer die erste Lieferung beim BIS in Oldenburg anlieferte, äußerte er sinngemäß: Ich freue mich, diesmal die Filme nicht zur Vernichtung, sondern zur weiteren Verwahrung transportiert zu haben. Er war Augenzeuge der Waschaktion in der CSSR geworden.“

Oldenburger holten die Filme ab.

Oldenburger holten die Filme ab.

Details zum Archiv

Zum Bestand gehören ca. 440 Spielfilme und 330 Dokumentar- und Kinderfilme, Filmprogramme aller in der DDR gelaufenen Spielfilme, ein Zeitungsausschnittarchiv zum Defa-Film (ca. 6000 Artikel), ca. 900 Filmplakate, Monographien und Zeitschriften (ca. 2000 Bände), Ideokopien (TV-Mitschnitte) zum DEFA-Film und zur Geschichte der DDR.

Das Bibliotheks- und Informationszentrum (BIS) erhielt Sondermittel für den Grundbestandsaufbau durch die Landesregierung in Hannover. Besonders deutlich wird die Fülle des Materials, wenn man sich zwei Zahlen vor Augen hält: die Filme allein wiegen ca. 13 Tonnen, es sind zusammen ca. 2000 Kilometer belichteter 35mm-Film.

Vollständig befindet sich das Filmmaterial nur im Bundesarchiv (ehemaliges Staatliches Filmarchiv der DDR).

Für die Benutzung fanden sich in Oldenburg ideale Voraussetzungen. Der zunächst schwierige Einstieg in die professionelle Kinotechnik wurde durch den Ankauf von Gebrauchtgeräten ermöglicht. Für die Projektion im Vortragssaal der Bibliothek standen bewährte Ernemann VIII (35/16) und IX Projektoren zur Verfügung, die erst vor wenigen Wochen demontiert wurden. Auch eine komplette transportable 35mm-Anlage (TK 35) war vorhanden. Die niedersächsische Filmförderung stellte 70 000 DM (35 000 Euro) zum Ankauf eines Steenbeck-Schneidetisches mit Video-Adaption bereit. Auch gelang es unter Schwierigkeiten einen original Pentacut-Schneidetisch (Carl Zeiss Jena) zu erwerben und zur Benutzung bereitzustellen – das Modell, auf dem alle DEFA- Filme geschnitten wurden. Außerdem standen sechs Video-Arbeitsplätze für die Benutzer zur Verfügung.Quelle: Peter Franzke

Die Filmsammlung ist auch der Weitsicht des im März 2012 verstorbenen Gründungsdirektors der Universitätsbibliothek, Hermann Havekost, zu verdanken. Er stellte mit der Namensgebung „Bibliotheks- und Informationssystem“ die Weichen, dass neben Büchern oder Zeitschriften auch Filme, also AV-Medien, in den Bestand genommen wurden – damals keine Selbstverständlichkeit und nur an wenigen Orten realisiert. Ein Höhepunkt war 1991 der Erwerb der Defa-Sammlung, der nicht unumstritten war. Die Ostmedien berichteten unter der Schlagzeile „Uni-Oldenburg kauft Defa-Archiv“, was verständlicherweise zu erheblicher Unruhe führte.

Franzke weiter: „DDR-Forschung hat an der Universität Oldenburg Tradition. In verschiedenen Fachbereichen wurde und wird an der Thematik gearbeitet. Durch die Wiedervereinigung ist die DDR ein ,abgeschlossenes’ Forschungsgebiet geworden. Die nahezu vollkommene Okkupation durch den Westen hat auch die letzten Reste der ,entwickelten sozialistischen Gesellschaft’ beseitigt. In der ersten Zeit der Euphorie und des Umbruchs wurde alles getan, um die 40 Jahre währende Herrschaft der SED zu verdrängen. Auch Bibliotheken wurden geplündert oder geschlossen, ganze Verlagsproduktionen verrotteten im Regen, und Filme wurden verbrannt.“

Die Filme wurden in geschlossenen Lehrveranstaltungen gezeigt, öffentlich nicht, erklärt Heike Andermann. Grund dafür: Die Filmrechte liegen bei der Progress Film AG. Die Projektoren wurden von Mitarbeitern des Globe-Kinos demontiert. Sie sollen in der ehemaligen Donnerschwee-Kaserne wieder aufgebaut werden. Und wer weiß: Vielleicht sind dort dann „Jakob, der Lügner“, „Paul und Paula“ oder „Der Wüstenkönig von Brandenburg“ zu sehen – ein Traum ...

Thomas Husmann
Thomas Husmann Redaktion Oldenburg
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