Oldenburg - Vielleicht ist Mario Basler in Wahrheit ein Veganer mit einem Faible für Jazz, der hin und wieder mal eine Weißweinschorle trinkt? Vielleicht. Vielleicht ist er aber auch wirklich der ewige Fußball-Macho, dem die dritte Halbzeit stets wichtiger war als die Vorbereitung auf das nächste Spiel. Letztere ist zumindest die Rolle, die der Ex-Profi auf der Bühne gibt. Und das ziemlich gekonnt.
Die Halle der Kulturetage in Oldenburg ist am Montagabend komplett ausverkauft. Kurz vor seinem Auftritt wird Super-Mario, wie ihn der Boulevard damals nannte, noch am Fenster mit der Zigarette gesichtet. „Ich höre nie auf zu rauchen“, sagt er auf der Bühne, hebt sein Shirt und kratzt sich die Wampe. Das Publikum johlt. 90 Prozent sind Männer.
Mario Basler (50) stammt aus Neustadt an der Weinstraße (Rheinland-Pfalz). In seiner Fußballkarriere absolvierte er 262 Bundesligaspiele (62 Tore) und 128 Zweitligaspiele (23 Tore). 1995 wurde er gemeinsam mit Heiko Herrlich Torschützenkönig (20 Treffer). Für die Nationalmannschaft lief Basler 30 Mal auf und erzielte zwei Treffer.
Als Spieler lief Basler für den 1. FC Kaiserslautern (Jugend und Profis bis 1989), Rot-Weiß Essen (bis 1991), Hertha BSC (bis 1993), Werder Bremen (bis 1996), Bayern München (bis 1999) und erneut den 1. FC Kaiserslautern (bis 2003) auf. Danach ließ er seine Karriere bei Al-Rayyan in Katar (bis 2004) und in verschiedenen Amateurvereinen ausklingen. Zudem arbeitet Basler als TV-Experte.
Als Trainer, Co-Trainer oder im Management arbeitete Basler für Jahn Regensburg, TuS Koblenz, Eintracht Trier, Wacker Burghausen, Rot-Weiß Oberhausen, Lok Leipzig und Rot-Weiß Frankfurt. Seit diesem Sommer wird er als „Spieler und Berater“ beim TSG Eisenberg (A-Klasse Rheinland Pfalz, 9. Liga) geführt. Sein Sohn Maurice ist ebenfalls dort aktiv.
Zwei Sessel stehen auf der Bühne, wie geklaut aus dem TV-Doppelpass. Doch es gibt keinen Wontorra, der dem Ex-Kicker die üblichen Fußball-Plattitüden entlockt. Statt dessen gibt es Basler pur, der zwar übers Laufen stöhnt aber selten sitzt, statt dessen auf der Bühne hin und her tigert.
Dabei ist er besser vorbereitet als früher auf so manche Partie. Gegen den VfB Oldenburg habe er 1993 sein drittletztes Zweitligaspiel gemacht, erzählt er. „Und heute seid ihr in der Regionalliga. Wie viele Zuschauer?“ 8000, ruft einer aus dem Publikum. „Nach 34 Spieltagen, oder wie?“
Basler trifft den Ton, hat ein gutes Timing für die Pointen und ist mitunter spontan. Seine Anekdotensammlung, die er zum Besten gibt, erzählt er frei und lebendig von der Leber weg. Mit dabei sind Geschichten von den alten Recken: Oliver Reck, Thorsten Legat und natürlich Otto Rehhagel. Um Fußball geht es dabei eigentlich selten. Dafür öfter um Sauftouren, um Kuriositäten abseits des Platzes und um den trainingsfaulen Mario, der – Basler über Basler – aber am Ende doch der Beste war und ist. „Heutzutage wäre ich der bestbezahlteste Spieler – naja, vielleicht zweitbester.“
Es geht nicht um den Sport an sich bei diesem Bühnenauftritt. Es geht um Typen, die im heutigen Hochglanzfußball keinen Platz mehr haben. Die Schnauzbärte tragen, in der Halbzeit eine rauchen und besoffen ihren Porsche zerlegen. Und es geht um Fußballfans – das zeigt die volle Halle – die diese gefühlte Nähe zu ihren Stars und deren offene Schwächen zu vermissen scheinen.
Es geht aber auch um manch fragwürdige Einstellung aus dieser Zeit der harten Fußball-Kerle. Ist es wirklich lustig, wenn Basler Saufgeschichten über den damals alkoholkranken Mannschaftskollegen Uli Borowka erzählt? Das Publikum grölt. Doch wer Borowkas Buch gelesen und ihn selbst einmal referieren gehört hat, dem bleibt das Lachen im Halse stecken. Und muss man es hinnehmen, wenn Basler über die umstrittenen Äußerungen von Schalke-Chef Clemens Tönnies sagt: „Das hätte er sich sparen können, aber das war doch nicht rassistisch“? Applaus immerhin nur von Teilen des Publikums.
In Oldenburg steht einer auf der Bühne, der zweifelsohne ein toller Fußballer war, der aber später als Trainer scheiterte. Das hat er längst akzeptiert, sonst würde er die aktuelle Spielergeneration nicht so schonungslos aufs Korn nehmen. Thomas Müller? „Ich bin der festen Überzeugung, dass der keine 20 Mal den Ball hochhalten kann. Der kann nur rennen.“
Dementsprechend bleibt Mario Basler nur die Chance, immer weiter den Weißbier trinkenden, egozentrischen, nörgelnden Mario Basler zu spielen. Als TV-Experte und auf der Bühne. Das kann er sehr gut. Aber es klingt auch sehr anstrengend. Man kann ihm nur wünschen, dass er wenigstens zu Hause mal bei einer Weißweinschorle abschalten kann.
