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Inklusion In Oldenburg Sieben Assistenten ermöglichen selbstbestimmtes Leben

Oldenburg - Joachim Merkle ist äußerst unternehmungslustig. Kultursommer, Stadtfest, Kramermarkt, der 54-Jährige lässt kaum etwas aus, was die Oldenburger Szene zu bieten hat, die Spiele der Baskets inklusive. Den Spaß an Geselligkeit teilt er mit vielen Menschen. Was aber bei Joachim Merkle das Besondere ist: Er hat sich die vermeintlich selbstverständliche Teilhabe an den vergnüglichen Seiten des Lebens mit engagierten Helfern hart erkämpft. Denn: „Ohne Hilfe kann ich nichts“, sagt er.

Seit seiner Geburt hat er eine Tetraspastische Lähmung, beide Arme und Beine sind betroffen, auch die Sprach- und Schluckmuskulatur ist beeinträchtigt. „Bei meiner Geburt hatte ich die Nabelschnur um den Hals und war eine halbe Stunde tot“, berichtet er. „Zum Glück hat mein Kopf nichts abbekommen.“

Eingespieltes Team

Seine Eltern haben von Anfang an Wert darauf gelegt, dass Joachim in ihrer Obhut bleibt und möglichst eigenständig lebt. Diese Grundhaltung, dass auch mit schweren Beeinträchtigungen ein selbstbestimmtes Leben möglich ist, hat Merkle zu „einem Vorreiter gemacht“, wie er nicht ohne Stolz mitteilt. Er war einer der Ersten, die das mit dem Persönlichen Budget ermöglichte Arbeitgebermodell umgesetzt haben (siehe Info-Kasten).

Das heißt: Er beschäftigt sieben Mitarbeiter, die ihn in einem Schichtmodell rund um die Uhr in seiner eigenen Wohnung betreuen. Jede Schicht dauert 24 Stunden, Schichtwechsel ist jeweils um 10 Uhr. Die Assistenten haben in der 70-Quadratmeter-Wohnug ihres Arbeitgebers eine abgetrennte Schlafecke.

Benjamin Brunkhorst ist seit gut zehn Jahren bei Merkle beschäftigt, Lars Schneider seit 17 Jahren. Die Mitarbeiter und ihr Arbeitgeber sind ein bestens eingespieltes Team. Nach all den Jahren wissen die Assistenten, was Joachim Merkle meint oder möchte. Sie schauen ihn konzentriert an und fassen in Worte, was er mitteilen will. Für ungeübte Ohren ist das schwer zu verstehen. Etwa ein halbes Jahr dauert es, bis neue Assistenten sich an seine Art sich auszudrücken gewöhnt haben.

Wer kann das Persönliche Budget beantragen und wo gibt’s Beratung?

Menschen mit Behinderung haben seit dem 1. Januar 2008 einen Rechtsanspruch auf das Persönliche Budget. Die Idee dahinter: Geld statt Sachleistung. Das bedeutet mehr Unabhängigkeit und mehr Selbstbestimmung. Wichtig: Das Persönliche Budget ist keine zusätzliche Leistung, sondern lediglich eine andere Form der Leistungserbringung.

Mit dem Persönlichen Budget können die Bezieher selbst entscheiden, wann, wo und wie sie Teilhabeleistungen in Anspruch nehmen. Zum Beispiel können sie mit dem Arbeitgebermodell Assistenten einstellen, die sie selbst aussuchen. Das bedeutet aber auch, dass sie für Planung und Organisation zuständig sind.

Den Antrag auf Persönliches Budget kann jeder Mensch mit Behinderung oder von Behinderung bedrohter Mensch stellen. Eltern können es für ihre Kinder mit Behinderung beantragen. Als Kostenträger kommen verschiedene Stellen infrage, unter anderem Krankenkasse, Bundesagentur für Arbeit, Sozialamt, Jugendamt, Rentenversicherung, Integrationsamt.

Die Höhe des Persönlichen Budgets ist je nach Unterstützungsbedarf sehr unterschiedlich. Die Bandbreite reicht von zweistelligen Beträgen, wenn nur einige Stunden Assistenz nötig sind, bis hin zu Fällen, in denen – beispielsweise wegen einer Beatmung – rund um die Uhr medizinisches Fachpersonal erforderlich ist. „Das höchste Budget, das wir verwalten, liegt bei 23 424 Euro pro Monat“, sagt Budgetberaterin Ilka Martin.

