Oldenburg -  

Sie arbeiten an Schulen und zeigen jungen Erwachsenen Wege auf, ein stärkeres Selbstbewusstsein zu erlangen. Wie kam es dazu?

Daniel El KhatibKrankheiten, die Scheidung meiner Eltern, starkes Übergewicht, Mobbing und große Probleme damit, mich selbst anzunehmen, haben meine ersten Jahre geprägt. Doch das Blatt konnte ich wenden, leider in die falsche Richtung. Nun als Mobber unterwegs, sozial-auffällig und auf der schiefen Bahn, kam der erste größere Bruch im Lebenslauf, einer von vielen weiteren: der Schulverweis. Nach vielen fragwürdigen Erfahrungen als scheinbar starker und cooler Junge musste ich meine Richtung erneut wenden, um nicht auf der Straße zu landen. Nach zwei abgebrochenen Ausbildungen konnte ich eine kaufmännische Ausbildung mit Auszeichnung abschließen. Nach etlichen Fort- und Weiterbildungen entwickelte ich mich beruflich kaum weiter und persönlich ging es mir schlechter. Als ich in den Spiegel guckte sah ich immer noch den kleinen Jungen, der sich wenig zutraute und ein stark negatives Selbstbild hatte.

Was hat Ihnen in Ihrer Schulzeit nicht gut getan?

Daniel El-KhatibSchon der erste Tag auf der weiterführenden Schule war prägend. Viele Mitschüler beurteilten mich nach meinem Aussehen, wie gesagt, zu der Zeit stark übergewichtig, und mit meinem syrischen Migrationshintergrund. Der Lehrer macht aus El-Khatib einfach „Elke“, was dann die Runde machte. Ich konnte kaum freundschaftliche Beziehungen aufbauen, weil ich für Klassenkameraden „anders“ war. Die Besonderheit, anders zu sein, erkannte ich leider nicht. Das negative Bild, das andere von mir hatten, wurde mein Selbstbild. Irgendwann habe ich einfach alles geglaubt, was andere über mich sagten und viele Jahre darunter gelitten – auch noch nach meiner Schulzeit. Die sich ständig wiederholenden Gedanken über mich verunsicherten mich so stark, dass ich häufig krank wurde und die Schule nicht mehr besuchen wollte.

Was waren Erfahrungen und Erkenntnisse, um es aus dem Minderwertigkeitsgefühl heraus zu schaffen?

Daniel El KhatibDie bedeutendsten Veränderungen in meiner Denk- und Gefühlswelt kamen erst viele Jahre nach meiner Schulzeit. Ich habe mich nicht akzeptiert, ich blieb das verletzte Kind. Das spiegelte sich auch in meinem familiären Umfeld und meinen Jobs. Als aus dem Gefühl der Minderwertigkeit immer mehr eine Angst entstand, habe ich entschieden, mein Leben komplett zu verändern und meine Suche nach Selbstwert und Selbstvertrauen begann. Ich habe angefangen mir bewusst zu werden, dass ich so wie bin, einzigartig bin und nicht perfekt sein muss. Alte Gedanken loszulassen und gegen positive zu ersetzen, war Teil dieses Prozesses. Durch die Annahme meiner Persönlichkeit und die Veränderung meines Denkens und meiner Wahrnehmung, habe ich mir ein neues Bild von mir aufgebaut, das ich annehmen und wertschätzen konnte.

Was kann ein Schüler tun, der sich unwohl fühlt und unter dem Verhalten seiner Mitschüler leidet?

Daniel El KhatibWenn unser Kind leidet, können wir uns als Eltern fragen, ob diese Situation mit unseren eigenen Gedanken, Überzeugungen und Gefühlen zu tun hat, die unser Kind in seinem Selbstwert- und Selbstvertrauen beeinflussen. Unterstützend für Kinder ist immer eine vertraute Person, mit der sie über solche Dinge sprechen können. Dies können Freunde, Familie oder Lehrer sein. Wichtig ist, zuzuhören und mit dem Kind eine Lösung zu entwickeln, die es jederzeit anwenden kann. Vor allem das Stärken des Kindes und Verändern der Sichtweise können hier Wunder wirken.

Was sollten Mitschüler tun, die sehen, dass ein Kind von anderen schlecht behandelt wird?

Daniel El KhatibEs gibt genug Kinder, die schnell und angemessen reagieren und stark genug sind, sich solchen Dingen zuzuwenden. Manchmal reagieren Kinder auf solche Situationen aber auch zögerlich oder gar nicht, weil sie Angst haben, durch das Eingreifen selbst in eine Opferrolle zu geraten. Auch hier sind wir wieder beim Selbstvertrauen und Selbstwert angelangt. Wenn ich sicher genug auftrete und weiß, dass nur zählt, was ich über mich denke, muss ich mir um meine Opferrolle keine Gedanken machen. Das könnte eine neue Definition von Stärke und Coolness sein: andere mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen wahrzunehmen, und für diese Menschen durch die eigene Haltung und Handlung einen bedeutenden Unterschied zu machen.

Was stärkt in so einer Situation die Klassengemeinschaft?

Daniel El KhatibLehrer kennen ihre Klassen am Besten und können großen Einfluss auf ihre Schüler haben. Es ist im schulischen Alltag eine große Herausforderung, so vielen Individuen gerecht zu werden, ihnen Werte wie Empathie und Respekt zu vermitteln und daraus ein echtes Miteinander zu entwickeln. Dazu kommt noch, dass jeder Schüler durch sein Elternhaus, Freundeskreis und die persönlichen Erfahrungen geprägt ist. Wichtig ist es hier, das Eltern ihren Kindern wichtige Grundwerte mit auf den Weg geben und sich mit ihren Lebenswelten, Gefühlen und Bedürfnissen auseinandersetzen. Und das in der Welt ihrer Kinder.

Gibt es eine Botschaft an Eltern und an Lehrer?

Daniel El KathibAls Familienvater zweier Kinder, versuche ich den Selbstwert und Selbstvertrauen meiner Kinder aufzubauen, indem ich in meinem Leben authentisch bleibe und offen über eigene Gefühle und Bedürfnisse spreche. Eine der wichtigsten Botschaften ist, dass es nicht zählt, was andere von einem halten oder über ihn denken, sondern dass die Bedeutung immer durch eigene Gedanken entsteht. Und diese, kann ich beeinflussen. Genau diese Dinge müssen sich aber auch in meinem täglichen Leben widerspiegeln, sonst bin ich als Vorbild nicht glaubwürdig. Ich sage ihnen aber auch, dass nicht alles was ich tue für sie richtig sein muss und habe keine hohe Erwartungshaltung an Ergebnisse. Als Begleiter kann ich sie inspirieren und ihnen Werte vermitteln, schlussendlich entscheiden sie, was sie in ihr Leben integrieren wollen.

Karsten Röhr
Karsten Röhr Redaktion Oldenburg