Oldenburg - Ja, wir sind schuldig. Wir Journalisten, die wir ein Leben lang darüber nachdenken, welchen ordentlichen Beruf wir eigentlich verfehlt haben, wir tragen seit Jahren dazu bei, dass sich englischsprachige Ausdrücke bei uns pudelwohl fühlen.
Nicht nur der Sport ist da gemeint, der gern mal mit Goal, Coach, Assist oder Keeper aufwartet. Selbst der Kulturredakteur durchsetzt die deutsche Sprache inzwischen rüstig mit Denglisch und Anglizismen. Locker ist von Top-Sellern, einer Shortlist, der Closing-Night-Gala oder Independent-Reihen die Rede. Museen nehmen an der Earth Hour teil.
Immerhin kann man beim Flanieren durch eine Großstadt tüchtig mit dem Finger auf andere, eigentlich viel schlimmere Sprachverletzungen zeigen. Da lesen wir Welcome, New Collection, Final Sale, Back-Factory und erholen uns erst wieder beim Event-Shopping mit einem guten Deal.
Wenn es so weiter geht, dann können die Deutschen, hat Rhetorikprofessor Walter Jens einst gewarnt, in zehn Jahren nicht mehr richtig Deutsch und noch nicht richtig Englisch. Es sind wohl keine zehn Jahre mehr.
Indes, Jugendliche fühlen sich durch dieses Kauderwelsch eher billig angesprochen. Ältere, die teilweise gar keinen Englischunterricht hatten – davon gibt es mehr, als man denkt! – reagieren verunsichert.
Eine ältere Tante von mir meinte kürzlich, bei ihr um die Ecke gebe es jetzt auch einen „Coffee To Go“. Den könne man sogar im Becher mitnehmen. Alle haben nichts von der Sprachvermischung, und man streift das Lächerliche. Hatte nicht der Fernsehsender Sat1 mal mit „Powered by Emotion“ geworben? Viele übersetzten das mit „Kraft durch Freude“. Einige meinten sogar, es hieße „gepudert mit Emotionen“.
Nun, wenn Flyer die Highlights verdeutlichen, dann helfen weder Joghurts mit Weekend Feeling noch ein Kick-off: Etwas stimmt nicht in unserem Land. Aber eigentlich ist es nicht mehr unser Land. Es ist nicht mehr Deutschland, es ist Denglischland geworden. Wir werden im eigenen Staat zu Ausländern. Wir erniedrigen uns selbst. Wir reagieren mit einem peinlichen, vorauseilenden Gehorsam in Richtung Amerika: Englisch kann nur gut sein! Anglizismen müssen her! Wir brabbeln Deutsch und Englisch verhunzend durcheinander. Wir finden das modern, halten das für international.
Angesichts dieser Situation müssten wir dankbar vor denen knien, die Denglisch bekämpfen. Doch das Gegenteil ist seit einiger Zeit der Fall.
Es ist Mode geworden, unsere Sprachbewahrer zu beschimpfen und in die rechtslastige Ecke zu schieben. Das trifft besonders den Verein Deutsche Sprache (VDS) in Dortmund und speziell den Vorsitzenden Walter Krämer. Krämer wird als Experte angezweifelt – er beschäftigt sich ja auch erst seit Jahrzehnten intensiv mit der deutschen Sprache. . .
Krämer und sein Verein werden als Beispiel für „intoleranten, unaufgeklärten Sprachpurismus“ angefeindet, wie einige Germanisten und Linguisten behaupten. Krämers Fehler? Er tritt deutlich für die deutsche Sprache ein. Sein Verein sei „verbissen“, schimpfen postwendend die Kritiker. Der Verein habe es sogar mal gewagt, das ESC-Gedudel zu kritisieren, dieses angeblich hohe deutsche Kulturgut.
Krämer nennt den Genderwahn einen Genderwahn. Das biologische und das grammatische Geschlecht haben miteinander wenig zu tun, wiederholt er gebetsmühlartig, die Dumpfbacke sei oft ein Mann. Doch die „Sprachterroristen“, wie Krämer sie nennt, kennen kein Pardon. Der Unfug geht weiter. Krämers Gegner durchforsten als Biedermänner selbst unsere Literatur in Sachen politisch korrekter Sprache. Soll der „Neger“ im Jim-Knopf-Buch von Michael Ende bleiben?
Kein Wunder also, dass Krämer viel Angriffsfläche bietet. Wirklich unerhört, was der sich rausnimmt? – Ja, aber nur, wenn man kleinkariert denkt und schlichte Feindbilder liebt. Krämer und sein VDS werden so in Pegida- und AfD-Nähe gerückt. Das ist einfach zu bewerkstelligen: Man muss nur schauen, wer auch für Deutsch im Grundgesetz ist – richtig! Die AfD. Krämer hat mal gesagt, dass leider die falsche Partei für eine richtige Sache ist. Aber das wollte keiner hören.
Kurz und gut: Es ist völliger Unsinn, den Verein Deutsche Sprache mit dem akademischen Handfeger in die Ecke der dumpfen Deutschtümler zu kehren. Die Sprache zu reinigen und zu bereichern, ist das Geschäft der besten Köpfe, wusste schon Goethe. Gäbe es den rührigen Verein nicht, hätte die Flut von Denglisch Werbung, Medien und Alltag noch viel stärker überschwemmt. Dass der Verein auch den „Sprachpanscher“ des Jahres kürt, ehrt den Verein zudem.
„Ich konnte in Englisch vieles von dem, was ich sagen wollte, nicht richtig rüberbringen. Ich musste deutsch singen“, sagte Udo Lindenberg einmal. Der Musiker brachte die Bedeutung unserer Muttersprache auf den Punkt. Tatsächlich ist es nicht nur nötig, unsere Sprache pfleglich zu behandeln, sondern sie auch mal aggressiv zu verteidigen. In Italien haben Professoren und Studierende erfolgreich dagegen geklagt, dass Studiengänge nur auf Englisch angeboten werden. Und kein stolzer Franzose käme auf die Idee, sich so unpatriotisch zu verhalten, wie wir es tun. Wir ducken uns in der EU, wenn es um unsere Sprache geht. Wir ducken uns sogar in unserem Land, so zum Beispiel Ursula von der Leyen auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Bei dem Event (um es im Denglisch-Sound zu sagen), hat sie, die ja stets was zu sagen hat, in englischer Sprache vorgetragen – ohne Not, Dolmetscher waren im Raum.
Krämer fordert: „Es muss jemand laut und deutlich sagen: Wir haben die Nase voll!“. Mehr Selbstbewusstsein? Schön wär’s. Und nötig eigentlich auch.
