Oldenburg - Fast dreieinhalb Jahre nach seinem Aus bei der EWE wegen der sogenannten Spitzelaffäre kämpft Ex-Vorstand Nikolaus Behr weiter um seinen Ruf – und um viel Geld. Der frühere Personalchef hat beim Landgericht Oldenburg Klage gegen den Energieversorger eingereicht, der Vorwurf lautet: „arglistige Täuschung“. EWE-Anwälte hätten ihn im September 2016 „mit falschen Behauptungen“ unter Druck gesetzt und so seinen Rücktritt erzwungen, sagte Behr auf Nachfrage der NWZ. Zunächst hatte das „Handelsblatt“ über die Klage berichtet.

Behr hatte 2016 per Peilsender einen früheren Mitarbeiter überwachen lassen, mit dem sich die EWE seit Jahren im Kündigungsstreit befand. Die Bespitzelung flog auf, nachdem der Ex-Mitarbeiter den GPS-Sender unter seinem Auto entdeckt hatte. Behr reichte seinen Rücktritt ein, die EWE-Spitze verurteilte die Bespitzelung scharf: „Die Überwachung von Mitarbeitern oder anderen Personen verstößt auf elementare Weise gegen von EWE vertretende Werte.“

Behr wirft dem Energieversorger nun falsches Spiel vor. Der Manager, der insgesamt 17 Jahre für das Unternehmen tätig war und damals just einen weiteren Fünf-Jahres-Vertrag unterschrieben hatte, sagt heute, die EWE-Anwälte hätten ihn mit Falschaussagen aufs Glatteis geführt. Er sah sich vor die Alternative gestellt, einen Aufhebungsvertrag zu unterzeichnen oder eine fristlose Kündigung zu riskieren, die ihn seine Altersbezüge gekostet hätte.

Die EWE habe gegen das „Gebot fairer Verhandlungen“ verstoßen, sagt Behr: „Teil der Kampagne gegen mich waren massive Rufschädigungen.“ Eine gerichtliche Aufarbeitung erscheine ihm deshalb „unvermeidlich“.

Der Ex-Vorstand fordert von der EWE nun das Gehalt, das ihm durch den Rücktritt entgangen ist – bei einer Jahreszuwendung von knapp einer halben Million Euro handelt es sich dabei inzwischen um eine hübsche siebenstellige Summe. Selbstverständlich stehe er auch für eine Rückkehr in seinen alten Job bereit, so Behr.

Rückenwind verspürt er durch ein Verfahren, das er zuvor gegen die Anwaltskanzlei Hogan Lovells geführt hatte. Behr hatte der Kanzlei Falschberatung vorgeworfen, weil sie ihn nicht darüber aufgeklärt habe, dass die GPS-Überwachung eines Mitarbeiters illegal sei. Auch bei dieser Klage ging es um einen Millionenbetrag; das Verfahren vor dem Landgericht Hamburg endete im Frühjahr 2019 mit einem Vergleich und der Zahlung einer hohen sechsstelligen Summe an Behr.

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„Ich hab’ nichts total Irres gemacht“, beteuerte Behr damals mit Blick auf die Spitzelaffäre. Das Thema hatte monatelang für Schlagzeilen gesorgt und zeitweise mit absurden Wendungen überrascht. So stellte sich 2018 heraus, dass nicht nur Behr den Ex-Mitarbeiter hatte überwachen lassen – der Mitarbeiter hatte auch Behr bespitzelt.

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Zur aktuellen Klage Behrs gegen die EWE erklärte ein Unternehmenssprecher auf Nachfrage der NWZ: „Für die gegenüber dem EWE-Aufsichtsrat erhobene Behauptung der arglistigen Täuschung sehen wir keine Grundlage und nehmen zur Kenntnis, dass Herr Behr öffentliche Gerichte nutzen möchte, um diesen Sachverhalt zu klären.“

Behr ist nicht der einzige Ex-Vorstand der EWE, der von dem Unternehmen eine Millionensumme fordert. Auch der frühere Vorstandschef Matthias Brückmann, der im Februar 2017 wegen der sogenannten Klitschko-Affäre fristlos entlassen wurde, klagt vor dem Landgericht Oldenburg gegen seinen Rauswurf – und verlangt Gehaltsnachzahlungen. Er hat Ansprüche in Höhe von insgesamt 6,6 Millionen Euro errechnet; seine Anwälte haben der EWE eine Einigung „auf hälftiger Basis“ vorgeschlagen.

Nach einem Befangenheitsantrag und anschließender Beschwerde ist die Verhandlung seit Monaten unterbrochen; die Akten liegen derzeit zur Entscheidung beim Oberlandesgericht.

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