Beratung bei der Frage, ob das Persönliche Budget in Frage kommt, bietet kostenfrei beispielsweise die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB), von der es deutschlandweit rund 500 Angebote gibt, viele auch in der Region. In Oldenburg berät unter anderem der Verein „SeGOld“ (Selbstbestimmt Leben – Gemeinschaft Oldenburg).

Die Tage von Joachim Merkle und seinen Mitarbeitern sind ausgefüllt, zumal mit einer Spastik vieles länger dauert: Aufstehen mit der Hebevorrichtung, duschen, anziehen, der Gang zum Bäcker, Frühstück mit dem geliebten Sechs-Minuten-Ei – das kann sich schon einmal bis 15 Uhr hinziehen: Hohe Priorität hat beim Arbeitgebermodell die Selbstbestimmung, der Tagesablauf richtet sich also nach den Bedürfnissen des Arbeitgebers. Zweimal die Woche kommt die Krankengymnastin, einkaufen, Arzttermine, Freunde treffen, abends steht gerne mal Kino oder eine Tour durchs Oldenburger Nachtleben auf dem Programm. Sonntags ist besonders viel los. Erst geht’s zum Rollstuhltanz, abends kommt die Poker-Runde zu Besuch.

Budgetberaterin hilft

Das alles ist möglich, weil der lebenslustige Rollstuhlfahrer „ein absolut geniales Team um sich hat“, sagt Ilka Martin, die sich als Budgetberaterin seit etwa einem Jahr um die Angelegenheiten von Merkle kümmert. Ihr zwölf Jahre alter Sohn hat seit seiner Geburt eine schwere Mehrfachbehinderung. Um eine Unterbringung im Heim zu verhindern, hat sich die Oldenburgerin intensiv damit beschäftigt, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. Im Laufe der Jahre stellte sie fest, dass auch andere Menschen Bedarf an entsprechende Informationen haben, und absolvierte eine Fortbildung in Budgetbegleitung.

Die Expertin macht deutlich: Grundvoraussetzung für das Persönliche Budget ist eine Beeinträchtigung, die für das Lebensalter untypisch ist und zu einer Einschränkung der Teilhabe führt. „Dass kleine Kinder oder ältere Menschen Betreuung brauchen, ist normal. Dass ein Zwölfjähriger wie mein Kind nicht ohne Aufsicht durch die Gegend laufen kann, ist nicht normal.“

Joachim Merkle ist zwar geistig fit, braucht aber immer eine helfende Hand, Menschen, die Geduld und zugleich gute Nerven haben. Denn die Zeit an der Seite des rasanten Rollstuhlfahrers kann nervenzehrend sein. „Knapp ist oft“, sagt Benjamin Brunkhorst mit einem Schmunzeln. Ein Erlebnis, an das sich beide noch gut erinnern: Nach einem Ausflug bei einem Kuraufenthalt in Bad Oeynhausen wollte Merkle die Reifen des Rollis in einem Brunnen reinigen. Der war aber tiefer als gedacht. Zum Glück waren zwei starke Männer in der Nähe, die Fahrer samt Rollstuhl retteten. Lars Schneider zog den Schützling auf dem Weg zu einer Party in der Wesermarsch einmal aus den Brennnesseln eines Grabens. Vorbeikommende Autofahrer halfen.

KOMMENTAR Aufwand unabdingbar

Irmela Herold

Kräfte schwer zu finden

Die Nachfrage nach dem Persönlichen Budget nimmt zu, sagt Ilka Martin. Mittlerweile wüssten viele Menschen mit Behinderung, welche Möglichkeiten der Eingliederung es gibt und dass sie ein Anrecht darauf haben. Was häufig ein Problem beim Arbeitgebermodell ist: Assistenten sind schwer zu finden, nicht nur medizinische Fachkräfte, auch angelernte Laienhelfer. Überall im Pflegebereich werden Mitarbeiter händeringend gesucht.

Was spricht aus Arbeitnehmersicht für die 1:1-Betreuung eines Menschen, also für eine Stelle als Assistent? Ilka Martin sagt: „Man kann sich bei der Versorgung ganz auf einen Menschen konzentrieren. Das ist typabhängig, ob man diese enge Beziehung mag.“ Lars Schneider schätzt seine Arbeit nicht nur, „weil er jeden Tag weiß, für wen er das tut“. Er sieht den Vorteil seiner Vollzeitstelle auch in der Familienfreundlichkeit. Sieben 24-Stunden-Schichten im Monat, die restliche Zeit kann er sich um den vierjährigen Sohn kümmern, während seine Frau arbeitet. Vor allem aber weiß er eins: „Mit Joachim wird es nie langweilig.“

Dr. Irmela Herold
Dr. Irmela Herold Online-Redaktion
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