Oldenburg - Die Nacht vom 3. auf den 4. Mai 1945 hat Erich Gronwald nie vergessen in seinem Leben. Plötzlich standen damals kanadische Soldaten in seinem Kinderzimmer, das sich der Zehnjährige mit seinem sechs Jahr älteren Halbbruder Dieter teilte. Weil die Jungs nichts anderes zum Anziehen mehr hatten, lagen sie in den Braunhemden der Hitlerjugend im Bett. „Die Soldaten interessierte das nicht“, sie richteten ihren Blick an die hohe Decke des Zimmers, unter der rund 30 Modellflugzeuge hingen, die die beiden Jungs in den zurückliegenden Jahren gebastelt hatten. „Militärmaschinen aller Nationen“, erzählt der heute 84-Jährige.
Eingang an der Seite
Der Eingang zu seinem Elternhaus an der Rebenstraße 31 lag direkt an der Straße, die Türen zu den anderen Häusern befanden sich an der Seite, versucht Gronwald heute zu erklären, warum die Soldaten ausgerechnet in sein Elternhaus eingedrungen waren. Als die Männer die Modellflugzeuge erblickten, lachten sie und freuten sich sichtlich über den Eifer der Jungen. Die Soldaten verließen das Haus und kehrten kurze Zeit später zurück, die Hände prall gefüllt mit Schokolade, die sie den Jungen schenkten. Dann verschwanden sie wieder.
Leidenschaft entfacht
Die Leidenschaft zur Fliegerei hatte ein Nachbar geweckt, der die Kinder zum nahen Fliegerhorst mitnahm. „Eine halbe Stunde bevor die alliierten Bomberverbände am Himmel auftauchten, stiegen die Jagdflieger auf“, erinnert sich Gronwald. Oldenburg wurde weitgehend verschont. Gronwald: „Eines Tages flogen im Tiefflug zwei britische Vickers-Wellington übers Haus, aus denen Flugblätter abgeworfen wurden. ,Oldenburg wollen wir schonen, wollen später drin wohnen!’ war darauf zu lesen.“
Und so kam es. Der Krieg ging kurze Zeit später zu Ende, das Dritte Reich lag in Trümmern, für die Oldenburger, die in einer weitgehend unzerstörten Stadt weiter wohnen konnten, ging das Leben weiter. Auch für den damals Zehnjährigen, der an der Alexanderstraße noch eine Panzersperre mit aufgebaut hatte, die aber schnell wieder abgebaut wurde, als die deutschen Soldaten Oldenburg Richtung Wilhelmshaven verlassen hatten.
An seinen Vater, Johann Ernst Gronwald, hat er nur gute Erinnerungen. Er bastelte mit den Jungs die Modellflugzeuge aus Holz oder setzte mit ihnen die Bausätze zusammen. Als die Wehrmacht den 16 Jahre alten Bruder nach Hooksiel kommandiert hatte, setzte sich der Vater früh morgens aufs Rad, fuhr an die Küste, wies die Soldaten zurecht und fuhr mit seinem Sohn auf dem Rad wieder zurück nach Oldenburg.
Später freundete sich Erich Gronwald mit einem kanadischen Soldaten an, der ihm das Fahren mit dem Jeep und einem Motorrad beibrachte. Von ihm bekam er auch Zigaretten geschenkt, die er im Garten vergrub und später auf dem Schwarzmarkt verkaufte. Erich Gronwald erinnert sich noch an Fahrten in den Harz, der aufgeforstet werden musste, oder nach Bielefeld zu einem Quäker-Treffen.
Und vor allem an die vielen Kinder aus der Nachbarschaft, mit denen er damals in der Rebenstraße spielen konnte – andere Zeiten eben.
