Oldenburg - Tim Wiese biss erst einmal kräftig in seine dick mit Senf beschmierte Frikadelle, dann präsentierte sich der frühere Kult-Torwart von Werder Bremen gewohnt meinungsstark. „Traurig“ sei er über die aktuelle Entwicklung seines früheren Fußball-Vereins, „erschrocken“ sei er über die schlechteste Hinrunde der Vereinsgeschichte, die mit 14 Punkten auf Platz 17 abgeschlossen wurde. „Das nimmt mich schon noch mit, schließlich war die Zeit in Bremen die schönste meiner Karriere“, sagte der 38-Jährige.
Wenn die Helden von früher zum Klassentreffen zusammenkommen, dann gibt es zumeist ein zentrales Thema: Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung bei Werder Bremen? So ist es auch Freitagabend beim Hallenfußballturnier der Traditionsmannschaften um den „Cup der Öffentlichen Oldenburg“.
„Man hat sich hohe Ziele mit der Europa League gesteckt. Es hat sicherlich keiner damit gerechnet, dass es jetzt so schlecht läuft“, sagte Wiese, der nach wie vor in Bremen wohnt und noch regelmäßig im Weserstadion ist. Der frühere Nationalkeeper ist damit einer, der wirklich noch nah dran ist am Verein.
Aber auch andere, die eine deutlich weitere Anreise in die erneut ausverkaufte große EWE-Arena nach Oldenburg hatten, verfolgen ihren früheren Club weiter intensiv. „Ich habe zwar nicht so viel gesehen, aber sehr viel gelesen“, berichtete zum Beispiel Petri Pasanen. Der frühere Verteidiger arbeitet inzwischen im finnischen Fernsehen als Experte, kommentiert regelmäßig Partien in der Champions League – früher hätte er hier noch Werder-Spiele sehen können. „Es ist sehr schade, wie es läuft. Jeder will, aber es passt einfach nicht. Es ist richtig schwer, wenn man im Abstiegskampf steckt“, spricht der heute 39-Jährige vor allem auch den mentalen Faktor im Tabellenkeller an.
Einer von gleich sieben Doublesiegern (Werder gewann 2004 die Meisterschaft und den DFB-Pokal), die die Bremer Traditionself mit an die Hunte brachte, ist Krisztian Lisztes. Einer der stilleren Helden von früher trainiert heute die U 16 des ungarischen Erstligisten Ferencvaros Budapest, blickt aber ebenfalls interessiert gen Weser. „Es ist sehr schade, wie Werder da steht. Es wird schwierig“, sagte der 43-Jährige, der in seiner Laufbahn viele Vereinswechsel vollzog, in Bremen aber immerhin vier Jahre lang spielte und deswegen auch betonte: „Ich hatte meine schönste Zeit bei Werder, es war alles sehr familiär und hat gut zu mir gepasst.“
Lisztes betonte auch, wie schön es sei, die alten Kollegen von früher wiederzusehen. In Ailton, Ivan Klasnic, Christian Schulz, Pekka Lagerblom, Holger Wehlage und Torwart Pascal Borel traf er in Oldenburg auf sechs weitere Helden von 2004. Pasanen und Wiese dürfen sich zwar nicht Doublesieger nennen, liefen aber danach in der erfolgreichen Zeit in der Champions League für die Grün-Weißen auf. „Ich bin das dritte Mal in Oldenburg dabei und es macht immer Spaß. Ich komme gern wieder“, erzählte Pasanen – und selbst der so kritische Wiese, der in den vergangenen Jahren bereits lautstark in der großen Arena gefeiert worden war, ließ sich zu einem kleinen Loblied an das Oldenburger Publikum hinreißen. „Hier herrscht eine super Atmosphäre, das Turnier ist sehr erfolgreich. Spieler wie Pekka habe ich lange nicht gesehen, das macht Spaß.“ Und dann machte der Wrestler außer Dienst („Das ist vorbei. Ich genieße mein Leben“) trotz der „traurigen“ Lage jedem Werder-Fan ausdrücklich Hoffnung, dass der zweite Abstieg der Vereinsgeschichte abgewendet werden kann: „Es wäre ein Wunder, wenn Werder absteigt. Ich glaube da nicht dran.“
